Mein Tattoo (1)

Lange Zeit habe ich über ein Tattoo nachgedacht. Den ersten Denkanstoß bekam ich, als ich mit meiner Freundin Clara darüber diskutierte, ob wir einen Spruch finden könnten, der nicht trivial ist und mit dem wir gerne ein Leben lang herumlaufen wollten. Ich sagte damals, ich könne es mir kaum vorstellen , Clara sagte, mit ein bisschen gutem Willen ginge das schon.

Der Wunsch, mich tätowieren zu lassen, war nicht dringlich. Deshalb dachte ich nicht weiter darüber nach. Bis ich einige Monate später A Train in the Night von Nick Coleman las. Da war ein Satz, der ließ mich nicht mehr los:

“We all have our madeleines.”

Der Satz ist eine Anspielung auf die Madeleine-Geschichte aus Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für mich ist das eine der schönsten Geschichten, die ich je gelesen habe.

Sie erzählt von der Erinnerung, die sich unvermittelt beim Essen einer Madeleine einfach aufdrängt. Die Erinnerung an die Kindheit. Davon, wie ein kleiner Brösel eines Kuchens vor dem inneren Auge eine ganze Welt erstehen lassen kann. Wie wichtig Erinnerung ist. Wie viel davon verschüttet ist und wie leicht es wieder an die Oberfläche kommen kann, wenn man darauf achtet.

“We all have our madeleines” bedeutet, dass Erinnerungen manchmal ungebeten kommen, dass sie wertvoll sind und nicht achtlos beiseitegeschoben werden sollen, dass sie einen Menschen ausmachen.

Ich versuche, meine Erinnerungen aufzuschreiben und jene meiner Mutter. Ob jemals wirklich Bücher daraus werden, weiß ich nicht. Für meine Familie werden sie aber ein Zeitdokument sein. Auch daran erinnert mich der Satz. Nicht nur die ungreifbaren Erinnerungen repräsentieren die Madeleines, sondern auch das Buch, in dem sie beschrieben sind. Alle Bücher. Auch meine. Als Ermutigung dafür, tatsächlich richtige Bücher daraus zu machen.

Eine Erinnerung, die ich schon aufgeschrieben habe, ist die an die Erkrankung meiner Kleinsten Tochter und wie ich damit fertig wurde. Weil Madeleine auch ein Mädchenname ist, Magdalena, bedeutet der Satz für mich auch, dass ich schwere Zeiten überstehen kann und überstanden habe. Dass wir die schweren Zeiten überstanden haben, ich und meine Familie.

Den Text hatte ich also gefunden. Fehlte nur noch eine Verzierung. Zuerst dachte ich an Apfelblüten, weil im Garten meiner Oma ein Apfelbaum stand, in den sie meine Schaukel gehängt hatte. Jetzt ist es der Garten meiner Mutter und der alte Baum steht da noch immer. Bis vor Kurzem hing die Schaukel meiner Kinder darin. Ich war aber hauptsächlich im Sommer und zu Weihnachten bei meiner Oma und deshalb gehört die Apfelblüte nicht zu meinen Erinnerungen.

Als ich im Sommer in Südtirol wandern war, sah ich im Wald eine wilde Heckenrose und wusste, dass nur eine Heckenrose meinen Spruch verzieren konnte.

Eine Heckenrose, weil sie sich wild verbreitet, keine Veredelung benötigt und trotzdem genauso schön ist wie eine Zuchtrose.

Diese wilde Schönheit, das plötzliche Auftauchen mitten im Wald, wo ich sie nie vermutet hatte, passte perfekt zu dem Satz, den ich mir ausgesucht hatte.

Das Motiv hatte ich nun. Jetzt musste ich nur noch die passende Stelle finden. Und mein Tattooprojekt tatsächlich umsetzen. Aber das war gar nicht so leicht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Schmuckkolumne abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Mein Tattoo (1)

  1. ines schreibt:

    schöne idee, das macht direkt lust, ähnliche überlegungen anzustellen 🙂

  2. Fabian schreibt:

    Liebe Karin, finde die Idee wunderschön und bin sehr gespannt, welchen Körperteil du für das Tattoo ausgewählt hast. Passen würden viele. Ich bin auch gespannt, ob es bei diesem einen Tattoo bleiben wird oder noch weitere hinzukommen werden.

  3. P.A. Brandon schreibt:

    Der Satz ist schön. Wieso aber muss daraus ein Tattoo entstehen? Dann wird es IMHO wieder trivial. Woher der Wunsch, einen solchen Satz dauerhaft zu tragen? Oder ist das Tattoo wiederum eine Madeleine?
    Es gibt viele wunderbare Sätze, aber als Tattoo werden sie meist entwertet und wirken wiederum IMHO spiessig.

    • lisimoosmann schreibt:

      Wer sagt, dass irgendetwas muss? Und was soll daran spießig sein? Nach meinem Wörterbuch ist es spießig – also banausenhaft, einfältig, kleinkariert, bieder -, wenn man sich gezwungen fühlt, Menschen, die sich nach reiflicher Überlegung für irgendetwas entscheiden, zwanghaft den Spaß verderben muss, um seine mäßig interessante und nicht sehr fundierte Meinung kundzutun. IMHO, natürlich nur.

  4. P.A. Brandon schreibt:

    Lisi, Du alte Zwangkanone, der war jetzt aber gut.

  5. Pingback: Mein Tattoo (2) | Karin Koller

  6. Anna B. schreibt:

    Ich finde Ihr Tattoo sehr gelungen und inspirierend. Ich habe in einigen Wochen meinen 60. Geburtstag und plane, mir dafür auch die Bodyart zu schenken, die ich bisher aufgrund meiner beruflichen Situation zu feige war, zuzulegen. Hatten Sie denn schon ein zweites Tattoo in Erwägung gezogen?

  7. Anna B. schreibt:

    Dieses Gedicht, blumengeschmückt. http://www.poets.org/poetsorg/poem/i-walked-out-one-evening Und einige Piercings. Möglicherweise einige viele.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s