Ein Tag in Salzburg

Angst vor dem Autofahren bestimmte jahrelang mein Leben, aber vor vier Jahren habe ich sie überwunden. Beinahe. Einiges traue ich mich immer noch nicht: In eine Stadt zu fahren, in der ich mich nicht 100%ig auskenne. In eine mir unbekannte Tiefgarage zu fahren. Irgendwohin zu fahren, ohne vorher die gesamte Strecke auswendig gelernt zu haben.

Im Sommer durften die Kinder eine Woche lang mit den Großeltern in Italien verbringen. Mein Mann und ich blieben zu Hause. Dann sollte er die Kinderabholen und wir wollten uns bei meiner Mutter in Kärnten treffen. Ich fuhr alleine von Vorarlberg nach Kärnten. Das kann ich (und bin immer noch einfältig stolz auf mich, dass ich das kann).

Als ich durch das Deutsche Eck fuhr, dachte ich daran, Autofahrer auf der Autobahnausfahrt zu Park&Ride Plätzen umgeleitet wurden. Ich dachte auch, wie schön es wäre, nach Jahren wieder einmal durch Salzburg zu schlendern. Immerhin hatte ich 13 Jahre dort gelebt, meine gesamte Schulzeit dort verbracht.

Gerade als ich den Gedanken, die Stadt zu besuchen, aufgrund der vielen Ungewissheiten als undurchführbar beiseiteschieben wollte, fiel mir die andere Autobahnausfahrt ein. Die Ausfahrt, in deren Nähe wir einst gewohnt hatten. Dort gab es einen einfachen Weg in die Stadt. Spontan fuhr ich dort ab, in die Stadt hinein.

Ich kannte den Weg, aber die Häuser und Geschäfte waren mir fremd. 20 Jahre war ich schon nicht mehr durch diese Straßen gefahren. Auch der Parkplatz, den ich ansteuerte, war von dieser Seite nicht befahrbar. Ich musste mich ein Stück weiter in die Stadt wagen, als es mein Mut zuließ. Aber ich fand eine Tiefgarage und parkte dort.

Als ich die Straße betrat, zitterte ich. Ich merkte auch, ich war gar nicht für die Stadt gekleidet: Ruderleiberl, Jeans und Turnschuhe. Aber das konnte ich nicht mehr ändern. Das sollte mein Abenteuer auch nicht beeinträchtigen, beschloss ich.

Zuerst durchquerte ich die Stadt und ging zum Geschäft, das der Sohn der ehemaligen Arbeitgeber meiner Mutter betrieb. Vor 25 Jahren war er mein kleiner Bruder. Seitdem habe ich ihn nur selten gesehen, ich habe nicht einmal seine Telefonnummer.

Das Geschäft ist sehr vornehm, niemand in einem ähnlichen Aufzug wie meinem würde es betreten. Ich tat es einfach und wurde in sein Büro geschickt.

Er schien sich zu freuen und erzählte mir so von seinem Kunstprojekt, als würden wir Persönliches ohnehin jeden Tag besprechen. Wir tranken einen Kaffee, dann ging ich wieder in die Stadt.

Durch die Getreidegasse zum Mönchsbergaufzug. Zum Museum der Moderne. Das wurde gebaut, nachdem ich Salzburg verließ, deshalb war ich noch nie dort. Ich weiß nicht, ob ich mir die Ausstellungen angesehen hätte, wenn ich jederzeit das Museum besuchen könnte. Viele Blumen und Pilze. Eine muffige Indoorwiese. Aber auch einige interessante Ölgemälde, Fotos von der menstruierenden Muschi einer Künstlerin (mit Hinweis, das moralische Empfinden der Besucher könnte beeinträchtigt werden – „Eltern haften für ihre Kinder“), interessante Animationsfilme und Lichtinstallationen.

Über den Mönchsberg spazierte ich in die Stadt. Wie eine echte Touristin. Mit Aussicht. Bei St. Peter kam ich herunter, genau auf dem Weg, den ich als Fünfjährige gegangen bin, um Brot zu holen. Mit einem Rucksack, das frische Brot wärmte damals meinen Rücken im Winter, das weiß ich noch genau. Ich stellte mich an, um Brot zu kaufen, aber alle Laibe waren bereits vorbestellt.

Ich sah mir den Friedhof an und erinnerte mich, dass der schönere Friedhof sich auf der anderen Seite der Salzach befand.

Dom und die Franziskanerkirche besichtigte ich, überzeugt davon, beide Gebäude bis dahin nie betreten zu haben, bis die Erinnerung an Details mich eines Besseren belehrte. In einer Buchhandlung fand ich Calvinos Herr Palomar, das ich vergebens die ganze Woche gesucht hatte – zu Hause und in verschiedenen Buchhandlungen.

Dann überquerte ich die Salzach, ging durch die Linzergasse zum Friedhof St. Sebastian. Leopold Mozart ist dort begraben und Constanze Weber. Im selben Grab liegt auch die Mutter von Carl Maria von Weber.

Wolf Dietrich ließ sich auf diesem Friedhof bereits zu Lebzeiten ein Mausoleum bauen, mit der Anweisung, dass sein Körper nicht ausgeweidet werden dürfe und 24 Stunden nach seinem Tod zu begraben ist, in Alltagskleidung, die ihm seine regulären Diener anzuziehen hatten.

Dann schlenderte ich zurück. Über den Nonnberg, an dem Haus vorbei, in dem ich gewohnt habe, bis ich acht Jahre alt war, eine schöne Villa am Fuße der Festung (einmal ging ich mit einer Freundin durch den Wald bis zur Festungsmauer, wir stellten uns vor, man würde uns ins Verließ werfen, wenn wir uns zu weit vorwagten). Am alten Greißlerladen (noch da), dem Fahrradgeschäft (noch da) und der Papierhandlung, in der ich meine Schulhefte gekauft habe (ein anderes Geschäft heute) zurück zur Garage (neu).

So schaffte ich es, an einem Nachmittag moderne Kultur, Tourismus und eine Reise in die Vergangenheit zu betreiben.

Ich war froh über den schönen Tag, stolz auf mich über meinen Mut, und aus Salzburg habe ich auch herausgefunden. Mit dem Auto.

Meine Mutter sagte dazu: „Bist ja kein Depp.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Ein Tag in Salzburg

  1. E.R. schreibt:

    na siehst du – sich’s nur zutrauen, dann geht alles…

    • Karin Koller schreibt:

      Ja. Ich weiß das. Trotzdem half alles Gutzureden nichts und es musste ein einschneidendes Ereignis passieren, damit ich die Angst überwunden habe. Ich glaube, es geht vielen so, die vor etwas Angst haben.

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