Songs: Natalie Merchant, Motherland

Bevor ich Mutter wurde, war es mir unvorstellbar, schwanger zu sein oder eine Geburt zu erleben. Nachdem meine älteste Tochter auf die Welt kam, war es mir immer noch beinahe unvorstellbar, dass ich eine Geburt hinter mich gebracht hatte.

Mutter zu werden, war für mich – und ist es bis heute noch – ein ständiges Betreten von Neuland. Vieles, das ich vorher glaubte zu wissen, nützte mir nun gar nichts mehr. Ich stand da mit einem winzigen Kind (viel winziger noch, als ich mir vorgestellt hatte, besonders die Beinchen und die Fingerchen mit den noch winzigeren Fingernägeln, die früher oder später geschnitten werden mussten) und wusste nichts.

Der erste Instinkt war, das Baby zu schützen. Es vor allen Widrigkeiten und Gemeinheiten zu bewahren. Dieser Instinkt hat mich nicht wieder verlassen. Damit meine ich nicht nur, dass ich das Beste für meine Kinder will. Ich musste sogar noch in der Spielgruppe, bei jeder Unachtsamkeit eines anderen Kindes, den Impuls unterdrücken, einzugreifen und mein Kind zu verteidigen.

Nach der Geburt sah ich Anna stundenlang nur an. Das war das Aufregendste, das ich bis dahin gemacht habe. Dieser neue Mensch, dem wir gerade einen Namen gegeben haben, der noch nichts gemacht hat, der frei war und doch völlig von mir abhängig.

Als Anna so vor mir lag, keine vier Stunden alt, da träumte sie schon. Sie zuckte im Schlaf, dann verzog sie ihren Mund. Es sah beinahe wie ein Lächeln aus. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass sie ein ganz eigenständiger Mensch war, denn ich nicht verstand, niemals vollständig verstehen würde.

Wovon konnte sie träumen, fragte ich mich, sie wusste ja noch nichts, hatte noch nichts gesehen. Trotzdem erschrak sie im Traum und fühlte sich danach wieder sicher. Diese Sicherheit wollte ich ihr immer geben. Nur wusste ich nicht wie. Jetzt weiß ich es noch weniger. Damals war es noch recht leicht. Ich nahm sie in den Arm, wiegte sie sanft hin und her, summte ihr ein Lied vor, bis sie einschlief.

Ich spürte die Innigkeit der Umarmung und ihr blindes Vertrauen zu mir. Dieses Vertrauen gab mir selbst Sicherheit. Solange sie sich bei mir wohlfühlte, solange sie mir vertraute, machte ich etwas richtig.

So wurstelte ich mich mit meinen Kindern durch die Jahre. Dieser Weg hörte nie auf, neu und unergründlich zu sein. Er war manchmal erschreckend, weil er die hässlichsten Seiten von mir hervorgekehrt hat. Immer war er von Unsicherheit geprägt, weil so schnell etwas unwiderruflich zerstört werden kann. Er war aber auch voller Staunen und Freude und Glück. Und anstrengend war er und wird es noch lange bleiben.

Ob ich alles oder zumindest ausreichend viel richtig gemacht habe, kann ich nicht wissen. Herausstellen wird sich das erst in vielen Jahren, wenn meine Kinder auf eigenen Beinen stehen werden.

Bis dahin tue ich, was ich kann: „It’s your happiness I want most of all. And for that I’d do anything at all.“

http://www.youtube.com/watch?v=A2JbLUVt0Z0

Where in hell can you go
Far from the things that you know
Far from the sprawl of concrete
That keeps crawling its way
About 1,000 miles a day?

Take one last look behind
Commit this to memory and mind
Don’t miss this wasteland, this terrible place
When you leave
Keep your heart off your sleeve

Motherland cradle me
Close my eyes
Lullaby me to sleep
Keep me safe
Lie with me
Stay beside me
Don’t go, don’t you go

O, my five & dime queen
Tell me what have you seen?
The lust and the avarice
The bottomless, the cavernous greed
Is that what you see?

Motherland cradle me
Close my eyes
Lullaby me to sleep
Keep me safe
Lie with me
Stay beside me
Don’t go

It’s your happiness I want most of all
And for that I’d do anything at all, o mercy me!
If you want the best of it or the most of all
If there’s anything I can do at all

Now come on shot gun bride
What makes me envy your life?
Faceless, nameless, innocent, blameless and free,
What’s that like to be?

Motherland cradle me
Close my eyes
Lullaby me to sleep
Keep me safe
Lie with me
Stay beside me
Don’t go, don’t you go

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Songs: Natalie Merchant, Motherland

  1. SonjaLy schreibt:

    Schön

  2. lisimoosmann schreibt:

    Ich glaube, du hast alles richtig gemacht. Alles Wichtige, das man richtig machen kann. Das spürt man bei jeder Zeile, die du über dein Leben mit den Kindern schreibst. Liebe, Selbstreflexionsfähigkeit, Verstand, was mehr können sich Kinder wünschen? Whatever will be, will be, aber du tust und hast getan, was man überhaupt tun kann. Ich wünsche, dass man von mir auch einmal sowas sagen kann.

    • Karin Koller schreibt:

      Danke, es wäre sehr schön, wenn du recht hättest. Aber der Alltagswahnsinn bei uns zu Hause sagte etwas anderes. Genau wissen, ob man ausreichend viel richtig gemacht hat, kann man erst, wenn die Kinder ihre eigenen Leben leben. We’ll see…

  3. Uwe Begander schreibt:

    Alltagswahnsinn hin, Elterngefühle her, so wie Du schreibst, spürst Du bestimmt auch schon immer / oft / manchmal / immer öfter, dass Du es richtig machst, bzw. dass Du es (Dein Kind) auch von Anfang an richtig loslässt („eigenständiger Mensch, den Du niemals vollständig verstehen wirst“).
    Und obwohl wir Altvorderen uns nicht sicher sein können, ob sich nicht doch einmal in Zukunft ein kleines äußeres Ereignis oder eine kleine Dummheit / Gedankenlosigkeit unserer Junghinteren zu einer ungeahnten Katastrophe entwickeln könnte, spüren / erahnen / wissen wir schon früh, dass wir prinzipiell „ausreichend vierl richtig gemacht haben“, sooft wir nur immer wieder darüber nachdenken und zweifeln.
    Wünsche Dir einen Zeitüberhang an Zufriedenheit und immer seltenere Zweifel-Momente …

    • Karin Koller schreibt:

      Vielen Dank. Ich hoffe, du hast recht. Zeitüberhang an Zufriedenheit kann ich sehr gut brauchen. Zweifel-Momente sind wichtig, die behalte ich sicherheitshalber noch.

  4. Pingback: ( Songs auf einer einsamen Insel. Eine Erinnerung. | Karin Koller

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