Ella’s

IMG_1539

Ein bisschen Sorge hatte ich schon, ob ich die richtige Wahl getroffen hatte. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Dafür hatte ich mir auf einer Restaurantführer-Site sicher hundert Lokale angesehen. Keines sprach mich wirklich an. Außer Ella’s. Ein griechisches Restaurant. Das sah genau richtig aus. Die Speisen, die Preise, die Lage.

Auf dem Weg dorthin fiel mir aber ein, dass mein Mann weder die griechische Küche noch griechische Weine mochte. Und ich schleppte ihn ausgerechnet in ein griechisches Restaurant, um den ersten schönen gemeinsamen Abend in Monaten mit ihm zu verbringen.

Es war ein lauer Sommerabend, nach der großen Hitze, gerade noch warm genug, um kurzärmelig draußen zu sitzen. Ella’s befindet sich am Judenplatz in Wien. Wir hatten einen Tisch neben dem Denkmal. Eine Bibliothek nach außen gekehrter Bücher, die zusammen wie ein unübersehbarer, unüberwindlicher Klotz wirken. Wie Lebensgeschichten, die unwiederbringlich umgekehrt wurden. Eindrücklich, ja. Auch zum Nachdenken bewegend. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass das Denkmal erst vollendet sein kann, wenn sich jemand die Mühe macht, die Namen der vielen getöteten Wiener Juden zwischen die steinernen Seiten zu gravieren.

Ein Kellner brachte die Speisekarte. Mit klassischer griechischer Küche hatten die Speisen nicht viel zu tun, aber der mediterrane Einfluss war unübersehbar. Wir waren gespannt.

Und weil wir uns abenteuerlich fühlten, bestellten wir eine Flasche griechischen Wein. Ich war noch nie in Griechenland und assoziiere mit griechischem Wein hauptsächlich Udo Jürgens und – aufgrund eines Urlaubsmitbringsels einer Freundin – aufdringliche Harzigkeit oder beinahe unerträgliche Süßlichkeit.

Aber dieser Wein – ein Cuvée aus Assyrtiko und Sauvignon Blanc – hatte eine Zitrusfrische mit einem angenehmen Hauch von Harzigkeit. Wohlschmeckend und doch anders als alle Weine, die ich kannte.

Die Vorspeise wurde serviert. Tartar von Schwertfisch mit Ricotta und Avocadocreme und Koriander und winzigen Fetastückchen und Radieschen. Was hier klingt wie eine wilde Mischung, war so schön angerichtet, dass es auch im Steiereck hätte serviert werden können. Und es schmeckte herrlich. Endlich konnte ich den in britischen Kochsendungen inflationär verwendeten Begriff „clean and fresh dish“ verstehen. Die sommerliche Frische, die Leichtigkeit (die auch zum Wein passte), das Zusammenspiel der Texturen, die Einheit, die diese (doch ziemlich vielen) Zutaten bildeten.

A Nebentisch saß ein Mann mit drei Kindern. Die Kinder waren drei oder vier Jahre älter als unsere, auch zwei Mädchen und ein Bub. Es war, als könnte ich in unsere Zukunft schauen. Alle drei hatten ihre Handys auf dem Tisch liegen (wird bei uns bald so sein), sie aßen die Gerichte, ohne zu murren oder nach Wienerschnitzeln zu verlangen (ein Zukunftstraum), begannen Streit wegen der kleinsten Kleinigkeit (das hört wohl nie auf).

Zur Hauptspeise hatte ich wieder Schwertfisch, so fasziniert war ich davon, so einen Fisch zu essen, bis ich realisierte, dass Schwertfisch mit „Spada“ in Italien identisch ist. Dieser Fisch war kurz angebraten, wie Thunfisch, und wurde auf einem Bett von Grillgemüse mit einer Pistazienfalafel serviert. Mein Mann hatte Heilbutt in Hummersauce mit Ravioli als Beilage bestellt. Ich stellte mir eine kulinarische Reise um das Mittelmeer vor.

Es war dunkel geworden. Die Kerze flackerte in ihrer Schale, der Wein war leer. Wir bestellten noch ein Glas Rotwein, auch aus Griechenland, ein Syrah, auch sehr gut.

Mein Nachtisch war ein Obstsalat mit Thymianhonig, Joghurt und einem Sorbet. Mit einem Mandeltweel. Die Kinder am Nebentisch konnten sich nicht über den Nachtisch einigen. Die Große verzichtete, der Bub aß ihn mit Appetit, die Kleinste bestellte sich einen, gab aber nach wenigen Bissen auf und die großen Kinder teilten sich den Rest (wie bei uns).

Es war ein schöner Abend. Das Ambiente. Das Essen, das mit solcher Kreativität und Liebe zum Detail zubereitet war. Der Wein. Ich kann dieses Lokal wirklich empfehlen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Kultur, etc. abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s