Buchtel

Während ich im Garten arbeite, meine Kinder im Trampolin hüpfen und ich eigentlich meine Seele baumeln lassen möchte, bricht schon wieder ein Streit aus. Wieder geht es um etwas völlig Unerhebliches, weil es eben schwierig ist, zu dritt in einem Trampolin zu spielen, ohne sich in die Quere zu kommen. Es ist das übliche Gezeter. Zunächst.

Dann schreit Lukas: „Du Schwuchtel.“

Er sagt das zu seiner großen Schwester, die sich gleich ins Haus verzieht. Was soll ich jetzt tun? Kurz überlege ich, dann greife ich ein. Eigentlich möchte ich erklären, dass das Wort hässlich ist, weil es Menschen auf hässliche Weise diskriminiert. Dass das Wort nichts mit seiner Schwester zu tun hat und schon gar nicht als allgemeines Schimpfwort, als Synonym für alles Schlechte verwendet werden soll. Aber dann müsste ich zu viele Dinge erklären, die ich ohnehin schon hundertmal erklärt habe. Die mein Sohn eigentlich schon verstanden hat. Er aber benutzt das Wort trotzdem immer wieder, weil es offenbar in seiner Schule gerade in ist, es zu verwenden. Ich müsste auch den Streit überschreien, den er gerade mit seiner kleinen Schwester angezettelt hat.

Ich sage einfach: „Du weißt genau, dass ich nicht möchte, dass du das Wort verwendest.“

Er schaut mich nur an, grinst und sagt dann: „Na gut, dann sage ich halt du Buchtel“, und probiert das gleich an Katharina aus: „Du Buchtel, du Buchtel, du blöde Buchtel.“

Der Streit ist sofort beendet, weil beide lachen müssen. Sie liegen auf dem Trampolin, wippen herum und denken sich neue Schimpfwörter aus: „Du Palatschinke mit Nutella“, schreit Katharina triumphierend.

„Du Eiernockerl.“

„Du Bauernkrapfen.“

„Du Dampfnudel“, fetzen sie sich an die Köpfe. In der Luft klingt ihr Kichern. Das Trampolin wackelt, weil sie sich schütteln vor Lachen. Der Streit ist vergessen, sie versuchen einander zu übertrumpfen und haben Spaß miteinander.

So schnell kann es gehen.

Ich bin selbst belustigt, die Episode gibt mir aber auch zu denken. Warum sind manche Wörter Schimpfwörter und andere nicht? Warum sind beinahe alle Nutztiere (außer Pferd und Ente) Schimpfwörter und beinahe alle Haustiere (außer Hund) keine? Wie kommt es, dass sich Schimpfwörter etablieren? Bei „Schwuchtel“ ist das relativ leicht nachvollziehbar, wenn man die Jahrhunderte andauernde kontinuierliche Propaganda von Kirche und Politik berücksichtigt, die alles daransetzt, den Begriff „schwul“ auf allen gesellschaftlichen Ebenen zum Synonym von „schlecht“ zu machen.

Oder wie Wörter erst zu Schimpfwörtern werden, wenn sie auf eine bestimmte Weise ausgesprochen werden. Ein Freund meines Sohnes sagte in höchster Wut einmal zu ihm: „Du Mensch!“

Es klang so demütigend, kein „Arschloch“ hätte schlimmer sein können. Umgekehrt sage ich manchmal zu meiner Tochter „Depperl“ und wir wissen beide, dass das nett gemeint ist (auch wenn es hier nicht unbedingt so aussieht).

Bei der Episode im Garten finde ich interessant, wie das Verschieben von ernst und böse gemeinten Schimpfworten hin zu lustigen, netten, kreativen Schimpfwörtern bei den Kindern sofort den Streit entschärft. Wie weitere böse Schimpfworte höchstwahrscheinlich zu einer Schlägerei geführt hätten. Wie schnell der Grund des Streits durch die Backwaren-Ablenkung vergessen war.

Sie sind halt Kinder, bei denen geht das schnell, wird man jetzt sagen. Das stimmt auch, Kinder lassen sich sehr leicht ablenken von den scheinbar größten Wichtigkeiten ihres Daseins. Das auszunützen ist ein wichtiger Erziehungstrick.

Ich sollte von ihnen lernen, wenn ich gerade Streit habe, jedes Wort auf die Waagschale lege und alles verfahren aussieht. Dann sollte ich zu meinem Gegenüber sagen: „Du Buttercremetörtchen“ Vielleicht würden wir dann innehalten und gleich merken, dass der Streit völlig unbedeutend war und genauso schnell vorbei sein könnte, wie jener der Kinder, wenn wir nicht so verbohrt wären.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Buchtel

  1. Lena schreibt:

    Gute Idee, du Buttercremetörtchen!

  2. Peter Haas schreibt:

    „Buchteln“ haben ja bei meiner Großmutter im Südburgenland immer „Wuchteln“ geheißen. Und „Wuchtel“ wurde von uns Kindern sehr wohl als Schimpfwort für etwas beleibtere Menschen verwendet. 🙂

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