Mein Tattoo (2)

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Nachdem ich die Motivsuche beendet hatte, musste ich die richtige Stelle für mein Tattoo finden. Ich entschloss mich für den Bauch. Quer drüber das Zitat, in Druckbuchstaben wie von einer alten Schreibmaschine, und rechts und links eine Heckenrose.

In dem Tattoostudio, in dem ich mich piercen lasse, sagte man mir, Schrift würde ein Tätowierer aus Graz machen, der jeden Monat ein paar Tage vorbeikam.

Enttäuscht ging ich in ein anderes Tattoostudio in der Stadt. Dort hing ein Bild von einem Tattoo in genau der Schrift, die ich haben wollte.

Die Tätowiererin, Bette, wirkte etwas schroff, aber nicht unfreundlich. Sonderlich schien sie sich nicht für mich zu interessieren. Ich zeigte ihr die Stelle, die ich ausgesucht hatte.

„Das geht nicht“, sagte sie, „du hast Schwangerschaftsstreifen am Bauch. Darüber kann ich keine Schrift tätowieren.“

Bis zum Termin verblieb mir noch etwas Zeit, um eine neue Stelle zu finden.

Ich druckte den Text in der Schrift und Größe, die mir gefiel, aus, suchte im Internet nach Heckenrosenbildern, druckte die auch aus und schnitt sie zurecht.

Ich zog mich aus und gemeinsam legten mein Mann und ich die Zettelchen auf meinen Körper, bis wir eine schöne Stelle gefunden hatten. Auf der linken Seite, darüber eine einzelne Blüte, darunter zwei.

Ich ging ins Tattoostudio und zeigte die Zettelchen her. Bette war nicht begeistert von meinen Vorlagen. Ich kam mir vor, als wäre nicht nur meine Haut, sondern auch ich selbst nicht schön genug für ein Tattoo.

Dann ließ sie mich wieder in einer Ecke des Studios sitzen. Sie schien etwas zu zeichnen und auszudrucken. Sie erklärte nichts. Ich kam mir vor wie beim Arzt, nur mit lauterer Musik.

Endlich, nach fast einer Stunde, winkte sie mich in das Tätowierzimmer. Ich zog mein T-Shirt hoch und zeigte die Stelle, an der ich das Tattoo haben wollte.

„Nein, das mache ich nicht.“

Ich war beinahe den Tränen nahe, riss mich aber zusammen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

„Das ist einfach nicht schön. Und eine Kratzer hast du auch noch.“

Wo kam denn der blöde Kratzer her? Ich war entmutigt. Ich wusste, wenn ich jetzt nach Hause ging, würde ich mir nie ein Tattoo machen lassen.

Kleinlaut sagte ich: „Und auf der anderen Seite?“

Ich drehte mich um, sie hielt mir kleine Papierchen, ähnlich wie jene, die ich zu Hause verwendet hatte, an die Seite und schien langsam doch zufrieden zu werden. Nach und nach drückte sie mir die Papierchen an die Seite, zog sie wieder ab und ich hatte das Motiv wie ein Kaugummitattoo auf der Haut. Zuerst die Schrift. Dann die eine Rose, dort wo ich sie auch auf der anderen Seite haben wollte. Die zweite Blume hielt sie tiefer.

Nun konnten wir beginnen. Ungefähr fünf Mal hatte sie gesagt: „Ich fang halt nur an, wenn es auch schön wird.“

Sie holte kleine gelbe Plastikbecherchen hervor und goss verschiedenfarbige Flüssigkeiten hinein. Ich legte mich auf die Liege. Sie wickelte sich eine Art von Schlauch um die Schultern und tunkte die Tätowiernadel, die vorne ganz spitz war, in die schwarze Farbe. Das Surren des Geräts erinnerte mich an einen Zahnarztbohrer.

Ich hatte etwas Angst. Dann spürte ich die Nadel auf der Haut. Der Schmerz war nicht ganz so schlimm wie befürchtet, aber schlimmer als erhofft. Mit jedem Buchstaben erschien mir der Schmerz heftiger. Als die Schrift endlich fertig war, atmete ich erleichtert auf. Während Bette die Farbe wechselte, schaute ich mir das Tattoo an. In einem Buchstaben schien ein Loch in der Hat zu sein.

Nun kamen die Blumen dran. Die schmerzten noch mehr. Entgegen meiner Vermutung (dort war doch der Hüftspeck, bei dem würde es nicht wehtun, hatte ich gedacht). Es fühlte sich an, als würde sie tief mit der Nadel in mein Fleisch ritzen (was sie eigentlich auch tat).

Nachdem die Umrisse fertig waren, mussten die Blumen und Blätter ausgemalt werden. Dafür nahm Bette ein anderes Gerät mit breiterer Spitze. Wie eine Schaufel sah die aus. Gut, dachte ich, jetzt wird das vielleicht weniger wehtun. Es schmerzte aber nur anders. Mittlerweile spürte ich nicht mehr, an welchem Motiv sie arbeitete. Ich spürte nur noch den Schmerz, als ob sie mir die Haut abzöge. Ich biss die Zähne zusammen und stöhnte manchmal leise.

„Ja das ist eine gemeine Stelle. Dort tut es besonders weh.“

Ich fragte mich, ob sie das bei jeder Stelle sagte, damit man sich besser fühlte. Sie war nicht der Typ, der auf so etwas achtete.

Nach 40 min machte sie eine Pause. Ich setzte mich auf. Aufgewühlt. Mein Tattoo sah schon klass aus, aber eine rötliche Flüssigkeit sickerte heraus. Blut? War es so, wenn man Blut schwitzte?

Die Pause dauerte ewig (15min). Ich wollte endlich fertig sein. Bette malte die Blumen flächig, dann wieder Konturen, dann wieder flächig. „Es ist fertig, wenn ich es sage.“

Der Schmerz wurde nicht weniger. An manchen Stellen hatte ich das Gefühl, sie ritzte dort hinein, wo sie einige Minuten vorher auch schon geritzt hatte. Ich biss wieder die Zähne zusammen. Es war schon zum Aushalten. Aber lange wollte ich das nicht mehr.

Endlich, endlich war sie fertig, sie hatte etwas über eine Stunde an meinem Tattoo gearbeitet. Ich fand es sah gut aus. Sie legte eine Folie (normale Frischhaltefolie) drauf und klebte die mit Isolierband an. Ich zahlte und nahm die Pflegehinweise mit.

Auf der Straße kam ich mir cool und verwegen vor. Der Schmerz störte mich nicht mehr. Zu Hause, als das Adrenalin abebbte, fühlte ich mich wie ein rohes Ei.

Aber ich hatte etwas erlebt. Ich hatte mein Tattoo.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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22 Antworten zu Mein Tattoo (2)

  1. AR schreibt:

    schön

  2. Hofnarr schreibt:

    …und wenn einem die Madeleines genommen werden, was dann? Bitte beachtet dazu die heutige XY-ungelöst-Sendung im ZDF und helft mit, jene vermisste „Maddie McCann“ wiederzufinden. Danke. Die Erinnerung an ausgerechnet jenes bereits mehr als 6 Jahre vermisste Mädchen über diese Tattoo ist grausam…

    …und scheue Frage nebenbei: was macht man eigentlich mit einem schönen Tattoo, wenn später mal genau an dieser Stelle eine Operation oder ähnliches nötig würde und dadurch alles verunstaltet wird?

  3. joansanders schreibt:

    Lovely! Congratulations!

  4. dasmanuel schreibt:

    … ist sehr hübsch.

  5. Silvialang schreibt:

    Das ist ein wunderschönes Tattoo. Ich plane auch mein erstes Tattoo für die nächsten Wochen. Erwägst du ein weiteres?

  6. nina schreibt:

    hallo, mir gefällt dein stil sehr. ich würde mir auch gern ein tattoo und piercings stechen lassen, aber mein mann meint ich wäre mit 43 schon zu alt dafür. ich dachte schon daran mir an einer verdeckten stelle ein kleines tattoo zuzulegen und ihn zu überraschen oder ein piercing auszuprobieren an der zunge, wo es nicht auffällt. aber dann kann ich mich doch nicht überwinden. toll wie du das machst!

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Versuch es vielleicht mir einem zweiten Ohrring. Das ist nicht so eine große Überwindung und ein guter Einstieg. Mit 43 ist man nicht zu alt für Piercings und Tattoos, nicht einmal mit 70 ist man das.

  7. nina schreibt:

    danke für die ermutigung. du hast wohl recht. vielleicht mache ich das spontan heute in der mittagspause 🙂

  8. nina schreibt:

    done (sogar 2!). und mein mann mochte es sogar.

    • Karin Koller schreibt:

      Toll. Wie war es? Was sind die nächsten Pläne?

      • nina schreibt:

        ich bin einfach zu nem juwelier und habe ohne viel nachzudenken zwei löcher bestellt. zweimal klacks und ein ziepen und das war erledigt. ich hätte sehr sehr gerne ein lilientattoo um die brust. aber das ist jetzt wohl noch ein step too far. ein zungenpiercing würde mir auch gut gefallen oder eines an der oberlippe mittig. so ein ganz durchgepierctes ohr wie du es hast sieht natürlich auch supertoll aus. und das septum, aber damit würde ich meinen mann überfordern. was empfiehlst du? sollte ich den schwung gleich nützen oder ein bisschen alles sickern lassen und gut durchdenken?

      • Karin Koller schreibt:

        Ich würde den Schwung nutzen. Bei einem einzelnen Piercing musst du ja noch nicht so viel durchdenken. Wenn du in ein Studio gehst, das auch Tattoos macht, die dir gefallen, kannst du dich dort auch wegen des Tattoos erkundigen, und dann sickern lassen.

  9. nina schreibt:

    meinste? welches piercing wäre denn dein tipp?

    • Karin Koller schreibt:

      Lippe und Zunge sind beide nicht sehr schmerzhaft (bei Zunge tut es aber danach ein paar Tage weh beim Essen). Septum ist etwas schmerzhafter, dafür geht der Schmerz aber auch schnell wieder vorbei. Oder du probierst ein Piercing am oberen Ohrrand, um ein Gefühl für Piercings und das Studio zu bekommen.

  10. nina schreibt:

    ja danke. septum ist mir noch etwas zu gewagt. vielleicht mache ich dann doch das mit der lippe mal.

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