Viktorsberg

Viktorsberg

Wenn wir unterwegs sind, geht meine Mutter in jede Kirche hinein. Sie besprengt sich mit Weihwasser, hält in Andacht inne, schaut sich die Kirche an. Mir erschien das immer als furchtbar langweilig. Was sollte es da schon für mich zu sehen geben? Hier ein Jesus, dort eine Maria, hier eine Goldsäule, dort ein buntes Fenster. Immer gleich, immer vorhersehbar. Dachte ich.

Dann las ich Umberto Ecos „Geschichte der Hässlichkeit“. Ein Kapitel widmet sich der Kunst in der katholischen Kirche. Die Verklärung der Märtyrer im Tod, die an sexuelle Ekstase grenzt, und Darstellungen des Teufels mit deren Lust an Folter und Tod werden dort beschrieben.

Ich begann, mir ganz bewusst die Bilder in Kirchen anzusehen, und merkte, wie viele interessante kulturgeschichtliche Kleinigkeiten man dabei entdecken kann. Oft auch in unscheinbaren Bildern, die in einer dunklen Ecke versteckt ein Schattendasein fristen, oder in Inschrifttafeln am Boden, oder in als Schnitzwerk in Holztäfelungen.

Es gibt aber auch Kirchen, die jene Dinge, die mir am interessantesten erscheinen, stolz und offen zur Schau tragen.

Die Viktorsberger Kirche gehört dazu. An einem sonnigen Frühlingsnachmittag wanderte ich mit meinen Kindern auf den Viktorsberg. Dort gibt es nicht viel mehr als die Kirche, das Kloster und zwei Gasthäuser. Und eine wunderschöne Aussicht auf das Rheintal.

Ich wollte mir die Kirche ansehen. Die Kinder waren nur mäßig begeistert. Die Kirche in Viktorsberg ist eine kleine, hübsche Barockkirche. Auf den ersten Blick sieht sie aus, wie viele dieser schön renovierten, gut gepflegten Dorfkirchen mit einem Hauptaltar, zwei Seitenaltären, Kreuzwegbildern an den Rändern und Bildern an den Scheiben.

Den zweiten Blick lenkte ich an die Seitenwand. Dort befand sich ein bizarres Bild: Priester, Bürger, Nonnen und ein Bischof knien und stehen andächtig um einen Altar. Direkt vor dem Altar kniet ein Mönch (Hl. Eusebius) in einer einfachen Kutte mit einem Rosenkranz um den Bauch geschlungen. Dieser Mönch legt einen Kopf mit Heiligenschein auf den Altar. Es ist sein eigener Kopf. Zwischen seinen Schultern ist deutlich ein offener Hals erkennbar, aus dem Blut strömt. Neben ihm legt ein Mann zwei Vögel (?) auf den Altar. Alle auf dem Bild abgebildeten Personen sehen so aus, als wäre das alles ganz normal.

Ich hob den Blick zur Decke. Das Deckengemälde war noch sonderbarer: Eine Gruppe in feinster Seide gekleideter Geistlicher und Bürger (auch Damen) wandert auf einem Bergweg, einem Wallfahrtsweg wahrscheinlich. Einige von ihnen tragen einen Baldachin, um den Bischof vor der Sonne zu schützen. Dieser hält einen auf ein Kissen gebetteten Totenschädel in den Armen.

Die Gruppe trifft auf zwei Bauern, die gerade einem Mönch mit der Sense den Kopf abgeschlagen haben. Der kopf- und halslose Mönch hält seinen blutenden Kopf in den Händen und präsentiert ihn der vornehmen Gesellschaft. Die meisten von ihnen wenden den Kopf ab oder gen Himmel mit einem erstaunten Ohh! auf den Lippen. Die Bauern sehen aus, als würden sie sich vor dem Bischof fürchten. Über ihnen auf einer Wolke sitzt eine Frau (die Muttergottes?) mit einem Dreifaltigkeitszeichen in der einen und einem Füllhorn in der anderen Hand. Sie lächelt den abgetrennten Totenkopf an, als wäre er ein alter Freund.

Ich wunderte mich gerade über die bizarren Darstellungen, da hörte ich einen Schrei von meinem Sohn: „Mama, Mama, da ist ein Totenschädel.“

Tatsächlich war im Seitenaltar in einem Schrein hinter Glas ein echter Totenkopf (behauptet wird von Papst Viktor I) ausgestellt. Über den Totenschädel war ein durchsichtiger Schleier gelegt. Bedeckt war der Schädel mit einer goldenen Krone. Das sah sehr gruselig und surreal aus. Meine Kinder empfanden das zumindest so.

Diese Kirche zeigt sehr schön, welchen Aufwand die Katholische Kirche betreibt, um ihren Gläubigen eine Show zu bieten (zumal die Legende des Hl. Eusebius erst etwa 900Jahre nach seinem Tod wieder aufgefrischt wurde http://www.kloster-viktorsberg.at/geschichte.htm ).

Die gleichen Gläubigen, die sich die Darstellungen mit Ehrfurcht anschauen, und für die diese Totenschädelreliquie heilig ist, würden ähnliche Darstellungen in anderem Kontext (z. B. auf einem Tattoo, oder in einer schummrigen Bar) als grauslich und unseriös empfinden.

Funny old world…

  

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Viktorsberg

  1. tooryeaye schreibt:

    Gruselig. Was damit wohl bezweckt wurde?

  2. Lena schreibt:

    schauderbar, das protestantische bilderverbot hat also doch auch vorteile 🙂

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