Bücher abstauben

Bei der Heimkehr aus dem Urlaub fand ich Haus und Garten etwas vernachlässigt vor. Der lange Urlaub hat mich soweit regeneriert, dass ich mich tatsächlich mit Schwung daran machte, alles in die alte Ordnung zu bringen. Und nicht nur das, sogar an Stellen aufzuräumen, an denen ich sonst nie aufräume (ein Großteil der Vernachlässigung stammte schon von vorher).

Als das Haus halbwegs ordentlich aussah, begann ich die Bücherregale abzustauben. Weil ich das sonst nie mache. Ich nahm Buch für Buch aus dem Regal, wischte es mit einem trockenen Tuch ab, wischte das leere Regal feucht ab und stellte alle Bücher wieder hinein. Zuerst gedankenverloren, wie man das so macht beim Putzen, halbautomatisiert, ohne Interesse.

Dann hielt ich plötzlich ein Taschenbuch in der Hand. Es war von Mo Yan. Den ganzen Sommer über, immer wenn ich eine Buchhandlung besuchte, überlegte ich mir, ob ich ein Buch von Mo Yan kaufen sollte. Schließlich hat er den Nobelpreis bekommen. Damals, als ihm der Preis verliehen wurde, hätte ich schwören können, dass ich noch nie von Mo Yan gehört habe.

An das Buch, The Garlic Ballads, erinnerte ich mich noch dunkel. Der Knoblauchbauer fiel mir jedes Mal, wenn ich Knoblauch verwendete, ein. Ich hätte aber nicht sagen können, wie das dazugehörige Buch hieß. Laut Preiskleber musste ich es in London gekauft haben. Vor mindestens 5 Jahren, eher vor 12. Wozu lese ich überhaupt, wenn ich mir weder Titel noch Inhalt oder Autor merke?

Ich begann, die Bücher langsam einzuräumen, jedes einzelne davon anzusehen. Mich zu erinnern, ob es eines meiner Bücher war. Ob ich es gelesen hatte. Ob ich es mochte. Woran ich mich noch erinnern konnte.

Manche kurze Szene fiel mir ein. Oder eine Figur. Bei manchen Büchern wusste ich nicht mehr viel. Bei manchen erstaunte mich, dass ich sie überhaupt gelesen hatte, wie viel Zeit ich damit vergeudete. Andere Bücher nahm ich in die Hand und erinnerte mich nicht nur an sie, sondern auch an die Umstände, unter denen ich sie gelesen habe: Während eines Urlaubs am Meer, im Krankenhaus, in der Studentenwohnung damals. Eine kleine Reise durch mein Leben.

Ich fand Bücher wieder, die ich im Lauf der Zeit vergeblich gesucht hatte, weil ich etwas nachschauen wollte, oder sie verleihen. Oft habe ich mich schon geärgert, ein Buch nicht zu finden, das ich gerade unbedingt finden wollte. Andererseits fand ich bei jeder Suche wieder andere Bücher, unerwartet. Bücher, an die ich gar nicht gedacht hatte und die ich gerne wieder zur Hand nahm. Genauso wie die Bücher beim Abstauben.

Mit einem durchdachten Ordnungssystem wäre diese Freude gar nicht möglich gewesen, weil es in der strikten Ordnung keine Überraschungen geben kann.

Bei meiner Entstaubungstätigkeit fand ich auch viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, die irgendwo nach hinten gerutscht waren, oder umgeräumt wurden, bevor ich sie lesen konnte. Von manchen wusste ich nur noch dunkel, dass ich sie gekauft hatte, andere hatte ich ganz vergessen. Bei wieder anderen freute ich mich, sie endlich wieder gefunden zu haben. Ich stellte alle neuen Bücher in ein eigenes Fach im Regal. Es wurde voll.

Mir kam es beinahe so vor, als hätte ich den Tag in einer Buchhandlung verbracht und einen ganzen Stapel Bücher mit nach Hause gebracht.

Ich beschloss, auf keinen Fall Ordnung in meine Bücher zu bringen. Und in einem oder vielleicht zwei Jahren die Bücher wieder sorgfältig abzustauben. Nur um zu ergründen, was sich seither verändert hat.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Bücher abstauben

  1. Hofnarr schreibt:

    Es lässt sich fragen, inwieweit noch Bücher von Deinem Ehemann dazwischen waren, die Du gar nicht kanntest, weil nicht selbst gekauft… aber es sammelt sich so einiges während dem Leben!

    …allmählich habe ich mir aber die Gewohnheit meiner Schwester angeeignet, die nur Bücher kauft, die sie interessieren, um sie nach dem Lesen jedenfalls jemand anderem zu verschenken.
    Angesichts der umfangreichen, vererbten Büchermenge meiner verstorbenen Eltern, die nun ohnehin niemand mehr liest, ist das wohl eine bessere Alternative. Meine Schwester überlegt sich deshalb fortlaufend während des Lesens, zu wem das Buch passen könnte, dessen Inhalt sie ja jetzt kennt und muss es später nicht mehr horten und abstauben und anderen zum Aufräumen überlassen durch das Verschenken, weil sie die Erkenntnis hat, dass sie es ja ohnehin zukünftig niemals mehr lesen wird. Nur ausnahmsweise wandern bei ihr deshalb Bücher ins Regal, lediglich solche, die sie zum Arbeiten braucht (sie ist Lehrerin!). Tatsächlich hätte sie sonst jedenfalls keinen Platz mehr für so viel aufgehobene Bücher, wie sie sich in ihrem Leben gekauft hat.

    Eigentlich gute Idee, man hat so immer Geschenke für jemanden, nie was zu suchen oder abzustauben und immer wieder Lust Neues zu kaufen und zu lesen ohne nachträglichem Zwang… Die Alternative dazu wäre wohl die Bibliothek, wo man Bücher leiht, aber sie mag keine Bücher lesen, die ihr nicht gehören und über die sie nicht selber so lange verfügen kann, wie sie möchte, sagt meine Schwester!

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