Ortstafeln

Ortstafel

Im Sommer fuhr ich auf der Landstraße von Kötschach-Mauthen nach Villach. Unterwegs sah ich genau zwei Ortstafeln. Eine davon aber nur, weil ich wusste, dass sie an einer Abzweigung der Landstraße steht.

Ich komme aus dieser Gegend. Meine Oma konnte gut Deutsch, sprach aber fast nur Slowenisch. Windisch nannte sie das, ganz neutral. Ich dachte, so wurde der hiesige Dialekt genannt. Dass sich der von der slowenischen Hochsprache unterschied, wusste ich aus der Kirche. Dort verstand ich nämlich kein Wort. Wenn meine Oma mit mir sprach oder mit ihren Bekannten, verstand ich fast alles.

Erst vor kurzem erfuhr ich, wie ideologisch belastet der ursprünglich neutrale Begriff „windisch“ in den Dreißigerjahren wurde. Die Spannungen zwischen „Deutschkärntnern“ und Kärntner Slowenen waren aber omnipräsent. Kärntner Slowenen wurden wie Zuwanderer behandelt, die sich nicht assimilieren wollten, obwohl sie mindestens genauso gut Deutsch sprachen wie jene, die sich „Deutschkärntner“ nannten. Die größte Ironie an dieser Sache war, dass meine Oma einigen von denbeim Heimatdienst Engagierten damals einige deutsche Wörter überhaupt erst beibringen musste.

Vor hundert Jahren waren die meisten Menschen in unserem Dorf Kärntner Slowenen. Deutsch sprachen jene, die aus anderen Gebieten kamen. Heute sind es nicht genug für eine Ortstafel. Dazwischen war die Nazizeit. „Kärnten spricht Deutsch.“ Auch Kärntner Slowenen aus unserem Dorf wurden in KZs verschleppt. Es gab Partisanen, Verrat, Umsiedelungen. Auch meine Oma hatte Angst. Wenn sie unterwegs war, sprach sie nur das Notwendigste, versuchte, sich möglichst unauffällig zu verhalten.

Ein Graben verlief durch die Bevölkerung, der nie wieder richtig geschlossen wurde.

Als in den Siebzigerjahren eine zweisprachige Ortstafel im Nachbarort aufgestellt wurde, war es ein Fest für einige Dorfbewohner, diese aus der Verankerung zu reißen. Darauf herumzutrampeln, bis die Tafel zerstört war, und sie eine steile Böschung herunterzuwerfen. Auch einige Kärntner Slowenen machten es sich zum Sport, einsprachige Ortstafeln zu beschmieren oder zu zerstören.

In unserem Dorf dauerte der Ortstafelstreit mit sonderbaren Auswüchsen an. Vor wenigen Jahren bekam ein Mann zu seinem 40. Geburtstag eine zweisprachige Ortstafel geschenkt. Natürlich keine echte. Die stellte er in seinem Garten auf. Von der Straße war sie nur mit Mühe sichtbar und nur, wenn man wusste, wo man hinschauen muss. Trotzdem war die Tafel nach zwei Tagen weg. Er fand sie zerbeult im Wald.

2011 wurde der Ortstafelstreit beendet. Der damalige Landeshauptmann Dörfler und Bundespolitiker ließen sich feiern dafür. 164 Ortstafeln wurden aufgestellt, hieß es. Das klingt imposant. Aber ich fand  in unserer Gegend praktisch keine Ortstafeln.

Ich wusste nicht, ob unsere Region damals eine Ausnahme war und rundherum nur wenige Kärntner Slowenen lebten. Offenbar haben überall in der Region zu wenige Menschen angegeben, Kärntner Slowenen zu sein. Ich wunderte mich, wo die anderen Ortstafeln sind.

Ich googelte ein bisschen nach. Kärnten hat insgesamt 132 Gemeinden. Nur in 24 davon gibt es zweisprachige Ortstafeln. Das heißt aber nicht, dass jede dieser Gemeinden durchgängig mit zweisprachigen Ortstafeln ausgestattet ist. Die Gemeinde Hermagor besteht aus 65 Ortsteilen, hat aber lediglich in zweien davon zweisprachige Ortstafeln. Die Gemeinde, aus der ich komme, hat nicht ganz 900 Einwohner, aber immerhin 6 Ortsteile, also 6 potenzielle zweisprachige Ortstafeln. Aufgestellt wurde eine einzige.

Das relativiert einiges. Die „Frage“ ist jetzt wohl gelöst. Und wenigstens hat niemand die Ortstafel in unserer Gemeinde abgerissen. Schon zwei Jahre lang. Das gilt hier als Fortschritt. Ich weiß nicht, wovor die Leute Angst haben, wenn sie ein slowenisches Wort sehen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ortstafeln

  1. Gregor Wakounig schreibt:

    Du schreibst als wäre es was schlechtes gewesen, dass ein paar Kärntner slowenen die Tafel um die zweite Landessprache ergänzt hätten. Als wären sie auf die gleiche Stufe Mit dem Ortstafelpogrom-Nov zu stellen. Diese Leute haben zivilen ungehorsam geleistet Und dabei absurderweise nichts anderes getan als die österreichische Verfassung praktisch umzusetzen. Für diesen Mut sollten sie Anerkennung bekommen Und nicht als „Schmierer“ auf die gleiche Stufe mit den Ulrichsberggehern Und sonstigen braunen Kameraden gestellt werden. Und eine relevante Frage hast du vergessen: Wieso peppst du nicht dein Slowenisch wieder auf, verstehen könntest du es anscheinend schon mal. Leo pozdrav iz Dunaja v Zilo, Gregor.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich stelle niemanden auf die gleiche Stufe mit Ulrichsberggehern. Ich sehe auch nicht, wie man das aus dem Text herauslesen kann.
      Ja, es wäre gut, wenn ich mein Slowenisch aufpeppen würde. Habe mir das auch schon oft vorgenommen. Einfach wäre es, wenn ich tatsächlich in Kärnten leben würde. So muss ich einen Kurs machen und habe keine Gesprächspraxis. Soll aber keine Entschuldigung sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s