Toleranz

Toleranz

„Wir leben in einer toleranten Gesellschaft.“ Oder: „Ich bin ein toleranter Mensch.“ Oder: „Man soll schon tolerant sein.“ Oder wie Staatssekretär Kurz sagte: „Werte müssen vermittelt werden, damit Solidarität, Leistungsbereitschaft und Toleranz nicht nur Schlagwörter bleiben, sondern mit Leben erfüllt werden.“

Wie oft habe ich Sätze wie diese gehört, ohne mir etwas dabei zu denken. Ich war der Meinung, Toleranz sei etwas Gutes. Warum auch nicht, ist sie doch das Gegenteil von Intoleranz. Und die ist schlecht, keine Frage.

Aber was ist Toleranz eigentlich? Toleranz ist etwas, das man erträgt. Also vom Wortstamm her. Vielleicht wird man jetzt sagen: So wird das Wort doch nicht verwendet, es ist eindeutig positiv besetzt.

In der Mikrobiologie ist ein hitzetoleranter Organismus einer, der bei höheren Temperaturen nicht stirbt, einer der bevorzugt bei hohen Temperaturen lebt, ist thermophil. Aber wir sprechen nicht von Mikrobiologie, sondern von Gesellschaftspolitik.

Aber auch hier hat Toleranz den Beigeschmack des Ertragens und Erduldens. Toleranz ist nichts, was man gerne macht, nichts, was natürlich kommt. Es ist etwas, wofür man einen Aufwand betreiben, sich überwinden muss.

Zwangsläufig fühlt sich der Tolerante dem Tolerierten überlegen. Würde er ihn als gleichwertig sehen, müsste er ihn nicht tolerieren.

Toleranz ist die Kolonialisierung der Moral, weil eine Gruppe allen anderen Gruppen ihre Werte aufstülpen möchte.

Mit Toleranz allein kann es zu keiner Gleichberechtigung kommen. Wer Migranten, Feministinnen, Schwule und Lesben, Religionsgruppen, etc. nur toleriert, wird immer ausgrenzen, das Trennende in den Vordergrund stellen und nicht die Gemeinsamkeiten suchen. Und in willkürliche, subjektiv aber logisch erscheinende Gruppen einteilen.

Die tolerante Gesellschaft erduldet, was sie eigentlich nicht gutheißt. Sie sagt im Grunde: Woran wir glauben, wen wir lieben, wie wir uns benehmen, was uns gefällt, ist richtig. Ihr macht anderes, das werden wir aushalten, weil wir gut sind obwohl uns lieber wäre, ihr würdet uns ähnlicher sein. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass die tolerante (dominante) Gruppe keineswegs so homogen ist, wie sie behauptet, zu sein.

Sie fühlt sich milde dabei, sie glaubt, es steht ihr zu, über andere zu urteilen. Sie definiert, was die Norm ist und was gerade noch innerhalb jener Abweichung ist, die tolerierbar ist und was außerhalb davon und deshalb verwerflich.

Das ist ein sehr schmaler Grat. Weil man nicht gerne etwas erduldet, kann einem das Erdulden leicht zu viel werden. Dann kann die Grenze zwischen gerade noch erduldbar und eben nicht mehr tolerierbar leicht verschoben werden. Das ist gut zu beobachten, wenn ausländerfeindliche Propaganda von Rechtsparteien populär wird. Wenn gegen die Gleichstellung der Ehe protestiert wird. Wenn ein Anschlag verübt wird und sofort eine ganze ethnische Gruppe medial in Frage gestellt wird.

Natürlich ist Toleranz besser als Intoleranz, ein erster Schritt, um Verkrustungen aufzuweichen, um zu zeigen, dass ein Aufklärungsbedarf da ist. Dulden ist besser als Demütigen und Vertreiben. Dulden bedeutet aber keineswegs vorurteilsfrei zusammenzuleben.

Goethe sagte: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Anerkennung ist besser als Toleranz. Anerkennung setzt wenigstens eine Beschäftigung mit den Anzuerkennenden voraus, den Versuch aktiv zu verstehen, anstatt nur unreflektiert und passiv etwas auszuhalten. Sie macht Gleichberechtigung erst möglich (obwohl auch dort die Mehrheit über die Aufnahme einer Minderheit entscheidet).

Auch sie kann nur vorrübergehend sein. Das Ziel ist doch, dahin zu kommen, wo die Unterschiede respektiert werden, aber nicht mehr das gesamte Zusammenleben definieren. Wo es niemanden aufregt, ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder ein Mann Seidenstrümpfe. Wo man den Kirchturm schön findet und sich nicht über das beinahe gleichaussehende Minarett aufregt. Wo ein Mensch dick sein darf oder alt oder schrill oder sexy und trotzdem für voll genommen wird. Wo eine Frau sich nicht ständig dafür rechtfertigen muss, Hausfrau zu sein oder berufstätig. Wo niemand für einen Drogendealer gehalten wird, nur weil seine Hautfarbe dunkel ist. Wo sich Menschen lieben können, die einander gern haben, ohne dass jemand Anstoß daran nimmt. Wo die Unterschiede soweit egal werden, dass man sie nicht mehr wahrnimmt und Menschen ganz einfach individuell beurteilt werden und nicht nach der Gruppe, in die sie eingeteilt wurden.

Das erreichen wir nicht durch Erdulden, sondern durch Verstehen, dass die gängigen Einteilungen in Gruppen (von Ethnie, Religion, sexueller Präferenz, etc.) willkürlich sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Toleranz

  1. sebastiandrimmler schreibt:

    Marcuse hatte natürlich recht: http://de.wikipedia.org/wiki/Repressive_Toleranz

  2. sebastiandrimmler schreibt:
  3. claudiaveratti schreibt:

    Ich tue mir aber auch schwer, Leute wie Herrn Apfel mehr als zu tolerieren 🙂

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