Altmann & Kühne

Am Graben in Wien gibt es ein winziges, anachronistisches Geschäft, in dessen Auslage ich jahrelang schon jedes Mal, wenn ich in Wien bin, mit Sehnsucht hineingeschaut habe.

Das Geschäft heißt Altmann & Kühne.

Dort werden Pralinen verkauft. In Schachteln. Die Schachteln sind aus Karton, in Rot, Weiß, Schwarz, Rosa oder Mintgrün. Mit stilisierten Bildern von Wiener Sehenswürdigkeiten, mittelalterlich anmutenden Motiven, oder Bildern von Zirkuskünstlern. Die Schachteln sind kleine Truhen, Kommoden, Buchattrappen, Schminkkästchen mit Spiegelchen, Hutschachteln, Vitrinen mit Schubladen und goldenen Bommeln, oder Schatzkisten. Oder meine Lieblingsschachtel: Ein Nähkästchen, das man auf beiden Seiten ausklappen kann.

In den Schachteln liegen – jede auf einem eigenen kleinen Papier – winzig kleine Pralinen. Kleiner als die Kuppe meines kleinen Fingers. In Gold eingepackt, mit einer Silberperle, mit grünen Pistazienbröseln, mit einer schokoladisierten Kaffeebohne, mit Marzipanfülle.

Zum ersten Mal sah ich die Altmann & Kühne Schachteln, als ich ein kleines Kind war. Ich lebte damals in Wien. Meine Mutter war Haushälterin und wir wohnten bei ihren Arbeitgebern in einer schönen Villa. Die Dame des Hauses bekam immer wieder Pralinen geschenkt. Ich durfte die Schachteln haben, wenn sie leer waren. Manchmal durfte ich auch eine Praline kosten.

Die Schokolade schmeckte mir nicht. Aber die Schachteln gefielen mir. Ich liebte die Schachteln. Ich bewahrte darin meine Schätze auf: Den Silberring mit der grünen Katze. Den Anhänger mit Linus (weil Linus bei den Peanuts eine Schmusedecke hatte, genauso wie ich). Einen Stein, den ich im Bach bei der Oma gefunden hatte. Eine Feder von einem Eichelhäher. Später kleine Briefchen vom Liebsten aus der Volksschule, weil die Schachteln natürlich mit mir nach Salzburg zogen, und andere Kleinigkeiten, die mir damals als Kostbarkeiten erschienen.

Mit der Zeit verblasste der Reiz der Schachteln. Vielleicht gingen sie auch vom vielen Gebrauch kaputt. Ich weiß es nicht mehr. Sie waren aber nicht mehr da und ich dachte viele Jahre nicht mehr an sie.

Bis ich bei einem Wienbesuch vor einigen Jahren zufällig das Geschäft am Graben sah. Da fiel mir die Freude, die ich mit den Schachteln hatte, wieder ein. Ich wollte unbedingt, als neues Erinnerungsstück sozusagen, eine dieser Schachteln kaufen. Als ich die Preise der ausgestellten Schachteln sah, dachte ich, das sei eine Erinnerung nicht wert. So teuer waren die. Selbst die allerkleinsten.

Wieder zu Hause in Vorarlberg überkam mich eine Wehmut. Was war schon ein bisschen Geld, wenn ich dann doch etwas hätte, das ich mir wünschte? Etwas Ähnliches passierte mir einmal mit einem Gewürzsetzkasten mit 100 verschiedenen Gewürzen. Ich wollte damals die 100 Franken nicht dafür ausgeben, fand ihn nie wieder, ärgere mich seitdem und denke mir, was hätten die Kinder und ich mit diesem Kasten für Freude haben können.

Bei der nächsten Wienreise war das Geschäft noch da. Der Geiz siegte aber wieder. So ging es einige Male. Immer ärgerte ich mich, als ich wieder zu Hause war.

Aber diesen Sommer (ich hatte gerade ein großzügiges Geburtstagsgeldgeschenk bekommen) fasste ich mir ein Herz. Ich betrat das Geschäft. Klein und altmodisch war es. Sogar die Verkäuferinnen muteten altmodisch an. Nähkästchen gab es nicht. Aber eine große Kommode mit sechs Schubladen stand dort. Rot. Teuer wie Gold. Aber ich kaufte sie. Und habe es nicht bereut. Jeden Tag esse ich eine Praline, die Kinder dürfen eine haben, wenn sie sonders brav waren. Mir schmeckt sogar die Schokolade jetzt.

Was ich in den Schubladen aufbewahren werde, wenn die Schachtel leer ist, muss ich mir noch überlegen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Altmann & Kühne

  1. ines schreibt:

    schöne geschichte

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