Frauen in Literatur und Serien

In der Literatur gibt es viele berühmte Frauenfiguren: Mme Bovary, Anna Karenina, Lolita, Effie Briest, Emilia Galotti, Lisbeth Salander, Miss Havisham, Nora,etc.

Diese Frauen haben signifikante psychische Probleme. Das erklärt sich nicht nur daraus, dass über lange Zeit relativ großes Interesse an – wie es damals genannt wurde – „hysterischen“ Frauen bestand, sondern auch daraus, dass die Autoren über die Probleme dieser Frauen eine komplexere Geschichte erzählen konnten.

Eine andere Gemeinsamkeit haben die erwähnten Frauenfiguren auch noch: Sie wurden alle von Männern erdichtet. Das heißt nicht, dass es keine von Frauen erfundenen Frauenfiguren gibt, ich danke da an zum Beispiel an Jane Eyre, Elizabeth Bennett, Dorothea Brooke, Mrs. Dalloway.

Aber ich empfand es immer schon als sonderbar, wie exakt die Gedankenwelt einer Frau von einem Mann beschrieben werden kann. Die Einsamkeit, das Sich-Verrennen, die Sehnsüchte, die falschen Schlüsse, die sie ziehen, den Ennui, kann ich bei Bovary und Karenina sehr gut nachvollziehen. Sind diese Frauen mit tiefer Kenntnis beschrieben? Entspricht meine Wahrnehmung der männlichen Phantasie des 19. Jahrhunderts?

Bedeutende Frauenfiguren sind in der Literatur immer noch in der Minderheit. Auf den Listen der wichtigsten literarischen Charaktere, die ich gefunden habe, machen sie etwa 10% bis 20% aus.

Ist das bei Fernsehserien anders? Immerhin ist das ein Genre, das sich in etwa zeitgleich mit der Frauenbewegung entwickelt hat. Aber die meisten Serien werden ebenfalls von Männern gemacht.

Viele der Serien, die ich mir angesehen habe, haben starke Frauenfiguren in Hauptrollen: The Good Wife, Parenthood, Damages, Modern Family, Veep, Commander in Chief, Borgen, Kommissarin Lund, Die Brücke, Nordlicht, Homeland.

In anderen Serien kommen interessante Frauen in Nebenrollen vor z. B. bei West Wing, Newsroom, Curb your Enthusiasm, Friday Night Lights, Treme und sogar in Californication, Mad Men, Entourage, The Wire oder The Sopranos.

Oft wird der Bechdel-Test als Indikator für gendergerechte Serien angeführt. Drei Kriterien müssen dafür erfüllt sein: 1. Zwei Frauen haben signifikante Rollen. 2. Sie sprechen miteinander. 3. Nicht über einen Mann. Und das regelmäßig.

Das trifft auf sehr wenige Serien zu. Viele Serien sind so aufgebaut, dass auch Frauen in Hauptrollen weitaus häufiger mit einem Mann als mit einer Frau sprechen. Oft gibt es nur eine weibliche Hauptrolle, aber mehrere männliche.

Nach meiner Wahrnehmung erfüllen Rizzoli&Isles, Veep, Parenthood, Modern Family und Damages die Kriterien.

Ich finde nicht, dass Frauen in den Serien, die ich erwähnt habe, signifikant unterrepräsentiert sind, oder so dargestellt werden, dass mein feministisches Gefühl gestört würde. Im Gegenteil, wie einige dieser Frauen wäre ich selbst gerne. Bin ich zu wenig progressiv? Sehe ich nur, was ich sehen will und blende alles andere aus?

Mein Weltbild setzt sich aus den literarischen Werken und den Serien, die ich konsumiert habe, zusammen. Und natürlich aus meiner tatsächlichen Erfahrung, die mir zeigt, es ist noch längst nicht Realität, dass Frauen gleichberechtigt und in allen Ebenen gleich repräsentiert sind wie Männer. Die Erfahrung zeigt mir auch, dass es viele intelligente und coole Frauen gibt, entspricht also dem Bild, das mir die Serien vermitteln. Auch sehe ich an mir selbst und an anderen, dass sich viele Gefühle und Erlebnisse in den letzten 150 Jahren nicht signifikant geändert haben.

Serien und Literatur können durchaus einen gesellschaftspolitischen Lenkungseffekt haben. Es gibt durchaus sehr gute Beispiele, die Frauen und die Gesellschaft zumindest ansatzweise so darstellen, wie ich sie wahrnehme oder wie ich sie mir wünschte. Leider nicht genug.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Frauen in Literatur und Serien

  1. bettinahartm schreibt:

    Es gibt halt eine Vielzahl von Frauenserien, von Golden Girls bis zu Desperate Housewives, bei denen Männer auch nur Beiwerk bzw. Objekt sind. Ich sehe jetzt diesbezüglich nicht mehr so einen riesigen Unterschied, siehe etwa auch den Tatort, wo sich Kommissarinen auch nicht anders anstellen als Kommissare. Meine Beobachtungen sind aber nur anekdotisch, natürlich.

  2. 1988anna schreibt:

    Die Kunst spiegelt auch nur die Realität wider. Und soviel anders als in der Realität ist die Repräsentierung von Frauen in der Kunst auch nicht. Die Richtung stimmt, aber…

  3. ES schreibt:

    andere sorgen haben wir nicht, als wer welche rolle in irgendeinem tv-klumpat hat, oder?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich wusste gar nicht, dass ich an den anderen Tagen immer spot-on den Finger auf das jeweils aktuelle dringlichste Problem dieser Welt lege. Hätte ich heute als Türkei-Expertin auftreten sollen?

    • Hofnarr schreibt:

      ES@, was soll diese anmassende Kritik an der Blog-Inhaberin Karin?! Hättest Du den gesamten Blog-Inhalt aller Jahre hier Dir zu Gemüte geführt, würdest Du ganz zweifelsfrei wissen, welche Sorgen Karin tatsächlich persönlich hat und auch wann sie jeweils darüber schreibt und müsstest nicht so saudumme Kritik mittels süffisanter Fragestellung rauslassen!!! Wenn das Thema nicht interessiert, könnte man sich ja auch einfach anderem zuwenden oder einen eigenen Blog kreieren, dort dann hoffentlich mit den eigenen Sorgen, oder?!

  4. stephito schreibt:

    test

  5. stephito schreibt:

    ES hat insofern nicht unrecht, als es wirklich nicht darum geht, welches Frauenbild im TV-Trash vermittelt wird. Es ginge darum, zu hinterfragen, wer die MacherInnen dieses Bildes sind.
    So gesehen waren die ersten Absätze von Frau Koller anregend, die letzten abturnend.
    Der Kommentar von Hofnarr schwer entbehrlich.
    Du hast einen Diskurs abgewürgt, sonst nichts.

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