Das österreichische Gesundheitssystem

Krankenhaus

Am österreichischen Gesundheitssystem gibt es vieles zu kritisieren: Misswirtschaft, schlechte Verwaltung von Krankenhäusern, der geforderte Bau einer Medizinfakultät in Linz als Prestigeprojekt des Landeshauptmanns.

Aber bei aller Kritikwürdigkeit gibt es auch eine andere Seite, eine Seite, die ich erlebt habe. Wenn man (berechtigterweise) auf alles schaut, was schlecht funktioniert im Krankenversicherungssystem, vergisst man allzu leicht, was gut läuft.

Als meine Tochter an Leukämie erkrankte, merkte ich das wieder. Ich war ganz normal krankenversichert, bei der Gebietskrankenkasse, ohne Zusatzversicherung. Vom ersten Augenblick an bekamen wir professionelle Hilfe, ohne uns um die Kosten Sorgen machen zu müssen.

Eh klar, wird man sagen (zu recht) dafür ist ein Krankenversicherungssystem ja da. Aber selbstverständlich ist das nicht.

Vom ersten Tag von Katharinas Erkrankung an dachte ich daran, wie teuer die Behandlung sein musste. Die Krankenhausaufenthalte, die Operationen, die Medikamente. Die Krankenkassenabrechung zeigte am Schluss einen fünfstelligen Betrag. Keinen sehr niedrigen.

Wenn ich mir vorstelle, das alles müsste man  selbst zahlen. Zum Beispiel, wenn wir unversichert, wie sehr viele in den USA, gelebt hätten. Laut Statistik Austria  liegt das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen in Österreich bei 29.500€, das Nettoeinkommen bei 20.500€. Ein erwerbstätiges Paar verdient durchschnittlich etwas über 30.000€ netto. Bei 25% der weniger Verdienenden sind es nur etwa 21.000€ jährlich.

Eine Leukämieerkrankung eines Kindes verschlänge mindestens ein Jahreseinkommen einer Familie.

Das ist aber noch nicht alles. Ein leukämiekrankes Kind muss monatelang rund um die Uhr gepflegt und – selbst wenn kein stationärer Aufenthalt notwendig ist – jede Woche mehrmals ambulant im Krankenhaus behandelt werden. Eine externe Kinderbetreuungseinrichtung kommt nicht in Frage (wegen der Ansteckungsgefahr für das krebskranke Kind). Das heißt, selbst wenn vor der Erkrankung beide Partner berufstätig waren, muss danach einer der Partner seine Arbeit vorübergehend aufgeben, oder beide können nur noch in Teilzeit arbeiten. Das führt auch zu einer empfindlichen Verringerung des Einkommens.

Dazu kommt noch, dass die Erstaufnahme für zwei Wochen (und bei Komplikationen eine Behandlung) an einer Spezialklinik notwendig wird. Kosten für Reise und Unterkunft fallen an.

Aber anfangs geht es gar nicht um Geld. Geld ist das Letzte, woran ich dachte. Die Nachricht von der Erkrankung ist ein so großer Schock, die Angst um das Kind so überwältigend, dass jede administrative Aufgabe beinahe obszön wirkt.

Das Krankenhaus schickte uns sofort eine Sozialarbeiterin (ob vom staatlichen Versicherungssystem oder von der Krebshilfe weiß ich nicht), die uns genau erklärte, um welche Hilfen wir ansuchen konnten, uns Antragsformulare für Pflegegeld und erhöhte Familienbeihilfe brachte, uns zeigte, wie man eine Heimhilfe anforderte, etc. All das hätte Zeit gekostet und große Mühe bereitet in einer Situation, in der wir uns hauptsächlich um viel Wichtigeres kümmern und dabei versuchen mussten, selbst nicht den Verstand zu verlieren.

Das Krankenhauspersonal arbeitete ebenfalls professionell. Viele Krankenpflegerinnen und manche Ärztinnen und Ärzte nahmen sich die Zeit für aufmunternde Worte oder Erklärungen oder ein Spiel mit der Kleinen. Wir fühlten uns in guten Händen.

Das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn das österreichische Gesundheitssystem nicht so gut funktionieren würde. Nicht überall hätte Katharina als herkömmlich Versicherte nicht die beste Behandlung bekommen. Vielleicht hätten wir durch die Krankheit der Tochter unsere wirtschaftliche Existenz verloren und danach noch einmal von vorne anfangen müssen.

So war die Erfahrung schlimm genug, aber der Staat hat sehr viel abgefedert. Das werde ich nicht vergessen, weil es längst nicht überall selbstverständlich ist.

 

Bildquelle: Böhringer

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Das österreichische Gesundheitssystem

  1. Denise schreibt:

    wichtig, solche dinge auch mal zu sagen, gerade wenn man etwa das amerikanische gesundheitssystem betrachtet….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s