Pensées: Im Theater 3

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  1. Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten von Peter Handke ist ein Stück ohne Dialoge, angeblich die längste Regieanweisung aller Zeiten.
  2. Das Stück wurde in Bregenz gegeben. Auf dem neu gestalteten Platz zwischen Theater und Museum. Eigentlich eine sehr schöne Kulisse.
  3. Am Tag der Aufführung war das Wetter sehr wechselhaft. Ich hoffte das beste und zog meine schöne Jacke an. Nach unserer Reise an den Rhein konnte ich die Regenjacke beim besten Willen nicht mehr sehen. Sie hätte mir den Abend verdorben.
  4. Der Grundgedanke des Stücks ist eigentlich sehr interessant:
  5. Wie nehme ich Menschen wahr, bevor ich irgendetwas über sie weiß?
  6. Wie viel kann ich aufgrund ihres Aussehens, ihrer Mimik, ihrer Gestik über ihr Wesen erahnen?
  7. Wie viel davon ist ausschließlich durch meine Vorurteile gesteuert?
  8. Wie nehme ich Kontakt zu unbekannten Menschen auf? Wie funktioniert Kontaktaufnahme auf non-verbaler Ebene? Der erste Blickkontakt, das erste Lächeln. Wer wagt das erste Wort?
  9. Wie ändert sich das Bild vom anderen, sobald ich ihn/sie kennenlerne? Wie schnell geht das?
  10. Kann ich einen anderen Menschen überhaupt je ausreichend kennenlernen?
  11. Ich war einigermaßen gespannt, wie diese Fragen im Stück behandelt werden. Große Hoffnungen machte ich mir allerdings nicht.
  12. Kleiderständer standen in der Eingangshalle des Theaters. Davor wurden Sitzmatten verteilt und Regenpelerinen – dünne Ganzkörperfolien – verkauft.
  13. Der Platz wurde von Scheinwerfern ausgeleuchtet, auf den Vorsprüngen der Fassaden lagerten unförmig verpackte Gegenstände, Lautsprecher standen an mehreren Stellen, der Theaterintendant fegte als Straßenkehrer verkleidet den Platz, verschiedene Fahrzeuge parkten in der Nähe, in der Mitte des Platze war ein riesiger Block aus Bierkisten aufgebaut. .
  14. Das Stück begann schleichend mit einer Interaktion zwischen dem Straßenkehrer und einem Clown. Dann warf der Clown die Bierkisten um. Etwa 20 in Ganzkörperkondome gekleidete Menschen tanzten mit den Kisten und stellten sie für die Besucher als Sitzplätze auf.
  15. Wir setzten uns. Es begann zu tröpfeln. Die Kondomfiguren tanzten weiter. Sie sollten wohl Menschen darstellen, die trotz ihrer Individualität einen guten Teil ihrer Handlungen uniform verrichteten.
  16. Als sie sich verstreuten, trat ein Angler auf, dessen Angel sich im Schleier einer Frau verfing.
  17. Es regnete stärker. Weitere Figuren traten auf. Verlorene, selbstbewusste, verängstigte, rücksichtslos auftretende, schüchterne. Alle stumm.
  18. Ich wollte weder den Folienmantel anlegen noch nass werden. Deshalb verzog ich mich ins nahegelegene Straßencafe und bestellte ein Bier.
  19. Das Stück ging weiter. Alles bekam ich nicht mit. Fahrzeuge führen über den Platz: Ein Lastwagen, ein Militärjeep mit einem Verletzten (schauspielend) auf der Motorhaube, ein Golfwagen mit einem Sarg auf dem Dach.
  20. Einen Papst sah ich auftreten, einen Kaiser, einige Soldaten. Eine silberne Schlange wurde auf den Platz getragen und ein faltbarer Kristallpalast aufgestellt.
  21. Das Stück entsprach meinen Erwartungen. Es zeigte mir nicht, was ich erhofft hatte. Es zeigte, dass die Stunde, da wir nichts voneinander wussten (die tatsächliche, nicht das Stück), nicht als schweigender Zirkus, als Panoptimum der menschlichen Außergewöhnlichkeit abgehandelt werden kann.
  22. Die Stunde, in der man wirklich nichts voneinander weiß, ist viel subtiler. Ein Blick. Eine Geste. Die Frau, die den Hund weiterziehen muss. Das Kind, das an der Hand der Mutter reißt, weil es in den Eissalon möchte. Der alte Mann, der einer jungen Frau hinterherschaut, mit Wehmut vielleicht. Die junge Frau, die den Kinderwagen vor sich her schiebt und erschöpft aussieht. Die alte Frau, die schwer an ihren Einkaufstüten schleppt.
  23. Das alles kann man nicht im Theater für mehrere hundert Leute darstellen.
  24. Auf jedem normalen Platz kann man es aber beobachten. Oft schon habe ich mich in eine Ecke eines Platzes gesetzt, die Menschen beobachtet, mir Geschichten über sie ausgedacht. In Wien, in italienischen Kleinstädten, vor dem Centre Pompidou, auf dem Dorfplatz.
  25. Interessant dabei ist, wie unterschiedlich Menschen agieren, wenn sie sich in vertrauter Umgebung bewegen, oder als Touristen vorbeikommen, oder es eilig haben, Bekannte treffen, sich fremd und unwohl fühlen.
  26. Es ist schön, all das zu beobachten. Schön fand ich auch, dass der Titel des Stücks mich daran erinnert hat.
  27. Das Stück selbst zeigte mir aber, dass das Leben subtiler als ein Pantomime-Zirkus ist. Und spannender.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Im Theater 3

  1. mzriot schreibt:

    Handke ohne Text ist immer noch besser als handlke mit Text 🙂

  2. Jiri Platzer schreibt:

    Ein Handke im Strafraum führt zum Elfer. Fußke muss Vollstrecken und Köppke steht im Tor. ;)))

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