Warten

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Ich hasse es zu warten. Besonders wenn ich kein Buch zur Hand habe. Verabrede ich mich, versuche ich immer pünktlich zu sein. Nach spätestens zehn Minuten Wartezeit werde ich nervös.

Dabei muss man so oft warten, wenn der Tag lang ist. Vor Kassen, im Supermarkt, im Kino, im Stadion. Auf Reisen. Beim Frisör, bis man drankommt, bis die Farbe endlich ausreichend ins Haar eingezogen ist. Beim Arzt. Vor allem beim Arzt. Jede kleine Erkältung der Kinder kostet Stunden. Wenn ich in einem Wartezimmer sitze, fühle ich buchstäblich meine Lebenszeit langsam aus mir heraustropfen.

Auf Ärzte habe ich oft gewartet, als Katharina krank war. Nicht nur einfach auf eine Hustenmedizin. Das waren auch (und oft) Wartezeiten vor Rückenmarkspunktionen, Operationen oder dem Pflasterwechsel ihres Herzkatheters. Wartezeiten, bei denen sie vor Angst entweder beinahe hysterisch wurde, oder sich stumm weinend an mich krallte. Bei denen ich auch Angst hatte und es nicht zeigen durfte.

Man würde meinen, ich hätte in dieser Zeit das Warten gelernt. Aber das stimmt nicht. Ich warte ungeduldiger denn je zuvor. Als hätte ich meine Lebenswartezeit in den Krankenhäusern aufgebraucht.

Wartezeiten gliedern sich bei mir immer in Phasen. Im Sommer erlebte ich das wieder. Wir waren mit den Kindern in einem Strandbad. Wir hatten wenig zu essen mitgenommen, damit die Wurstsemmeln in der Sonne nicht unansehnlich wurden, und weil ein kleiner Snack aus der Strandbar eben zum Badevergnügen dazugehört.

Ich stelle mich also mit den Kindern an die Bar. Wie zwanzig andere Menschen auch. Die Kinder suchen sich Hot-Dogs und einen Toast aus. Ich sehe ein Werbeplakat für Eismocaccino, das mich sehr anspricht. Nach zehn Minuten Wartezeit bestelle ich. Das beunruhigt mich nicht, weil die Kellnerin einen Gast nach dem anderen abarbeitet und deshalb absehbar ist, wann ich drankomme. Meinen Eiskaffee bekomme ich sofort, zusammen mit einer Nummer: 51.

Ich denke mir nichts dabei, wie lange kann es denn dauern, ein Würstel in ein Brot zu legen? Ich schicke die Kinder mit dem anderen Mocaccino zu meinem Mann auf den Liegeplatz. Mein Eiskaffee ist noch hartgefroren, er sollte eigentlich mit dem Plastikhalm getrunken werden. Guter Dinge stochere ich zehn Minuten im Eis.

Dann löffle ich es aus der schmalen Öffnung des Deckels, es schmeckt gut. Vor allem die Textur. Wie guter Kaffee mit Eiskristallen. Zufrieden knirsche ich an meinem Eis. Zehn Minuten lang. Die Kinder kommen wieder. Der Bub wird langsam hungrig. Mir fällt auf, ich habe aus der Küche keine einzige Speise herauskommen sehen. Keine Nummer wurde aufgerufen.

Weitere zehn Minuten vergehen, mein Mann schaut vorbei. Ich schicke ihn weg. Die erste Nummer wird aufgerufen. 42.

Das ist der Zeitpunkt, an dem ich nervös werde. Mein Eis ist aufgegessen, ich habe nichts mehr zu tun. Fünf Minuten später ruft man 43 auf. Wenn das so weitergeht, muss ich noch eine halbe Stunde warten. Ich werde unruhig, beginne nervös auf und ab zu laufen.

Einige Minuten später überstürzen sich die Ereignisse. Kurz aufeinander werden die Nummern aufgerufen, bis 47. Dann 48, dann wieder 47, dann wieder 48, weil die Bestellungen so groß waren. Dann 54, 52, 49, 53 durcheinander. 51 nicht. Ich komme mir vor wie die Protagonistin einer Kafka-Geschichte. Zu schwitzen beginne ich auch noch und sage mir in ein einer Endlosschleife vor: „Wie lange kann man dafür brauchen, ein Würstel in ein Brot zu geben?“

Die Situation erscheint mir aussichtslos. Ich frage nach. Einen Augenblick Geduld heißt es. Wie lange ein Augenblick in dieser Bar sein kann, habe ich gemerkt.

Dann kommt der Toast. Immerhin der Toast. Einige Minuten später die Hot Dogs. Die Kinder sind froh. Insgesamt habe ich 50 Minuten gewartet. Lebenszeit vergeudet, mich sinnlos aufgeregt. Ich fühle mich ausgelaugt.

Aber vielleicht hätte ich nur einen Sonnenbrand bekommen, wenn ich in dieser Zeit in der Sonne gelegen hätte, rede ich mir die Erfahrung schön und gehe schwimmen, während die Kinder essen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Warten

  1. Hofnarr schreibt:

    Du musst mit dem Warten gelassener umzugehen lernen, Karin. Wartenlernenmüssen ist eines unserer natürlichen Gesetzgebungen im Laufe des Lebens für jede Kreatur dieser Erde!

    Du beschreibst hier einige von Menschen verursachte, Dir in Deinem Leben aufgezwungenen Warte-Situationen, obwohl diese nur einen ganz kleinen Teil unseres Lebens ausmachen.

    …aber bedenke, wenn Du in Deinem Garten ein Samenkorn säest oder einen Salat-Setzling pflanzt, musst Du auch warten, bis das Pflänzchen erntereif ist, sonst kann es Dir nicht zur Freude gereichen. Ebenso musst Du warten, bis Deine Kinder heranwachsen, bis Du sehen kannst, ob Deine einstige Erziehung an Deinen Kindern erfreuliche Früchte trägt oder enttäuschend ist… und schliesslich warten wir natürlicherweise auch auf jedes unserer anderen angestrebten Ziele, die wir in unserem Leben erreichen wollen, zB. in dem wir uns bemühen, dafür zu lernen oder andere Schritte einzuleiten, um irgendwann zum angestrebten Erfolg zu kommen!

    Jenen von Menschen Dir aufgezwungenen, ungewünschten Wartezeiten indes ist dahingehend zu begegnen, indem man sich entscheidet, sich aus der Warteschleife durch Verzicht zu verabschieden oder aber Verständnis aufzubringen, dass es nun eben durchaus Situationen gibt, die man sich nicht auswählt und die dennoch ein übermässiges Warten auslösen (zB. ein Ausfall des Elektrisch am Kochherd in jener Schwimmbad-Bar, das Fehlen von Material oder Arbeitskräften usw. oder in anderen Situationen auch lang andauerndes, schlechtes Wetter usw.) Wenn man daher nicht danach fragt, warum es denn so unendlich lange gehen kann, bis „ein Würstl ins Brot gelegt werden kann“, sondern nur feststellt, die Kinder haben doch Hunger, ist das etwas kindlich reagiert, insbesondere dann, wenn man doch weiss, dass es durchaus auch Menschen gibt, die sich nicht mal ein Würstl kaufen und selber kochen können, weil sie schlicht kein Geld dazu haben! Hättest Du nämlich gewusst, dass es allenfalls am Kochherd lag oder allenfalls auch am Fehlen von weiteren Würsten oder Brötchen, hättest Du ja Deine Kinder zum Essen von was anderem auffordern können, was in der Bar nicht gewärmt hätte werden müssen oder sie dazu anhalten, anstelle Deiner weiter zu warten, denn es waren ja ihre Wünsche, die durch das Warten nicht erfüllt wurden… hier lässt sich bestenfalls noch fragen, wessen Lebenszeit denn eigentlich wertvoller ist, die Deinige oder diejenige der Kinder, die einfach so in den Tag hinein leben im Schwimmbad und nicht mal merken, wenn eine Mutter sich allenfalls des Würstl-Kaufs wegen für sie unnötig aufopfert. Dies indes ist eine Frage der Selbstachtung und der Achtung von anderen einem selbst und unseren Tätigkeiten gegenüber…

  2. Anonym schreibt:

    Ich stimme Hofnarr nicht zu. Das Warten auf das Aufgehen einer Saat und das Warten auf die Würstel ist insofern anders, als man bei zweiterem leider zu Passivität gezwungen ist und der Situation ausgeliefert. Geht man weg, so wird die eigene Nummer aufgerufen und wenn man nicht innerhalb von 10 sek zur Stelle ist, kann es sein, daß die eigene Bestellung andersweitig vergeben ist. Man hat zudem bereits bezahlt und will dann auch die Gegenleistung haben. Es ist also ein Warten i.S.v. „einer Situation ohne brauchbare Alternative ausgeliefert sein“. Ich glaube, das trifft schon eher den Kern. Es ist dieses tieferliegende „einer Situation ausgeliefert sein“ über eine gewisse Zeitspanne, die einem jede sinnvolle Tätigkeit verbietet.

    Ich fühle mich in diesen Situationen genau so wie Karin. Ich beobachte zudem, wie ich in solchen Situationen aggressiv werde und studiere, wie diejenigen, die es in der Hand haben, die Wartezeit zu verkürzen, ihren Job versieben. Ein klassisches Beispiel sind etwa die „Sicherheits“kontrollen am Flughafen. Wenn die Plastikkästen auf die denkbar langwierigste Weise hinten aufgesammelt werden und unter viel Getratsche wieder nach vorne gebracht werden (wo der nächste seit 2 min nur deswegen nicht durch die Schleuse kann, weil er seinen Kram nicht in eine Kiste laden kann) beispielsweise.

    Ich erinnere mich an eine Situation vor ca. 2 Jahren. Ich hatte an der „Sicherheits“kontrolle ca. 20 min gewartet. Dann war ich vorne und konnte meinen Kram in Kisten laden. Ich hab absichtlich den Drang unterdrückt, mich zu beeilen – aber auch nicht absichtlich getrödelt. Prompt wurde ich von der zuständigen Kontrollöse (oder wie man die nennt) höflich aber bestimmt ermahnt, mich doch bitte zu beeilen. Das hat bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich hab sinngemäß geantwortet, daß ich jetzt 20 min gewartet hätte und daß ich es ihr jetzt gerade nicht ersparen könnte, daß sie mal 20 sek wartet. Aus irgendeinem Grund hat sie das nicht richtig gehört oder wollte es erst nicht verstehen, sie fragte „Wiebitte?“ Daraufhin hab ich es recht laut wiederholt. Daraufhin wurde hinter mir in der Schlange vereinzelt applaudiert und die Dame an der Kontrolle hielt die Klappe.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja genau. Es gibt viele Varianten von Warten. Das Ausgeliefertsein ist das, was mich nervös macht.

      • Hofnarr schreibt:

        Okay, das nicht zu umgehende Ausgeliefertsein zufolge Wartens, verursacht durch Menschen, kann tatsächlich sehr zermürbend sein. Da gehe ich mit Dir einig. Auch mir begegnet solches Warten natürlich immer wieder und erfreut mich auch nie wirklich, ja, kann sogar sehr belastend sein! Insbesondere dann, wenn es in Resignation/ Aufgeben oder Kampf mündet, weil’s sonst eine ewige Unbeweglichkeit/Stagnation bleibt und schliesslich alles, auch jegliche Beweglichkeit und jegliches Wachstum innerhalb eines Lebens, still legt. Aber solche Extreme zufolge unendlichem Warten sind wohl doch eher selten!

        Hier lohnt es sich aber dennoch nachzufragen, warum man sich eigentlich bei einer Würstl-Situation wie der oben beschriebenen bereits derart ausgeliefert fühlt, dass man Mühe hat, diese Warte-Situation sinnvoll zu managen, denn eigentlich könnte man ja auch ganz einfach das schon bezahlte Geld zurückfordern oder was anderes dafür beziehen oder jene anderen Dinge tun, die ich schon in vorherigen Kommentar schilderte, aber zuerst hätte man ohnehin natürlich vom entsprechenden Bar-Personal wissen müssen, wie lange es wohl noch geht und warum, um der Situation nicht hoffnungslos ausgeliefert zu sein und auch nicht dieses frustrierende Gefühl vom Ausgeliefertsein haben zu müssen…

  3. dasmanuel schreibt:

    In Anbetracht der vorangehenden Betrachtung wohl banal, möchte ich dennoch anmerken: Warten widert mich ebenfalls an. Der Fokus liegt bei mir dabei klar auf dem Vergeuden von Zeit.

    Gott sei Dank hilft dabei – tatsächlich – moderne Technik. Seit Smartphones internet-fähig sind, kann ich ‚Im Stau stehen‘ um einiges gelassener ertragen.

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