Ein Tag am Meer

IMG_5484

Als Kind war ich einige Male am Meer. Immer an der Adria. Meistens in einem vornehmen Hotel, weil meine Mutter zum Urlaub der Familie, bei der sie als Haushälterin arbeitete, mitgenommen wurde. Und ich auch.

Einmal aber, zu meinem sechsten Geburtstag, fuhren meine Mutter und ich ganz alleine nach Lignano. Lignano di Sabbiadoro, wie exotisch das klang. Goldener Sand. Im Hotel Aurora. Es war unser einziger Urlaub alleine und nicht bei meiner Oma in Kärnten.

Ich erinnere mich noch gut an den Buben, mit dem ich eine Kugelbahn baute. An die Tretbootfahrt am Meer. An den Geburtstag, an dem ich einen Stoffsnoopy, eine Uhr und ein Buch von einem Mädchen namens Aurora bekam. An das Eis, das ich jeden Nachmittag am Strand essen durfte. An die Fahrt mit dem Ausflugsboot, bei der ich das erste Mal hinter den Horizont fuhr, also das Land für eine kurze Zeit aus den Augen verlor (eine recht beunruhigende Erfahrung).

Damals fuhren wir mit einem Reisebus dorthin. Von Villach aus. Die Fahrt habe ich in Erinnerung, wie ich mir eine Busreise nach Spanien vorstelle. Heiß und beinahe endlos lang. Man musste sogar die Uhr umstellen. Und schlecht war mir auch.

Später, mit den Kindern, fuhren wir in die Toskana oder nach Südfrankreich, nie an die Adria.

Aber diesen Sommer beschlossen wir, vom Haus meiner Mutter aus einen Tagesausflug nach Grado zu machen. Die mir damals als so lange erschienene Fahrt dauerte 1 Stunde und 50 Minuten. Mit dem Auto.

Das Meer sah ganz anders aus als ich es von den Urlauben der letzten Jahre in Erinnerung hatte. Es war ruhiger, blasser, es ging beinahe nahtlos in den Himmel über.

Der Strand war übersät mit Muscheln. Ich war überglücklich, da sowohl in Frankreich als auch in der Toskana kaum eine Muschel zu finden war.

Die Kinder und ich sammelten Muscheln. Kleine Muscheln mit Reliefmuster, Schneckchen, winzige Miesmuscheln und Jakobsmuscheln, Bruchstücke von Austern am Strand. Im Wasser fanden wir ganz andere Muscheln. Größere, glatte, weiße Muscheln. Die Mädchen sprachen sofort von den Weihnachtsgeschenken, die sie basteln wollten – mit Muscheln besetzte Schmuckschatullen und Bilderrahmen. Lukas sortierte und zählte die Muscheln. Es waren über 500.

Dann gruben wir Lukas im Sand ein. Wir schaufelten eine kleine Grube, in die er sich hineinlegte und die wir wieder zuschaufelten. Die Kleinste holte Wasser, damit der Sand schön fest wurde. Nur die Füße und der Kopf schauten heraus. Wenn der Bub atmete, begann der Sand an seiner Brust aufzureißen. Es sah aus wie in einem Horrorfilm, in dem einem Alien der Brustkorb aufbricht, um ein Monster zu entlassen.

Alleine konnte er sich trotz aller Bemühungen nicht befreien. Wir gruben ihn wieder aus. Wir wollten uns im Meer waschen. Die Ebbe war gekommen und wir mussten weit hinausgehen über den feuchten Sand. Die Wellenform des Sandes, so ähnlich der Wellenform des Meeres und doch ganz starr, ließ mich daran denken, wie sonderbar es ist, dass so zarte, bewegliche Wellen eine derart rigide Form schaffen können.

Plötzlich klatschte etwas gegen meinen Oberschenkel. Der Bub bewarf mich mit Schlamm. Wir machten eine Schlammschlacht. Ich dachte daran, wie sehr ich mir eine Schlammschlacht herbeigesehnt habe, damals als Katharina krank war. Nicht weil ich besonders gerne Schlammschlachten veranstalte, sondern weil die Möglichkeit, einander mit Dreck zu bewerfen, zum Symbol von Gesundheit wurde.

Im Wasser mussten wir einen Teppich von Seegras durchqueren. Die Kinder schoben das Gras zur Seite, dabei bildeten sich Ballen, die wie auftauchende Wassermänner aussahen. Oder wie grüne Perücken. Ich setzte mir eine davon auf.

„Lange Haare würden dir eh gut stehen“ sagte die große Tochter. „Besonders wenn sie grün sind“ sagte die Kleine.

Unterwegs fanden wir eine Schneckenmuschel, die von einem Einsiedlerkrebs bewohnt wurde. Ich hielt ein Seegras vor die Schere und er schnappte zu. Der Krebs hielt das Gras ganz fest, es war schwierig, es ihm zu entreißen.

Wir versuchten, so weit hinauszuwaten, dass niemand mehr stehen konnte. Als mir das Wasser bis an die Brust ging, sah ich eine Qualle. Ich hatte noch nie eine Qualle (außerhalb eines Aquariums) gesehen. Obwohl ich sie gerne beobachtet hätte, kehrten wir doch lieber um, riskierten nicht, gestochen zu werden.

Als wir wieder zum Strand kamen, war es fünf Uhr. Wir wollten noch den Ort ansehen und essen gehen, bevor wir nach Hause fuhren.

Ich warf mir mein Kleid über und merkte zu spät, dass mein Bikini noch ganz nass war. Mit Wasserflecken am Kleid ging ich in die Stadt und beschloss zu ignorieren, wie blöd das aussah.

Wir aßen Pizza, Anna kaufte sich einen hübschen Paillettenrock, Katharina ein Netz mit Muscheln, und wir aßen ein Eis.

Dann fuhren wir nach Hause. Über die Brücke, die Grado mit dem Festland verbindet, in den Sonnenuntergang.

Als es ganz dunkel wurde, begann es zu stürmen und zu regnen. Der Regen und die Berge waren in so großen Kontrast zu Sonne und Meer, als wären wir wirklich sehr weit gefahren.

Es war ein schöner Tag.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ein Tag am Meer

  1. Bibione hotel schreibt:

    Adria Küste von Italien ist einfach perfekt für den Urlaub am Meer mit Kindern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s