Bleibst du da?

IMG_0920

„Bleibst du da?“

Das ist der Satz, den ich während Katharinas Leukämieerkrankung am häufigsten hörte. Ihr erster Reflex, sobald wir im Krankenwagen saßen, nur Minuten, nachdem wir von ihrer Krankheit erfahren haben, war, sich zu vergewissern, dass ich bei ihr bleibe. Sie sagte diesen Satz immer und immer wieder, bei jeder Untersuchung, vor jedem Eingriff, jedesmal wenn wir warten mussten, direkt vor dem Einschlafen und gleich nach dem Aufwachen. Dieser Satz war ihr Mantra, genauso wie meine immer gleiche Antwort: „Natürlich bleibe ich bei dir, ich bleibe immer bei dir.“

Anfangs sagte ich: „Ich bleibe bei dir, bis du wieder gesund bist.“ Teils weil ich dachte, das würde ihr Sicherheit geben, teils weil in der anfänglichen Schocksituation das Gesundwerden ein so großes Ziel war, dass es mir beinahe unvorstellbar schien, mir etwas darüber hinaus vorzustellen.

Als wir schon einige Tage im Krankenhaus waren, sagte sie plötzlich: „Gehst du fort, wenn ich gesund bin?“ Ich erschrak sehr.

Nachdem sie die Krankheit überstanden hatte, war ich sehr froh, als ich sah, wie sie begann, sich von mir zu lösen. Sie ging ohne Probleme in den Kindergarten und später zur Schule. War sie bei einer Freundin eingeladen, dachte sie keinen Augenblick daran, ob sie nicht doch lieber bei mir sein wollte.

Manchmal hat sie aber einen Rückfall. Dann macht sie sich wieder Sorgen, allein gelassen zu werden. Wenn ich einen Abend oder sogar eine Nacht nicht da war, dann dauert es mindestens eine Woche lang, bis sie abends vor dem Einschlafen nicht mehr fünfmal fragt: „Aber du gehst nirgends hin?“ oder „Wenn ich morgen von der Schule komme, bist du zu Hause?“

Als würde etwas Altes, überwunden Geglaubtes wieder hochkommen. Als bräuchte sie wieder diesen besonderen Schutz, der damals notwendig war.

Wenn sie mich, nach allem, was wir gemeinsam durchlebt haben, wieder fragt, ob ich sie nicht verlasse, gibt mir das einen Stich ins Herz. Es klingt so, als könnte sie kein Vertrauen zu mir haben, als hätte ich sie schon einmal im Stich gelassen und sie müsste sich vergewissern, dass es nicht mehr geschieht. Aber es ist nicht so, es ist wie ein Automatismus, der ihr Sicherheit gibt.

Wahrscheinlich kommt das von dem damaligen Mantra, das sich tief in ihrem Unterbewusstsein einzementiert hat. In der Zeit der größten Unsicherheit musste ich ihr das größtmögliche Sicherheitsgefühl geben. Ich hätte ihr nicht erklären können, dass ich nicht für immer ständig für sie da sein kann.

Jetzt bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie durch mein Weggehen beunruhige. Andererseits muss ich ihr auch beibringen, von mir unabhängig zu werden. Ich kann auch nicht meine persönliche Freiheit völlig hintanstellen.

Wie soll ich darauf reagieren?

Ich muss, was damals gut und notwendig war, jetzt, da es obsolet wurde, wieder vollständig ungeschehen machen, ohne meine Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Mir bleibt nur liebevolle Geduld, mit der ich ihr wieder und wieder erkläre, dass ich für sie da bin. Dass es aber auch keinen Grund mehr dafür gibt, besonders auf sie aufzupassen. Dass was abends im Bett so bedrohlich aussieht, am nächsten Morgen ganz leicht bewältigbar ist. Dass sie schon groß ist und gerne ohne mich mit ihren Freundinnen etwas unternimmt. Dass sie mir vertrauen kann, was auch immer passiert.

Aber leicht ist das nicht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Bleibst du da?

  1. bettinahartm schreibt:

    Aber dennoch. Es muß doch gut sein, anhand solch kleiner Überbleibsel daran erinnert zu werden, was man überstanden hat, nicht?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich erinnere mich am liebsten an das Überstandene anhand von schönen Erlebnissen, von denen ich kurzfristig befürchtete, wir könnten sie nicht mehr haben. Wenn meine Tochter verunsichert ist, mache ich mir eher Sorgen. Aber insgesamt, ja, ich denke täglich daran, was wir überstanden haben und bin froh, dass es vorbei ist.

  2. dasmanuel schreibt:

    Ein Kind zu erziehen, auf das Leben (auch ohne einen selbst) vorzubereiten, ist – wie ich jeden Tag aufs neue erfahre – schwierig. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welchen Einfluss da eine so einschneidende Erfahrung wie eine Krebserkrankung in jungen Jahren hat.

    Das schlechte Gewissen ist absolut verständlich. Die für mich bewegendsten emotionalen Momente habe ich mit meinem Sohn immer dann wenn ich das Gefühl habe, ihm nicht alles bieten zu können, was er sich in seiner bescheidenen kleinen Welt wünscht. Das kann dann auch etwas so banales sein wie das verlegte Lieblingsspielzeugauto, dass ich nicht auffinden kann …

    Sicherheit gibt einem selbst in so einer Situation die Gewissheit, dass man solche Empfindungen wohl intuitiv aufgrund einer tiefen Liebe zu diesem kleinen Wesen hat. Und wen man liebt, kann man letztendlich nicht wirklich weh tun (oder doch, wenn es Sinn macht). Und das erkennen unsere Söhne und Töchter, wenn sie heranwachsen.

    Das macht die Sache nicht leicht. Allerdings leichter.

  3. Franz Strohmeier schreibt:

    Vielleicht etwas kitschig, vielleicht etwas religiös angehaucht, aber die Ängste von Kindern sehr gut beschreibend: http://www.youtube.com/watch?v=cNBJpXOnKDc

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s