Mit der Tochter über Literatur sprechen

Anna besucht die erste Klasse Gymnasium. Heute hat sie ihre Deutschschularbeit nach Hause gebracht. Eine Beschreibung ihrer kleinen Schwester. Unter die Arbeit hat die Lehrerin geschrieben: „Mich hat beeindruckt, wie viele tolle Alternativen du für ihren Namen angeführt hast.“

Das hat sich schon im Vorfeld abgezeichnet. Wir haben das geübt, obwohl ich es nicht leiden kann, krampfhaft Synonyme für Namen zu erfinden, die man doch viel eleganter einfach nennen könnte. Ich nenne das, nach dem Vorbild der Sportreportage, die Verhütteldorferisierung von Texten. Jeder Kommentator eines Fußballspiels scheint zu meinen, er müsse in dem Augenblick zu Staub zerfallen, in dem er zweimal hintereinander den Mannschaftsnamen ausspricht. Also sagt er lieber anstatt Rapid „die Hütteldorfer“, „die Grünweißen“ oder „die Mannen aus dem Hanappi-Stadion“ (je länger und umständlicher, desto besser). Das dafür oft. Denn die Umschreibung des Namens bis zum Erbrechen zu wiederholen gilt als weniger verpönt, als das mit dem Namen selbst zu tun. Wahrscheinlich weil sich der Sprecher etwas dabei überlegt hat.

So scheint auch Annas Lehrerin zu denken. Vielleicht wird es auch im Lehrplan so vorgeschrieben.

Ein Name ist ein Name und wofür hat man ihn denn, wenn er nicht genannt werden soll? Ich habe einen Text geschrieben (den ich zu publizieren hoffe), in dem ich 600 Mal den gleichen Namen erwähne und ihn, wenn es nicht unbedingt erforderlich ist, nie umschreibe.

Das sage ich Anna. Ich lobe sie auch für die Arbeit und auch wie sie sich an die Anforderungen angepasst hat, ermahne sie aber: „Gewöhn dir das nicht an. Ich finde, das ist eine fürchterliche Unsitte.“

Anna denkt nach, dann sagt sie: „Aber der Lehrerin gefällt es, dann wird es schon gut sein.“

Kurz vorher habe ich an meinem Text gearbeitet und noch voller Enthusiasmus sage ich: „Pass auf, wenn jemand mein Buch kauft, glaubst du mir, sonst kannst du von mir aus deiner Lehrerin glauben.“

„Aber es darf nicht nur einer sein, der es kauft.“

Immer noch im Eifer sage ich: „Sagen wir 1000“, und merke sofort, dass das etwas hoch gegriffen ist, aber warum soll man sich die Latte tief legen? Zumal Anna ja mit und ohne Abmachung ihren eigenen Schreibstil irgendwann entwickeln wird.

Sie sagt ganz lässig darauf: „Ah so, ich hätte eher an zehn gedacht.“

Was mich wiederum ein bisschen kränkt.

Und nach einer Weile: „Weißt du, wenn du einen Bestseller schreiben willst, musst du einen Fantasy Roman schreiben, oder einen Krimi. Oder beides. An Harry Potter kommt sowieso nichts heran.“

Weil ich die Oberhand behalten möchte, werfe ich ein: „Außer der Bibel.“

„Aber, Mama, die ist doch auch irgendwie ein Fantasy-Roman. Mit all den fliegenden Löwen.“

Woher sie fliegende Löwen hat, weiß ich nicht, wahrscheinlich aus einer „kindgerechten“ Zeichentrickverfilmung der Löwengrubengeschichte, die sie im Religionsunterricht anschauen musste. Selber schuld, denke ich, wenn Religionspädagogen den Kindern die Bibel näherbringen wollen, und die Kinder dann meinen, es handle sich um ein Fantasymärchen. Nur mit weniger tollen Geschichten als bei Harry Potter. Das soll mir nur recht sein (ich hatte schon immer das Gefühl, Religionsunterricht führt geradewegs zum Atheismus).

Da fügt sie noch hinzu: „Und ein Krimi ist die Bibel eh auch, mit all den Morden.“

Und da hat sie recht. Zumindest bei dem Alten Testament und der Apokalypse.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Mit der Tochter über Literatur sprechen

  1. dasmanuel schreibt:

    Ich habe ein Blog-Juwel entdeckt. Tolltoll.

    Gewitzte Tochter aber auch …

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