Ferienjobs

Früher sagte man in meinem Umfeld oft gedankenlos: „Bevor ich das mache, gehe ich lieber putzen.“

Putzen galt als demütigender Job, als letzter Ausweg, wenn man anderweitig nichts finden konnte, nur wenige schlechtere Jobs waren vorstellbar. Mit vorgehaltener Hand sagten die älteren Frauen: „Stell die vor, die Frau vom So-und-so muss putzen gehen, denen muss es aber schlecht gehen.“

Als ich zur Schule ging und studierte nahm ich in den Ferien Jobs an, um mir den Sommerurlaub zu finanzieren. Mehrmals war ich Verkäuferin in einer schicken Boutique in Salzburg. Der Job war nicht sehr gut bezahlt und ich machte ihn mit wenig Begeisterung. Ich sah, wie die vornehmen Damen die Verkäuferinnen tagein tagaus durch das Geschäft hetzten, ohne etwas zu kaufen, nur um ihre Zeit totzuschlagen. Die Töchter der Damen waren noch schlimmer, überhebliche kleine Gören, die einander beweisen wollten, wer am herrischsten mit Verkaufspersonal umgehen konnte. Umgekehrt bildeten sich die Verkäuferinnen auch ein, sie wären zu Höherem geboren und behandelten einfach gekleidete Frauen, von denen sie nicht das große Geschäft erwarteten, unfreundlich und von oben herab. Es gab auch immer wieder stundenlange Wartezeiten, während derer ich nicht lesen durfte, sondern immer und immer wieder Blusen und Pullover zur Perfektion falten musste.

Eine Freundin von mir bewarb sich für einen Job in der Gurkenfabrik. Sie sollte im Akkord Gurken in Gläser stopfen. Bei dem Einführungsgespräch erklärte man ihr, wie viele Gläser eine gute Gurkenglasstopferin in der Stunde schaffen konnte. Sie rechnete das mal 8 für den Tag, denn – so dachte sie – das kann doch nicht so schwer sein, mal 5 für die Woche und das Ganze noch mal 4 für den Monat und sie kam auf eine stattliche Summe. Mit einem guten Gefühl, das Richtige getan zu haben, trat sie diesen Job an. Sie stellte sich ans Fließband und stopfte Gurken in Gläser auf Teufel komm raus. Am Anfang machte ihr das Essigwasser nichts aus, sie konzentrierte sich auf die Arbeit. Diese kam ihr auch noch nicht so monoton vor, weil sie erst ein Gefühl für das richtige Verhältnis von Gurken und Essigwasser entwickeln musste. Am ersten Tag bekam sie kein einziges Glas richtig hin, immer waren zu wenige, zu viele oder beschädigte Gurken im Glas. Sie hatte nichts verdient.

Noch ließ sie sich nicht entmutigen. Am zweiten Tag fragte sie in der kurzen Pause eine fest angestellte Kollegin, wie sie das machte. Die Kollegin sagte, sie arbeite schon seit einigen Jahren an diesem Fließband und sie hätte noch nie die gewünschte Stundenquote erreicht. Zwei Wochen lang sei es ihr nicht gelungen, mehr als ein Glas pro Stunde korrekt zu stopfen. Meine Freundin arbeitete noch die Schicht fertig. Jetzt nahm sie den Gestank wahr und ihre Haut brannte vom Essigwasser. Zwei Gläser gelangen ihr. Dann gab sie auf. Nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die Bezahlung waren menschunwürdig.

Im selben Jahr war ich Putzfrau bei den Salzburger Festspielen. Das war eine gut bezahlte Arbeit, bei der man zwar viel arbeiten musste, dabei aber mit einer Kollegin plaudern konnte, Abwechslung hatte zwischen Bodenwischen, Kloputzen und Abstauben, Karten für Generalproben bekam und ab und zu einen Blick auf eine Berühmtheit werfen konnte. Es war ein feiner Ferienjob.

Man sollte sich, gerade wenn man sich über die Widrigkeiten seines gutbezahlten Jobs beklagt, überlegen, unter welchen Bedingungen andere Menschen arbeiten müssen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Ferienjobs

  1. dasmanuel schreibt:

    Und hier wird von ‚zivilisiertem‘ Arbeitsumfeld geredet. Wie ergeht es wohl einem Minenarbeiter in Südamerika? Einem Farbenmischer in Indien? Einer Näherin in Bangladesch …

    Andererseits: Wenn ich mich in meinem Arbeitsumfeld nicht wohlfühle, sollte ich jedes Recht haben zu klagen. Allerdings habe ich dann auch die Pflicht, etwas zu ändern. Schwierig wird es erst

    a) bei denen, die fortwährend jammern, obwohl sie Konsequenzen ziehen können – inakzeptabel
    b) wenn keine sinnvollen Alternativen bestehen

    • Karin Koller schreibt:

      Ich spreche natürlich niemandem das Recht sich zu beklagen ab. Mir kommt nur vor, man macht sich nicht genug Gedanken darüber, unter welchen Bedingungen andere arbeiten müssen. Auch bei uns. Arbeitsbedingungen von Erntearbeitern (auch in Europa), Fabrikarbeiterinnen in Asien oder Kindern, die zur Arbeit gezwungen werden sind natürlich ein ganz anderes Themenfeld (ich habe auch schon ein paarmal darüber geschrieben).

      • dasmanuel schreibt:

        Meine Rede. Schlimm wird’s erst bei ‚Besserverdienern‘, die über ihren ach-so-abartigen Job lamentieren … und nichts ändern, weil es ja doch immer wieder Urlaubsgeld gibt.

  2. Velika schreibt:

    Danke für die Erinnerungen! Heute sitze ich nur noch im Bürostuhl in meiner Agentur und denke gerade an meine Ferienjobs zurück, ob ich als Erntehelfer auf dem Feld mir die Finger schmutzig gemacht und mir den Rücken verdorben habe oder in der Fastfood Küche Burger belegt habe, es war doch ne gute Zeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s