Österreicher

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Wann ist jemand Österreicher?

Dumme Frage, werden Sie jetzt sagen, natürlich wenn er/sie die österreichische Staatsbürgerschaft hat. Juristisch ist das auch vollkommen richtig.

Aber es gibt nicht nur juristische Gegebenheiten, sondern auch die allgemeine Wahrnehmung und deren politische Manipulation.

Ich kenne einen Mann aus Kroatien, der schon lange in Vorarlberg lebt. Er ist etwas älter als ich und mit einer Vorarlbergerin verheiratet. Gemeinsam haben sie drei Kinder, die ganz selbstverständlich zwischen Deutsch und Kroatisch wechseln können. Der Mann arbeitet in Vorarlberg, ist Mitglied von mindestens zwei Vereinen und spricht besser und akzentfreier Vorarlbergisch als ich. Er ist das, was selbst Staatsekretär Kurz als „integriert“ bezeichnen würde.

Als sich ihm die Möglichkeit bot, suchte er um die österreichische Staatsbürgerschaft an. Er erledigte alle Formalitäten und stellte die notwendigen Dokumente zusammen. Dann fehlte nur noch das Gespräch mit dem zuständigen Beamten, um seine Kenntnisse über Österreich zu verifizieren und zu zeigen, dass er sich der Staatsbürgerschaft „würdig“ erwiese, oder, wie das die heimische Politik gerne darstellt.

Der Beamte prüfte ihn aber nicht auf Herz und Nieren. Nein. Das erste, was der Beamte sagte war: „Na, haben’S eine Österreicherin geheiratet, dass Sie hier bleiben dürfen.“

Das war keine Frage, es war eine Feststellung. Dem Beamten fiel vielleicht gar nicht auf, dass es eine Unterstellung war, wahrscheinlich weil von allen Seiten suggeriert wird, jeder Mensch, der in einem anderen Land geboren ist, wolle sich die österreichische Staatsbürgerschaft erschleichen.

Meinem Bekannten verschlug es die Sprache. Er hatte es nicht nötig, sich so etwas sagen zu lassen. Und unter diesen Umständen wollte er nicht die Staatsbürgerschaft erbitten. Er drehte sich um, verließ das Amt und blieb kroatischer Staatsbürger.

Wir sehen die Staatsbürgerschaft als Privileg. Das ist sie auch, sie ist aber auch ein Privileg, das wir einfach so in die Wiege gelegt bekommen.

Menschen, die ihre Heimat verließen bzw. verlassen mussten, haben dieses Privileg nicht und müssen es sich schwer und in langwierigsten Prozessen erarbeiten. Wenn sie sich überhaupt qualifizieren. Sie abzuweisen erscheint oft politisch opportuner.

Es gibt aber auch einen menschlichen Aspekt.

Menschen, die in Österreich leben, machen Österreich auch zu ihrem Lebensmittelpunkt, zu ihrem Zuhause. Viele dieser Menschen können gar nicht mehr zurück, weil sie politisch verfolgt oder gefoltert würden, wenn sie es täten. Weil das Gebiet, in dem sie früher wohnten, durch Naturkatastrophen oder Krieg zerstört wurde.

Sie leben jetzt in Österreich, anfangs dürfen sie nicht einmal arbeiten und sich und ihre Kinder selbst versorgen. Mitbestimmen dürfen sie nicht, bevor sie die Staatsbürgerschaft haben. In ihrem Herkunftsland dürften sie wählen (sofern es Wahlen gibt), aber an ihrem Wohnort dürfen sie nicht die Partei wählen, die ihre Interessen am besten vertritt. Wenn sie keine EU-Bürger sind, dürfen sie nicht einmal regional mitbestimmen, ob in ihrer Gemeinde ein Spielplatz, eine Ampel oder eine Mehrzweckhalle errichtet werden soll, obwohl das ihr Leben genauso betrifft wie das der österreichischen Staatsbürger.

In der weit verbreiteten Wahrnehmung scheint aber die Staatbürgerschaft keine wichtige Rolle zu spielen. Aber leider nicht so, wie ich es mir wünschen würde (dass Menschen, die sich hier angesiedelt haben, gleich wie Österreicher behandelt werden), sondern ganz im Gegenteil. Menschen, die in einem anderen Land geboren wurden, bleiben „Ausländer“, auch wenn sie die österreichische Staatsbürgerschaft haben. Ihre Kinder auch.

Ich habe nicht selten gehört, dass österreichische Mütter abfällig von den „Türkenbüable“ gesprochen haben. Bereits im Kindergartenalter reden sie ihren Kindern ein, dass Migrantenkinder minderwertig sind. Spielen Migrantenkinder dann lieber unter sich, heißt es, sie würden sich nicht integrieren. Niemand hinterfragt, warum sie nicht so häufig mit den österreichischen Kindern spielen, weil Integration offenbar immer noch eine Bringschuld zu sein scheint, egal auf wie viel Widerstand man bei den Einheimischen stößt.

Kinder von Migranten gelten in Österreich als Ausländer, obwohl viele von ihnen die Ursprungsländer auch nur aus dem Sommerurlaub kennen. Wo sie hinkommen, werden sie als fremd angesehen. Das schafft Frustrationspotenzial, das oft genug wieder als fehlende Integration ausgelegt wird.

Unabhängig von der Staatsbürgerschaft sollte die Politik endlich anerkennen, dass Menschen, die an einem Ort leben, sich auch zu diesem Ort zugehörig fühlen dürfen und sollen. Man sollte es ihnen nicht so schwer machen. Nicht immer das Schlechteste erwarten. Die Staatsbürgerschaft und die Herkunft nicht als Definitionskriterien für Menschen verwenden.

Der Bekannte, von dem ich erzählt habe, ist genau der gleiche Mensch mit oder ohne Staatsbürgerschaft. Er ist hier zu Hause. Niemand soll ihn als fremd einstufen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Österreicher

  1. joaniebegood schreibt:

    Höchste Zeit, als ersten Schritt von der Blutstaatsbürgerschaftsgesetzgebung wegzukommen. Und auf den Geburtsort abzustellen.

  2. ES schreibt:

    Ein bissl einfach ist das leben im Gutmenschenelfenbeinturm scho, oder? Was soll falsch dabei sein wenn sich ein Fremder, der herkommt, ein paar Privilegien erst durch Wohlverhalten verdienen muss? Oder sollen wir jedem Drogendealer die Staatsbürgerschaft um den Hals hängen, zum Dank dafür, dass er die Wirtschaft ankurbelt?

    • Karin Koller schreibt:

      Gut, dass das Leben außerhalb des Gutmenschenelfenbeinturms so schön differenziert ist und ohne Verwendung billigster Klischees und dumpfester Vorurteile ablaufen kann.

    • Hofnarr schreibt:

      Wie kommst Du darauf, dass es keinerlei geborene, österreichische Drogendealer gibt? Wäre ja schön… Das hat aber nichts mit Staatsbürgerschaften und Einbürgerungen zu tun!

  3. Hofnarr schreibt:

    …aber noch dann bin ich der Meinung, eine Doppel-Bürgerschaft sollte beim >Beantragen einer Einbürgerung unbedingt beibehaten werden können (nach dem Muster der Schweiz), nicht wie in Deutschland und Frankreich (wie es in Oesterreich gehandhabt wird, weiss ich leidere nicht), wo das Einbürgern von Migranten automatisch zum Verlust der früheren Bürgerschaft führt.

    So könnten gut integrierte Migranten, von welchem Land auch immer, besser zu ihrer Abstammung stehen und mit gutem Recht und entsprechendem Bewusstsein Nachkommen jedenfalls in beide Kulturen und Eigenarten einführen, insbesondere dort, wo ohnehin Mutter und Vater aus 2 verschiedenen Ländern stammen. Es ist damit nicht lebenslänglich über Generationen täglich gefordert, dass persönlich Loyalitätskonflikte aller Familienangehörigen innerhalb der Familie und nach aussen in kleinem und in grossem Rahmen und auch gegenüber den Behörden und dem Staat nötig werden.

    Damit haben gerade Kinder von einstigen Migranten und gut integrierte Migrationsangehörige bessere Möglichkeiten, ein gesundes, starkes Selbstbewusstsein zu entwickeln und auch bewusst selbst zu wählen, wie sie ihr Leben sinnvoll gestalten können und welches Argumente und Reaktionen auf schwere, rassistische Ungerechtigkeiten ihre Person betreffend sind. Wir sind doch auf dieser Welt längst Mischlinge aller Kulturen und darum ohnehin nicht „rein arisch“, so oder so, niemand von uns Weltbürgern, ob nun Oesterreicher oder Bürger von jeglichem anderen Land…

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