Ich und Du

Das kleine Ich-bin-ich ist eines der schönsten Kinderbücher. Als Kind habe ich es geliebt, und als Mutter las ich es meinen Kindern gerne immer und immer wieder vor. Obwohl diese Geschichte von der Findung der eigenen Identität handelt, behandelt sie auch die Bedeutung von „Ich“.

Das Konzept von „Ich“ und „Du“ erscheint uns als natürlich. Wir empfinden uns als eigene Entitäten und das jeweilige Gegenüber auch. Das machen Kinder auch.

Sprachlich ist das aber nicht ganz so einfach. Während die meisten Erwachsenen „Ich“ und „Du“ oder „Sie“ ganz selbstverständlich verwenden, können das Kleinkinder noch nicht.

Mir ist das aufgefallen, als meine Kinder zu sprechen anfingen. Ich sagte ihnen vor, wie die Dinge heißen und sie sprachen es nach. Als ich zu mir „ich“ sagte, zeigte das Kind auf mich und sagte auch „ich“. Da merkte ich erst, wie schwierig es ist, einem kleinen Kind zu erklären, dass zwar andere Dinge unabhängig vom Betrachter sind, aber „ich“ und „du“ nicht.

Dann zeigte ich wieder auf mich und sagte „du“. Das Kind sah mich verständnislos an und zuerst „du“ und sagte dann fragend „ich“. Als ich dem zweijährigen Kind dann erklärte: „Wenn ich mich meine, sage ich „ich“, wenn du mich meinst, sagst du „du“. Du sagst zu dir „ich“ und ich sage zu dir „du““, kam ich mir sehr bescheuert vor. Und sehr unzulänglich.

Ich habe mich an die Kleinkinderzeit meiner Kinder erinnert, weil ich neulich mit meinen Kindern scherzte. Hypothetisch haben wir uns irgendeinen Unsinn ausgemalt, was wir sein könnten oder tun würden. Als mir vor Lachen die Aufmerksamkeit nachließ, verhedderte ich mich gedanklich und mein Sohn sagte zu mir: „Aber wenn du ich sagst, bin ich doch du.”

Dann kannte ich mich für einen Augenblich nicht mehr aus und fühlte mich wie das Kleinkind, dem man erklären muss, was „ich“ und „du“ bedeutet.

Ich war nur froh, dass ich es damals meinen Kindern nicht näher erklären musste, weil sie es von selbst begriffen. Die Verwendung dieser Wörter ist durch Beobachten und Nachahmen viel leichter zu erlernen als durch Erklärungen. Vorher nennt ein Kind eben seinen Namen, anstatt „ich“ zu sagen. Das ist nicht weiter verwunderlich, da ja die meisten Ansprechpartner auch den Namen des Kindes verwenden. Mit der Zeit verschwindet das Sprechen von sich selbst in der dritten Person, das auch Illeismus genannt wird.

Manche Menschen scheinen das aber nicht so leicht abzulegen. Das wirkt mitunter merkwürdig unsicher, von sich selbst abgelöst.

Andere scheinen absichtlich von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. Ich erinnere mich an Jörg Haider, der der das immer machte, sei es, um sich etwas Majestätisches zu verleihen, um seine Führungsqualitäten zu unterstreichen, sei es, um sich als Mann des Volkes bescheidener darzustellen. Auffällig ist, dass gleich mehrere seiner Epigonen diese Angewohnheit aufgreifen. Das wahrscheinlich, um ihr Vorbild möglichst getreu nachzuahmen. Oder sie haben tatsächlich nie gelernt, wie man die Wörter „ich“ und „du“ richtig anwendet.

Meinen Kindern habe ich die korrekte Anwendung jedenfalls beigebracht, sie müssen keine FPÖ-Politiker werden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Ich und Du

  1. dasmanuel schreibt:

    Sehr witzig … gleiches Alter, anderes Kind (meins, nicht deins 😉 ), gleiches Dilemma. Exakt bis ins Detail.

    Immer wieder erkären hat, dem steten Tropfen gleich, zum Erfolg geführt. Ein bisschen unbedarft kommt man sich dabei aber schon vor.

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