Andreas Giebel: Das Rauschen in den Bäumen

Giebel

Mein Mann und ich haben ein paar Tage in München verbracht. Dort sahen wir uns im Lustspielhaus das Programm Das Rauschen in den Bäumen von Andreas Giebel an. Mir gefiel das Konzept des Hauses. Im Raum, in dem die Vorstellung stattfindet, sind Tische aufgestellt. Gäste der Vorstellung können im Vorfeld ein Menü reservieren. Eineinhalb Stunden vor Beginn des Programms kommt man dann in den Veranstaltungsraum, isst gemütlich Vorspeise und Hauptgericht, trinkt ein Glas Wein und schaut sich das Programm an. Der Nachtisch wird in der Pause serviert, wo man auch Getränke nachbestellen kann. Das klang doch nett.

Leider hatte ich nicht bedacht, dass der Vorführungssaal einer Bühne dichter mit Menschen gefüllt sein wird als ein Restaurant. Die Tische sind winzig, und sehr eng aneinandergereiht. Teller und Gläser haben gerade darauf Platz (der Brotkorb wird auf die Tischlampe gestellt). Die Kellner müssen sich an den Gästen verbeiquetschen. Jeder, der nicht das Glück hat, an der Innenseite der Serviergänge zu sitzen, wird angerempelt. Der Lärmpegel schwillt stetig an, bei der Hauptspeise muss man beinahe schon schreien, damit man sich unterhalten kann.

Dann beginnt die Vorstellung.

Auf der Bühne steht nur ein Tisch mit einem Glas Wasser und etwas abseits davon ein Kleiderständer. Giebel setzt sich und erzählt. Von dem Platz, an dem er lebt. Von den Leuten, denen er täglich begegnet: Die Blumenverkäuferin Lydia, bei der er sich vorstellen könnte, in sie verliebt zu sein. Der Maler Glukowatz, der Pointilistische Aktbilder malt und beim Versuch, ein Deckenfresko in seinem Atelier zu malen, zu Tode kommt. Der Penner Klaus, mit dem er immer ein groteskes Melodieerkennspiel spielt. Der Drogeriebesitzer, bei dem er aus Mitleid kauft.

Die bayerische Romantik spricht er an: Sie fragt: „Liebst du mich noch?“ Er sagt darauf: „I hätt scho gsagt, wenn was ned passt.“

Er erzählt von seinen Freizeitbeschäftigungen: Der tägliche Besuch beim Arzt, bei dem er warten muss, aber nichts geschieht, den er aber gar nicht anders haben wollte. Der tägliche Besuch in der Bar „Wesereck“, wo er die immer gleichen Leute antrifft: Die aufdringliche alleinstehende Frau aus Hessen, den Professor, der sein Laminiergerät in die Bar mitbringt und für die Gäste alles Mögliche laminiert. Und natürlich Graziano, der mit großem Tamtam Platituden von sich gibt, die Giebels Figur als große Lebensweisheiten aufnimmt und die ihm Impulse für seinen großen Traum geben: einen Roman zu schreiben – nicht den großen Roman, nein, einen Groschenroman (weil der Trafikant, der die immer gleichen unlustigen Witze macht, sagt, die verkaufen sich gut.)

Anfang und Schluss hat er noch keinen. Aber Sätze für den Mittelteil („Heike macht eine Schublade zu“), die er aber noch aneinanderreihen muss. Bis jetzt hat er sie nur einzeln auf Zetteln aufgeschrieben und trägt diese in der Hemdtasche mit sich herum.

Die Leute sind ihm oft lästig, ihr Verhalten spielt sich nach dem immer gleichen vorhersehbaren Muster ab. Manchmal geht er ihnen aus dem Weg.

Andreas Giebel gestaltet sein Kabarett in einer ähnlichen Weise wie Gerhard Polt. Er erzählt von normalen Leuten und macht wenige Kalauer. Die Figuren – leicht und lustig, mit guten Pointen beschrieben – ließen mich über die täglichen sozialen Kontakte im eigenen Umfeld nachdenken. Wie viele davon eigentlich auch lästig sind, oder vermeidbar, oder vorhersehbar. Wie gefangen ich eigentlich bin im eigenen Umfeld. Wie sehr es andererseits auch ausmacht, was ich bin. Wie es meine Ideen, Vorstellungen und Wünsche beeinflusst. Wie seltsam es mir manchmal vorkommt, wie anders als ich mich selbst sehe. Wie ich dabei nicht merke, dass ich eigentlich genau hineinpasse, es gar nicht anders haben wollte. Wie ich im Grunde einer von diesen seltsamen Menschen bin, von denen Giebel erzählt, nur ein bisschen anders vielleicht, und ohne Laminiergerät.

 

Quelle Bild: Lustspielhaus, Till Hofmann GmbH

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Andreas Giebel: Das Rauschen in den Bäumen

  1. Heidi Jäger schreibt:

    Polt, Grünmandl, Giebel, in den Alpenländern muss was im Wasser sein….

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