Pensées: Kinderparty

  1. Ich habe im Sommer Geburtstag, in den Ferien, und die verbrachte ich als Kind immer bei meiner Oma. Zu meiner Geburtstagsfeier waren immer meine alte Tante und ihre uralte Mutter eingeladen. Kinder passten da nicht dazu. Aber mich störte das nicht. Geburtstage waren eben so. Meine zumindest.
  2. Ich erinnere mich an eine Geburtstagsfeier im Kindergarten, bei der ich mich fürchtete – vor den anderen Kindern, vor den Erwachsenen, vor den lauten Spielen, davor, dass meine Mutter mich vielleicht nicht wieder abholen kommt.
  3. Kinderparties und überhaupt alle anderen Menschenansammlungen machten mir Angst, auch viel später noch.
  4. Aber an eine Party erinnere ich mich gut. Sie wurde für den Sohn der Arbeitgeber meiner Mutter veranstaltet. Er war 9 und ich 15. Wir mussten das Wohnzimmer freiräumen, uns Spiele ausdenken, Preise besorgen. Die besten 5 bei jedem Spiel gewannen Kugeln und wie bei 1, 2 oder 3 konnten sich die Kinder am Ende der Party Preise damit kaufen.
  5. Es war anstrengend, die Kinder – in meiner Erinnerung sind es unendlich viele – bei Laune zu halten, sie zu trösten, wenn sie sich ärgerten, dass sie nicht gewonnen haben und dann beim Preisekauf die Streits zu schlichten.
  6. Am Abend, nachdem alle Kinder gegangen und meine Mutter und ich alles aufgeräumt und die Wohnzimmermöbel wieder herbeigeschleppt hatten, lud uns die Arbeitgeberin meiner Mutter zu Kaviar und Champagner ein.
  7. Es war das erste Mal, dass ich echten Kaviar aß. Und das erste Mal, dass ich ein ganzes Glas Champagner trinken durfte. Ich kam mir richtig erwachsen vor.
  8. Deshalb blieb mir diese Kinderparty in Erinnerung, nicht wegen der Kinder, und schon gar nicht wegen der Spiele.
  9. Nun wünschen sich meine Kinder Geburtstagsparties.
  10. Ich muss sie organisieren.
  11. Jedes Mal habe ich Angst davor.
  12. Es könnte ein Kind dabei sein, das allen die Stimmung vermiest, weil es nicht mitmachen will.
  13. Dieses Kind könnte sogar mein eigenes sein.
  14. Ein Kind könnte sich verletzen und bluten oder ins Krankenhaus müssen.
  15. Die Kinder könnten alle die Party langweilig finden und dann wäre ich eine Versagerin.
  16. Ich weiß, diese Ängste sind blöd. Genauso gut könnte ich mir Ähnliches bei jeder Tätigkeit und jeden Anlass einreden.
  17. Wenn das Fest dann tatsächlich stattfindet, ist das nur halb so anstrengend wie ich es mit vorgestellt hatte, aber immer noch doppelt so anstrengend wie alles andere, das ich sonst den ganzen Tag mache.
  18. Mindestens.
  19. Bei der Party beobachte ich gerne die eingeladenen Kinder. Immer ist ein Kind dabei, das sich nicht so recht traut mitzumachen. Und eines, das gleich beim zweiten Spiel sagt, es will nicht mehr mitmachen. Eines, dem zu heiß oder zu kalt ist, oder das Hunger hat. Eines, das allen anderen hilft. Eines, das die anderen mitreißen kann, wenn die Stimmung zu kippen droht. Eines, das zu weinen beginnt. Eines, das es tröstet. Kinder, die ein Kind ausschließen wollen. Ein Kind, das bei jeder Kleinigkeit einen Streit anfangen würde, wenn ich nicht aufpasse. Ein Kind, das lieber malen oder basteln würde, wenn gerade ein Lauf- oder Hüpfspiel gemacht wird. Ein Kind, das nicht still sitzen kann und nur Lauf- und Hüpfspiele machen möchte. Ein Kind, das sich schon zu gut vorkommt, für Kinderspiele und lieber Disco machen möchte. Und ein kleiner Bartleby, der zu allem sagt: „I’d prefer not to.“
  20. Wenn ich es schaffe, all diese Kinder unter einen Hut zu bringen, dass sie am Ende dieser paar Stunden glücklich, zufrieden und ausgetobt (und gesund) nach Hause gehen, dann komme ich mir vor wie ein Genie.
  21. Wie ein erschöpftes Genie.
  22. Und an diesem Abend räume ich dann nicht mehr auf.
  23. Auch auf die Gefahr hin, dass Spielsachen bei einem unvorhergesehenen Platzregen zerstört werden, oder ich mich über ein herumliegendes Spielzeugs in den Tod stürze.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Pensées: Kinderparty

  1. Fred schreibt:

    In der Zeitung „Die Presse am Sonntag“ von diesem Wochenende war ein Artikel über professionell organisierte Kindergeburtstagsfeiern.
    http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/1403876/Die-grosse-Party-fuer-die-ganz-Kleinen?from=suche.intern.portal
    Wie sollen Kinder unter solchen Voraussetzungen jemals lernen, sich auch mit etwas weniger zufrieden zu geben?
    Klassische einfache Spiele wie auf http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/1403875/Best-of-Partyspiele_Die-Klassiker?from=suche.intern.portal tun’s meiner Meinung nach auch.

  2. Hofnarr schreibt:

    Hallo Karin
    Lass Dich nicht stressen bezüglich Geburtstagsparty für Deine Kinder. Du stehst nicht allein da mit diesem Problem.

    Lass über Deine Kinder nur so viele Kinder einladen, wie Du managen kannst (möglichst solche, die Du kennst). Weniger ist mehr! Oder tu Dich allenfalls zusammen mit einer anderen Mutter aus der Schule, die auch ein Geburtstagskind hat, das ungefähr am gleichen Tag Geburtstag hat. Dann könnt Ihr zusamen die Party organisieren und die Geburtstagsbande sinnvoll beschäftigen.

    Und gib mal bei Google Kindergeburtstag Eltern ein wie ich. Dann hast Du unendlich viele gute Ratschläge bezüglich „Kindergeburtstag ohne Stress feiern“. Wähle unter den Artikeln jene Varianten aus, die Dir und Deinen Kindern gefallen könnten, um aus dem Tag etwas Besonderes für das Geburtstagskind zu machen.

    Hier nur einige:
    http://www.eltern.de oder eltern-hilfe.ch/19/ oder http://www.20min.ch/schweiz/news/story/20453590 oder http://www.elternwissen.com/familienleben/basteln/-mit-kindern/happy-birthday.html

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