Pensées: Reime

Erl

  1. Meine Kinder lieben Reime.
  2. Oder besser liebten, jetzt kommen sie sich schon zu groß vor für viele Kinderreime.
  3. Meine Mutter hat ein Gedichtebuch in Kärnten, das wir jeden Sommer durchlesen.
  4. Dort sind klassische Kinderabzählreime genauso zu finden, wie Nonsensgedichte, nachdenkliche Gedichte, lustige Zungenbrecher und bekannte Gedichte für Erwachsene.
  5. Die Kinder können einige Gedichte aus diesem Buch auswendig.
  6. Im Auto auf einer langen, langweiligen Fahrt sagen sie manchmal zum Spaß „der Bauer schickt den Jockel aus“ auf. Dann überlegen wir uns wie das denn sein kann, dass der Ochse das Wasser säuft und das Wasser danach das Feuer löscht. Oder wäre es umgekehrt möglich?
  7. Wenn sie es müde werden, Gedichte zu rezitieren, dann erfinden wir neue. Mit verschiedenen Tieren, zur Melodie von Alle meine Entchen, oder über Familienmitglieder, bis sich einer zu schlecht charakterisiert sieht oder ich Erschöpfungserscheinungen bekomme.
  8. Zungenbrecher haben sie auch gerne. Ich auch. Meine liebsten sind: „Der Spitz und der Pudel trinken spritzigen Sprudel, spritzigen Sprudel trinken Spitz und Pudel“ (vielleicht auch weil der Zungenbrecher die Sektkultur der hiesigen Mütter reflektiert). Und: „Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen.“
  9. Interessant an unserem Gedichtebuch ist auch, wie fließend der Übergang von Kindergedichten zu Erwachsenengedichten scheint. Wann ist ein Kind groß genug, Goethe zu verstehen? Wenn es Vergnügen am Zuhören hat?
  10. Meine Kinder hassen den Zauberlehrling, aber aus mir unerfindlichen Gründen lieben sie den Erlkönig und Belsazar.
  11. Gedichte bringen sie zum Lachen und manchmal zum Nachdenken. Wenn ich beobachte, wie meine Kinder Gedichte wahrnehmen, verstehe ich selbst auch plötzlich etwas darüber, wie Lyrik Emotionen auslöst.
  12. Besonders wenn es sich um Nonsensgedichte handelt, die ohne Worte Angst oder Freude ausdrücken. Wie sie das weite Feld des Unbenennbaren oder des nur schwer zu Benennenden beschreiben. Wie man anhand von Gedichten lernen kann, Gefühle auszudrücken, für die man vorher nur Sprachlosigkeit hatte.
  13. Ich zumindest. Vielleicht auch die Kinder.
  14. Manche Reime trösten auch.
  15. Das Regenwürmerlied zum Beispiel: „Hört ihr die Regenwürmer tanzen, wie sie sich in der Erde dreh‘n, wie sie sich winden und dann verschwinden auf nimmer, nimmer wiederseh’n. Und wenn sie fort sind, bleibt ein Loch. Und wenn sie wiederkommen, bleibt es immer noch, zwei, drei, vier, hört ihr die Regenwürmer singen, wie sie sich in der Erde dreh’n….
  16. Und immer so weiter. Bei jeder Strophe muss man sich eine Tätigkeit für die Regenwürmer ausdenken.
  17. Ich habe das Lied hunderte Male gesungen.
  18. Als Katharina krank war. Bei jeder Untersuchung in Endlosschleife.
  19. Ich weiß gar nicht, wie ich darauf gekommen bin. Vielleicht habe ich einfach gespürt, dass Singen sie beruhigen könnte. Vielleicht wollte ich nur aus Verzweiflung etwas machen, um das Weinen meines Kindes zu übertönen. Etwas, wodurch ich mir selbst auch nicht so schlecht vorkam, wenn ich sie auf die Liege drücken musste, damit sie untersucht werden kann.
  20. Die Endlosigkeit des immer wieder von neuen beginnenden Liedes schien Katharina zu beruhigen. Mich beruhigte sie auch.
  21. Die monotone Repetition erforderte keine Kreativität, keinen Aufwand, keine immer neuen Ausreden und Erklärungen wann und wie es besser oder leichter sein würde, oder gar zu Ende. Nein, ich brauchte nur vor mich hin zu singen, leise in Katharinas Ohr und sie schien zu wissen, solange ich sang, solange war es nicht wirklich schlimm, solange durfte der Arzt auch Pflaster mit Elektroden an ihrer Brust befestigen oder mit dem Ultraschallsensor durch den Glibber an Brust und Bauch fahren.
  22. Freude machte diese Art, einen Kinderreim zu rezitieren auch nicht.
  23. Für immer werde ich den Regenwürmer-Reim mit Leukämie assoziieren, und mit Katharinas Kindheit.
  24. Und immer, wenn mir der Regenwürmer-Reim einfällt, werde ich schnell an einen anderen Reim denken. An einen, bei dem wir alle lachen konnten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Kultur, etc. abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Pensées: Reime

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Wunderschöne Gedanken, und zu Glück gibt es viele Alternativen, die euch zum Lachen bringen. Reime sind toll, liebe Grüße von Doris

  2. dorothea schreibt:

    Schön

  3. macht mut. ich würde auch gerne drüber schreiben können.
    danke

  4. lisimoosmann schreibt:

    Schön. Du solltest einmal eingehender über die Leukämieerkrankung und ihre Bewältigung schreiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s