Frühlingsarbeiten und Kirchenlieder

Jetzt, wenn der lange, sich zäh dahinschleppende Winter endlich verschwindet und schubweise dem Frühling Platz macht, beginne ich den Garten frühlingsfit zu machen. Ich reiße die von Frostschäden braun gewordenen Blätter aus. Ich kärchere stundenlang (oder so kommt es mir vor)die Terrasse, bis meine Hose nass ist und sich der Schmutz gelöst hat und nun gleichmäßig auf der Terrasse verteilt ist. Die Gartenstühle schleppe ich herbei und topfe Stiefmütterchen in die Blumenschalen vor der Tür.

Das mache ich alles, wenn die Kinder in der Schule sind. Nachmittags richte ich den Kinderteil des Gartens her. Wir haben einen Tischtennistisch gekauft. Der besteht aus hundert Teilen, die in der richtigen Reihenfolge zusammengeschraubt werden müssen. Natürlich ist kein Werkzeug dabei. Natürlich fehlt in meinem Werkzeugkasten – also in der Schublade, in die ich unser Werkzeug hineinwerfe – genau der 10er-Schlüssel, von dem man 2 Stück zum Zusammenbau des Tischtennistisches braucht, weil jede Schaube einen gleichgroßen Kopf hat wie die dazugehörige Mutter.

Zum Glück finde ich einen halbkaputten 10er-Schlüssel, der einst mit einem Regal mitgeliefert wurde. Den Schraubenkopf halte ich mit der Rohrzange. Die rutscht bei jeder Vierteldrehung ab. Ich werde immer nervöser. Die Kleinste sitzt auf der Plastikrutsche für Kleinkinder, die ich nie weggeräumt habe, weil ich gar nicht wüsste, wo ich die entsorgen soll, und sagt immer wieder: „Und wann, Mama, baust du das Trampolin auf?“

Ich schaffe es, das Fluchen so lange zu unterdrücken, bis mir die Rohrzange zum zwanzigsten Mal herunterfällt und gleichzeitig die Kleine zum fünften Mal ihr Trampolin verlangt. Dann bricht es aus mir heraus, ich packe meinen Wortschatz aus, nehme keine Rücksicht darauf, dass die Kinder diese Wörter in der Schule wiederholen können und allen sagen, die hätten sie von der Mama gelernt. Danach ist mir wohler, die Hand wird ruhiger, irgendwann steht der Tischtennistisch fertig im Garten. Bis dahin haben alle die Lust zum Spielen verloren. Am nächsten Tag vielleicht, denke ich, wird meine Mühe honoriert.

Am nächsten Tag regnet es, ich kaufe einen neuen Werkzeugkasten. Am übernächsten Tag fordert die Kleinste ihr Recht ein. Ich suche in der Garage Teile des Trampolins zusammen. Auf einem Haufen liegen Trampolin- und Schaukelteile. Ich lasse die Kinder alle grauen Stangen zum Trampolinplatz tragen. Als ich auch hinkomme und sie mir ansehe, weiß ich nicht mehr, wie ich sie zusammensetzen muss. Die Anleitung ist natürlich längst verlorengegangen. Ich hoffe nur, alle Bestandteile sind noch da.

Nach einer halben Stunde des Grübelns stelle ich fest, dass die Hälfte der Stangen doch zur Schaukel gehört haben muss (obwohl die Schaukel bunt ist) oder zum Dachträger des Autos. Nun geht die Arbeit rasch dahin, das Grundgestell ist schnell aufgebaut. Jetzt muss das Netz gespannt werden. Diesmal mache ich nicht den Fehler, alle Federn der Reihe nach zu spannen und bei der Hälfte wegen Verspannung nicht mehr weiterzukönnen. Diesmal nicht. Trotzdem geht es nicht ganz reibungslos, weil ich nur geschätzt und nicht gezählt habe, wo die Federn hineinkommen. Ich muss Federn umhängen, manche von ihnen wollen nicht mehr aus dem Gestell heraus. Gerade will ich wieder eine Fluchtirade loslassen, um mich zu erleichtern, da höre ich, wie die Kleinste auf der Rutsche ganz lieblich singt: „Gott liebt uns alle.“

Mir bleiben die Schimpfworte im Hals stecken und ich bringe nur: „Was singst du da?“ heraus.

„Haben wir im Chor gelernt“, sagt sie stolz und singt es noch einmal.

„Bitte sing das nicht, ich bin eh schon von dem Trampolin genervt.“

„Warum nicht, ist doch schön, wenn Gott uns lieb hat“; sagt sie und trällert weiter.

Die Flüche stoße ich leise aus, sie übertönen das in Endlosschleife gesungene Lied nicht. Irgendwann an diesem Tag wird das Trampolin fertig.

Die Kinder hüpfen glücklich darauf herum. Dann spielen wir gemeinsam Tischtennis. Dann hüpfen sie noch ein bisschen. Der Frühling ist nun tatsächlich da.

Und in dem Beutel, in dem ich die Sprungfedern aufbewahrt hatte, liegt ganz zuunterst der 10er Schlüssel. Aber jetzt brauche ich ihn nicht mehr.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Frühlingsarbeiten und Kirchenlieder

  1. Hofnarr schreibt:

    Warum eigentlich hilft oder half Dir Dein Mann nicht bei all diesen Aufbauereien der Gartengeräte?! Der fehlt mir tatsächlich in Deiner Erzählung… Du hättest wohl bloss die ganzen Aktivitäten aufs Wochenende verschieben sollen, dann hättest Du Dich nämlich vermutlich weniger genervt… Zu zweit geht’s immer einfacher!

    Oder fehlt Dein Ehemann neuerdings auch in der Realität, wie’s Single-Frauen mit Kindern hätten?!

    • Karin Koller schreibt:

      Weil ich das gerne mache (auch weil man die schönsten Sachen dabei erlebt) und mein Mann nicht.

      • Hofnarr schreibt:

        Doch Du beschreibst intensiv, Du hättest Dich genervt beim Aufbau der Gartengeräte… so sehr sogar, dass Du Deine Kinder beim Singen unterbrechen musstest, weil auch dies Dich schliesslich noch zusätzlich nervte…

      • Karin Koller schreibt:

        That’s life…

      • Hofnarr schreibt:

        Ja, so ist es. Aber jetzt beglückt Dich/Euch ja das gemeinsame Herumspringen und Herumspielen des Nachwuchses im Garten… Sehr gut! Denn das ist letztlich wohl den ganzen Sommer über jetzt massgebend, Du hast recht.

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