Goldener Saal

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Wir machten einen Familienausflug nach Augsburg mit Fußballspiel, Stadtbesichtigung und Shopping.

Den goldenen Saal im Augsburger Rathaus müsse man sich ansehen, hatte ich in Erfahrung gebracht. Es deutete nicht viel darauf hin, dass es etwas Interessantes im Rathaus gab, aber wir gingen trotzdem hinein.

Wir mussten in den dritten Stock hinaufsteigen. Durch ein ganz normales Rathaus mit Amtsräumen. Na ja, dachte ich, der Eintritt war billig, was kann man sich schon erwarten.

Auch der erste Eindruck war nicht besonders aufregend. Ein großer Saal, viel Gold, viel Prunk, wie so Säle eben sind.

Dann schaute ich genauer. Die Wandgemälde, in Beige-Grau gehalten und gemalt, als wären sie Reliefs, hatten sehr sonderbare Motive:

Katzen mit Mäusen im Maul. Männer mit Hängebrüsten. Schmerbäuchige Gestalten, die von Schlangen gebissen werden. Am Unterleib zusammengewachsene nackte Frauengestalten. Frauen, deren Beine mit Leitern verschmolzen sind. Frauen und Männer mit Tierbeinen. Frauen mit sechs Brüsten, Löwenpfoten, Flügeln und Drachenschwanz. Ein Wesen mit vier Brüsten und einem wasserspeienden Fisch zwischen den Beinen.

Schlangen, Drachen und Fabeltiere erinnerten beinahe an moderne Tattoomotive. Ich fragte mich, weshalb man solche Figuren Anfang des 17. Jahrhunderts als Wandverzierung eines Rathauses gewählt hatte.

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Mein Blick wanderte nach oben. Über den Fabelwesen waren Kaiser abgebildet. Jeder mit einem lateinischen Leitspruch (Septimus Severus: Omnia fui nihil expedit – ich bin alles gewesen und es hat nichts genützt). Die Bilder zwischen den Kaisern stellten verschiedene Szenen dar, ich konnte nicht entschlüsseln, was sie bedeuteten (später fand ich heraus, dass es römische Sagen und biblische Szenen sind). Darüber wieder Nackte in verschiedenen Posen, manche von ihnen streckten ihre Hintern in den Saal.

Die Bilder an der Decke waren mit Vignetten erklärt. Sie stellten Tugenden dar: Frömmigkeit, Arbeitsamkeit, Wohlstand, Streben nach Wissen, Heilkunst und andere. Dazwischen viel Gold, gemalte Füllhörner, wieder Fratzen.

Mir erschien es sehr seltsam, dass das Erhabene an die Decke gemalt wurde und das Ausgelassene, Phantastische, direkt in Augenhöhe. Für die Moralbilder musste man sich förmlich den Hals verrenken, die barbrüstigen Monster waren auf Augenhöhe. Ich hätte gerne gewusst, was die Gestalter dieses Raumes damit bezwecken wollten. Würde heute ein Künstler in ein Rathaus ähnliche Szenen malen wollen, würde man sagen, Pornographie habe in Amtsgebäuden nichts verloren. War die Gesellschaft damals weniger prüde als heute?

Erhabene Kaiserlichkeit, mit Gegenüberstellung von heidnischen und christlichen Herrschern, spielte eine große Rolle. Die Deckenbemalung sollte wohl eine Lebensanleitung sein. Aber die Wandbilder?

Im Museumsshop kaufte ich mir ein Buch, das den goldenen Saal beschrieb. Vieles war darin erklärt (auch dass der Saal im 2. Weltkrieg völlig zerstört war), aber die Monster werden mit keinem Wort erwähnt. Das fand ich schade.

Beim Hinausgehen sah ich ein Schild: Der Mitnehmen von Luftballons in den goldenen Saal ist untersagt!

Ich versuchte, mir vorzustellen, welches Ereignis dem Aufstellen dieses Schildes vorausgegangen war. Ein Schulklasse, die am Weltspartag mit Ballons in den Saal kam? Ein Ballonverkäufer wollte sich einen Kulturgenuss gönnen, aber seine Ballons nicht draußen lassen, und hatte sie dann vor Staunen losgelassen? Ich sah Unfälle bei Wahlveranstaltungen oder Preisverleihungen, und ängstliche oder wütende Stadtbeamte, die auf hohen Leitern balancierend, die Luftballons von der Decke holen.

Der Saal ließ viele Fragen offen. Vielleicht finde ich noch irgendwo die eine oder andere Antwort.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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