Italo Calvino: Herr Palomar

Calvinos Palomar habe ich vor zwanzig Jahren gekauft. Für den ersten Urlaub, den ich mit meinem Mann gemacht habe. Als Freunde begannen wir die Reise, dann haben wir uns verliebt.

Herr Palomar gefiel mir so gut, dass ich begann, meinem Mann daraus vorzulesen. Damals. Kapitel für Kapitel, auf Hotelbalkonen an der französischen Riviera, in Toskanischen Hügeln, auf einem Platz in Florenz. Das Buch hatte einen Zauber für uns (vielleicht verliebte sich mein Mann auch deshalb in mich?).

Jetzt, so viele Jahre später, erinnerte ich mich nicht mehr an viel. Dass Palomar einmal beschloss, nur noch zu reden, wenn er tatsächlich etwas zu sagen hatte und deshalb oft wochenlang schwieg. Oder dass er herausfinden wollte, wie die Welt weiterexistierte, wenn er selbst tot war.

Ich wusste nicht mehr ganz genau, ob das Buch wirklich so gut war, oder ob es aufgrund der speziellen Umstände für mich einen nostalgischen Nimbus erlangt hatte, der nicht durch den Text selbst zu rechtfertigen war.

Also las ich es noch einmal.

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte mit je drei Kapiteln, die wiederum drei Unterkapitel haben. Diese rigide äußere Form reflektiert das Wesen Palomars. Er ist kein lockerer Typ, hat gerne seine Ordnung, fühlt sich sicher darin. Ja er versucht immer wieder, die Ordnung der Dinge entschlüsseln.

Palomar beobachtet auch gerne. Menschen, Tiere, Dinge, Ereignisse.

Er beschreibt, dass es nicht möglich ist, eine Welle vom Entstehen bis zum Verebben zu betrachten, weil er Anfang und Ende nicht definieren kann. Er versucht eine nackte Brust am Strand zu betrachten, ohne dass sich die Frau belästigt fühlt (was trotz aller zartfühlender Bemühungen nicht gelingt). Er betrachtet den fahlen Nachmittagsmond, bis es dunkel wird. Er steht im Käseladen und im Feinkostgeschäft an und beobachtet, wie die Waren auf ihn wirken und wie auf die anderen Menschen. Er beobachtet Tiere im Zoo, Vögel und Schildkröten im Garten. Er schafft es nicht systematisch Unkraut zu jäten, weil die Grenzen zwischen erwünschten und unerwünschten Grassorten verschwimmen. Er verreist und versucht zu ergründen, wie viel man von einer Kultur, die man nur flüchtig kennenlernt, begreifen kann, was dieses Begreifen überhaupt bedeutet.

Oft dachte ich mir beim Lesen: Das habe ich mir auch schon gedacht. Oder: Das sollte ich mir auch einmal überlegen. Oder: Warum habe ich mir das nie überlegt? Oder habe ich es mir überlegt, damals, als ich das Buch zum ersten Mal las, und nur wieder vergessen? Habe ich einige Gedankengänge ganz selbstverständlich übernommen, ohne es zu merken? Zumindest möchte ich die Welt so sehen können wie Palomar, so detailliert und dennoch mit dem Blick für das Große und Ganze.

Denn die Beobachtungen bewegen sich nur scheinbar an der Oberfläche. Alle Geschichten drehen sich um Interaktionen. Wird die Realität durch die eigene Wahrnehmung verändert? Beeinflussen verschiedene Wahrnehmungsansätze die Welt, das eigene Denken, die eigene Position gegenüber den anderen? Ist der winzige wahrnehmbare Ausschnitt der Realität repräsentativ, um eine Aussage treffen zu können (im Allgemeinen oder Speziellen)? Wie verändert die Adaption der eigenen Wahrnehmung das eigene Denken? Helfen Interaktionen mit anderen bei der Wahrnehmung der Welt? Behindern sie diese? Kann man die Welt nur beobachten, wenn man sich selbst als vernachlässigbare Größe herauskürzt? Oder muss man sich selbst einbringen? Trübt Vorwissen die eigene Beobachtungsgabe? Kann man Vorwissen überhaupt ungeschehen machen? Kann man die Welt überhaupt beobachten? Sind die einfachsten Dinge zu komplex, um sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen? Kann wissenschaftliche Verkürzung befriedigend sein? Ist sie notwendig, um überhaupt etwas begreifen zu können?

Aber man muss die vielen philosophischen Fragen nicht unbedingt nachvollziehen. Calvino schreibt  schöne Geschichten über die alltäglichsten Dinge, er beobachtet exakt und haucht den Dingen durch dieses Beobachtung Leben ein. Weil interessant ist, was man interessant macht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Italo Calvino: Herr Palomar

  1. Axel Mothes schreibt:

    Hallo Karin,
    deine Rezension ist die beste Werbung für das Buch, den Schriftsteller. Ich kenne weder das Buch noch den Schriftsteller. Das was du – doch recht leidenschaftlich – beschreibst und was du für dich daraus entwickelt hast – auch wenn der Kommentar (wahrscheinlich) mit dem/ positiven Erlebnis/sen wohl in jedem Fall positiv gefärbt gewesen wäre – macht mir richtig Lust auf das Buch. Der Autor scheint mir eine bemerkenswerte Person zu sein.
    Sovie jetz erstmal dazu – ich mach mich auf den Weg das Buch zu holen und zu lesen 🙂
    Lieben Gruss
    Axel

    • Karin Koller schreibt:

      Schön. Danke. Natürlich ist jede Buchbeschreibung durch persönliche Erlebnisse gefärbt. Aber Calvino war wirklich ein außergewöhnlicher Schriftsteller und ich glaube nicht, dass ich bei Palomar übertreibe.

  2. dasmanuel schreibt:

    Vielen Dank für diese Neugier erweckende Empfehlung. Werde mir das Buch besorgen!

    Liebe Grüße

  3. dasmanuel schreibt:

    Eine ganze Weile später …

    Gequält habe ich mich. Bemüht. Nun ist er bewältigt, der steile Pfad aus akribischen Beobachtungen, Umschreibungen, Analysen.

    Freude hat er mir wenig bereitet, der liebe Herr Palomar. Allzu genau verliert er sich in Kleinigkeiten, versucht er kosmische Zusammenhänge auf Grashalmhöhe zu analysieren und fundamentale Zusammenhänge auf dem Bauch eines Gekko zu erkennen …

    Unbehagen bereitete mir sein Zwang, hinter alles blicken zu müssen. Trauer und Mitgefühl habe ich für diesen Menschen, der seinerseits Freude aus seinem Leben streicht und durch Pedanterie ersetzt.

    Immerhin das versteht er – und gibt mir als Erkenntnis weiter: Zuviele Mühen … sind alle Mühen nicht wert. Manchmal sollte es einfach genügen, eine schöne Frauenbrust offen anzustarren und sich an deren Anblick zu erfreuen. Vorbehaltlos, ohne nachzudenken.

    Ein wirklicher Pluspunkt: Sprachverliebte kommen voll auf ihre Kosten. Interessant ist bestimmt, das italienische Original unter diesem Gesichtspunkt mit der Übersetzung zu vergleichen.

    • Karin Koller schreibt:

      Oh, schade. Mir gefällt Palomar vielleicht nicht zuletzt so gut, weil ich auch ein bisschen ein zwanghafter Typ bin (gerade in meinem letzten Blogeintrag habe ich das beschrieben). Manches an deiner Kritik kann ich verstehen. Ich fand aber nicht, dass sein Blick hinter alles die Freude abtötet. Im Gegenteil, dadurch hat er überhaupt erst an ansonsten langweiligen Kleinigkeiten Freude.

      • dasmanuel schreibt:

        Hmm. Sein Handeln – eher, sein Denken – empfand ich jedoch nicht so. Freude konnte ich darin nicht erkennen, eben eher: Abtöten der Freude in kleinen Dingen durch das Sezieren in kleinste Denkmodelle. Anders ausgedrückt: Die Figur Herr Palomar zeigte meist keine Freude in seiner Handlung, sehr oft jedoch Frustration – über Unwissenheit, mangelnde Vorstellungskraft oder einfach die Situation an sich.

        Dennoch (wie erwähnt): Unter sprachlichen Gesichtspunkten ist das Buch tatsächlich ein Meilenstein.

  4. Igbaia schreibt:

    Das ist nach meinem Geschmack eine sehr schöne und treffende Kurzbesprechung. Die Frage, ob die Rigidität der Formen, die Calvino in den meisten späteren Werken nützt, notwendiges Gegenmittel gegen schriftstellerisches Sichgehenlassen ist oder unnötige Selbstbeschränkung ist, sie beschäftigt mich schon länger. Ohne dass ich zu einem endgültigen Ergebnis gelangt bin. Meine Vermutung ist: nur besonders talentierte Autoren können sich diese Vorgehensweise erlauben, ohne in leeren Formalismus zu verfallen. Aber die wenigen, die es können (oft Lyriker imho), schaffen damit eine Dichte, Stringenz und Prägnanz, die mitteltalentierte Schriftsteller in ausufernden Romanen nie erreichen.

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