Pensées: Gartenarbeit

  1. In meiner Kindheit, als ich die Sommerferien bei meiner Oma verbrachte, beschränkten sich meine Aufgaben bei der Gartenarbeit auf Kartoffelkäfer sammeln und ersäufen. Und später, gegen Ferienende, die von meiner Oma aus der Erde geharkten Kartoffeln in Kübel zu werfen.
  2. Beides machte mir nur wenig Freude.
  3. Ich hätte gerne mit der Sense gemäht. Aber meine Oma hielt mich für zu inkompetent.
  4. Zu Hause in Salzburg interessierte mich die Gartenarbeit nicht.
  5. Später lebte ich in Wien und war der Meinung, Bäume und Gärten wären für provinzielle Schwächlinge.
  6. Aber dann zogen wir vor 10 Jahren in Vorarlberg in ein Haus mit Garten.
  7. Der Garten war zum Teil von den Vorbesitzern schön kultiviert, zum Teil mit alten Bäumen bewachsen, die gefällt werden mussten.
  8. Nach den Holzarbeiten bleib mir ein Hügelstück, das ich nach Lust und Laune kultivieren konnte.
  9. Ich wollte einen Garten, in dem die Blumen nicht in dem festen, streng geordneten Gefüge, das hier in der Gegend üblich ist, wuchsen, sondern wild und frei, als wäre hier eine Wiese von Kulturpflanzen.
  10. Ich kaufte Pflanzen und Samen, grub, pikierte, setzte, goss, jätete mit großer Leidenschaft. Jeden Tag ging ich durch den Garten und schaute mir die Pflänzchen an. Kein Blättchen, das sich gebildet hatte, und keine Knospe entgingen mir. Auch nicht die Löcher, die Käfer und Schnecken in die Pflanzen fraßen, und die verdorrten Pflanzenteile.
  11. Auf jede Blüte war ich stolz, als hätte ich sie selbst geformt.
  12. Nach einem Jahr sah der Garten schon recht schön aus. Wunder hatte ich mir keine erwartet.
  13. Den zweiten Winter überlebten viele Pflanzen nicht. Im Frühling fand ich es faszinierend, jeden Tag zu erforschen, welche Pflanzen überlebt hatten, welche gut gediehen, welche sich von selbst angesiedelt hatten.
  14. Im Lauf der Jahre haben sich ohne mein Zutun einige Pflanzen im Garten angesiedelt. Bäume: Eiche, Buche, Föhre, Essigbaum. Sträucher: Sommerflieder, Berberitze, Ilex, Kirschlorbeer, Buchs, Flieder. Beeren: Erdbeeren, Himbeeren, Ribiseln. Blumen: Mohn, Akelei, Nachtkerze, Schneerose, Wasserdost, Malve, Margerite, Vergissmeinnicht, Lavendel, Sonnenhut.
  15. Dafür sind etliche Pflanzen, die ich teuer gekauft hatte, eingegangen (jede Pflanzenhandlung erscheint mir wie ein Mausoleum der in meinem Garten verschiedenen Pflanzen). Außerdem siedelt sich das Unkraut in meinem Garten weitaus lieber an, als die schönen Pflanzen.
  16. Eine Ecke des Gartens nenne ich Distelfeld.
  17. Als Katharina vor vier Jahren an Leukämie erkrankte, durfte ich keine Gartenarbeit mehr machen. Mit Erde in Berührung zu kommen, wäre zu gefährlich für sie gewesen. Ich wollte sie keinesfalls in Gefahr bringen.
  18. Ich verlor das Interesse an der Gartenarbeit.
  19. Das kam auch in den darauffolgenden Jahren nicht wieder. Lustlos jätete ich den Distelwald und hatte das Gefühl, ich würde den Kampf gegen die Natur verlieren.
  20. Aber heuer im Frühling hat mich wieder die Lust gepackt. Ich kaufte einige neue Pflanzen, jätete ein Stückchen Distelwald und grub sie ein. In einer Wiese sah ich zum Frühlingsanfang Primeln und Schlüsselblumen und etwas später Glockenblumen, Wiesensalbei und Witwenblumen. Ich grub einige aus und versetzte sie in unsere Wiese.
  21. Jetzt durchforste ich den Garten nach schönen Pflanzen, die sich vielleicht wieder angesiedelt haben. Manchmal ist das sehr spannend, wenn ich nicht weiß, um welche Pflanze es sich handelt. Oft erlebe ich dann eine Enttäuschung, weil sich die Pflanze doch als hässliches Unkraut entpuppt.
  22. Manchmal ist es aber eine wunderschöne Blume.
  23. Dann macht die Gartenarbeit richtig Spaß.
  24. Auch wenn ich nicht unbedingt einen grünen Daumen habe, und unser Garten eher wie eine Wildnis aussieht und nicht wie gepflegt wilde Blütenpracht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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