Pensées: Tanzschule

Tanz

  1. In der 6. Klasse Gymnasium durfte ich einen Tanzkurs machen. Das war für mich ein Riesenereignis, weil ich in eine Mädchenklosterschule ging, und das so ziemlich die einzige Gelegenheit war, Buben kennenzulernen.
  2. Davor hatten wir nur die jährliche Faschingsfeier erlebt, die gemeinsam mit der Bubenklosterschule am anderen Ende der Stadt veranstaltet wurde.
  3. Dort drückten sich alle Buben in eine Ecke und alle Mädchen in die andere.
  4. Redeten ein Bub und ein Mädchen tatsächlich miteinander, war das eine Sensation, von der man wochenlang sprach.
  5. In der Tanzschule kam es mir anfangs ähnlich vor, obwohl die Buben bereits an Mädchen gewöhnt waren (meine Freundinnen und ich hatten uns extra die Tanzschule ausgesucht, die nicht von den Klosterschülern frequentiert wurde).
  6. Alles war so aufregend. Würde ein Bub mich auffordern? Würde man mir ansehen, dass ich aus der Klosterschule kam? Würde mich jemand dafür verspotten?
  7. Der erste Tanz war ungelenk, mit schweißnassen Fingern klammerte ich mich an einen pickeligen Buben (nur der hatte mich aufgefordert, aber immerhin blieb ich nicht übrig) und versuchte mit beinahe übermenschlicher Konzentration, ihm nicht auf die Füße zu trampeln.
  8. Das mit dem Tanzen habe ich während der gesamten Zeit nicht wirklich elegant hinbekommen. An schlimmsten waren die lateinamerikanischen Tänze. Da fiel ich beinahe über meine eigenen Füße.
  9. English Waltz mochte ich aber. Den konnte ich auch. Mit Drehungen.
  10. Einmal forderte mich der coolste Bub zum English Waltz auf, ein dunkelhaariger Schönling im Lacoste-Shirt. Gelfrisur hatte er auch. Damals fand ich das toll.
  11. Zum ersten Mal merkte ich, wie schön tanzen sein kann. Die Nähe zum anderen. Ihn an der Hand zu halten. In seinen Armen zu sein. Sich gemeinsam zu bewegen. Beinahe zu schweben. Eine Einheit zu sein durch die identischen Bewegungen.
  12. Nach dem Tanz war ich sehr verwirrt. Und verlegen. Und verliebt.
  13. Dann ging ich zum ersten Mal zur Perfektion. Ich schminkte mich viel zu stark, wischte alles wieder weg. Schminkte mich nochmal, beinahe ebenso stark, mit Rouge, das meine Wangen aussehen ließen, wie jene eines Bauernmädchens in einem Grimm-Märchencomic. Obwohl ich doch eher existenzialistisch wirken wollte. Das war damals nicht philosophisch, sondern bedeutete schwarze Rollkragenpullover und einen blassen Teint.
  14. Zum Schluss sprühte ich mir Parfüm auf. Opium. Fünf Spritzer, wie ich es im Fernsehen gesehen hatte.
  15. Ich stank wie eine Parfümerie. Obwohl ich mich noch einmal duschte, ging der Gestank nicht weg. Beinahe wäre ich zu Hause geblieben.
  16. An der Busstation saß der pickelige Bub. Er wohnte fünf Stationen weiter an derselben Buslinie. Er war früh losgefahren und hatte auf mich gewartet. Zwei Stunden, nur um sicherzugehen, dass er mich tatsächlich antrifft, stellte sich später heraus.
  17. Ich fühlte mich geschmeichelt.
  18. Aber ein Bub, der mich so verzweifelt erobern wollte, der interessierte mich nicht.
  19. Dann schon lieber der mit der Gelfrisur.
  20. Aber natürlich blieb der unerreichbar.
  21. Besonders mit dem Geruch, den ich bei dieser Perfektion verströmte.
  22. In der Tanzschule lernte ich viel über soziale Kontakte, Sehnsüchte von jungen Mädchen und jenen von jungen Männern, Eroberungsstrategien, Liebe, Enttäuschungen, Ängste vor dem Abgewiesenwerden und die Flüchtigkeit menschlicher Beziehungen.
  23. Tanzen lernte ich eigentlich nicht.
  24. Aber ich lernte einige Buben kennen, die in meiner Nähe wohnten, die ich nachmittags traf, wenn ich aus der Klosterschule kam. Bei denen ich küssen lernte. Die meine Freunde wurden. Die mich davor bewahrten, bis nach der Matura nur mit Mädchen zu tun zu haben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Tanzschule

  1. SandraS schreibt:

    Ich habe den Tanzkurs gehasst., wegen des ganzen Gute-Manieren-Getues.Und nie Tanzen gelernt. Auch blöd.

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