Tainted

Das englische Wort „tainted“ wird im Deutschen übersetzt mit „unrein, verdorben, mit etwas behaftet sein.“ Es bedeutet aber mehr. Entsprechungen auf Englisch wären: „to be affected with decay or putrefaction.“ Oder: “to be morally corrupted.” Oder: “to become affected with a tinge of something reprehensible.”

Tainted ist etwas, das beschmutzt wurde. Etwas, das man vorher für neutral, unbedenklich, oder vielleicht sogar angenehm oder schön gehalten hat.

Ich sang bis vor Kurzem (jetzt hält sie sich für zu groß) meiner kleinsten Tochter ein Schlaflied aus Vorarlberg vor. Nicht nur als Zeichen meiner sprachlichen Integration, sondern weil wir beide es schön finden:

„Müsle gang ga schlofa, da Tag zücht us bed Schua, und schlicht uf lisa Sohla da Schwiza Berga zua.“ (Mäuschen, geh schlafen, der Tag zieht sich beide Schuhe aus und schleicht auf leisen Sohlen den Schweizer Bergen zu.)

Es ist so ein nettes Lied. Wir wohnen sogar so, dass wir die Sonne hinter den Schweizer Bergen untergehen sehen. Das Lied war fixer Bestandteil unseres Abendrituals.

Letztes Jahr kaufte sich mein Mann das Buch Nationalsozialismus in Vorarlberg. Der Dichter von Müsle gang ga schlofa, Walter Weinzierl, kommt darin vor. Bereits bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte er ein Lied parat, das so zitiert wird: „Hört den Schwur ihr andern Völker: / Hakenkreuz und Adolf Hitler / von der Etsch, bis an den Belt! – / Herrlich seh ich Deutschland werden, / Wegbereiterin auf Erden / Wird es einer neuen Zeit!“

Sogar der Sprachklang dieses Liedes ist ähnlich dem des Müsle-Lieds, kommt mir zumindest vor.

Weinzierl wird als Nazi-Hausdichter bezeichnet. Er kommt nur dieses eine Mal in dem Buch vor, also nehme ich an, dass er keine großen Verbrechen begangen hat. Aber dennoch.

An dem Abend wollte ich das Lied nicht singen. Als die Kleine aber nachfragte, wollte ich ihr auch nicht erklären, warum ich es nicht singen wollte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich das einer Sechsjährigen erklären sollte.

Ich wusste nicht einmal, wie ich es mir selbst erklären sollte. Eigentlich war es egal, ob und welche anderen Lieder der Dichter geschaffen hat. Aber er war ein Nazi. Andererseits weiß ich ja von vielen Kunstschaffenden nicht, welche persönlichen Schweinereien sie begangen haben. Von diesem schon. Ein Dilemma.

Ich kam zu dem Schluss, dass das Lied für sich steht und die Vergangenheit des Dichters nichts daran ändert.

Deshalb sang ich es weiter vor. Aber jeden Abend sah ich, wo ich früher rosige Sonnenuntergänge, Plüschpuschenhausschuhe und kleine Mäuse vor dem inneren Auge gesehen habe, zum Hitlergruß ausgestreckte Arme. Das Lied war tainted. Das Wissen um dessen Verfasser konnte ich nicht ungeschehen machen.

Neulich erfuhr ich, dass der Zweigelt 1922 von Fritz Zweigelt als Rotburger gezüchtet wurde. Zweigelt war Nationalsozialist. Nach dem Krieg wurde ihm die Dozentur entzogen. Erst 1975 wurde die Rebsorte nach Zweigelt benannt. Offenbar war die Nazivergangenheit Zweigelts in Vergessenheit geraten, oder sie spielte keine Rolle. Weil viele ehemalige Nazis wichtige Posten bekleideten.

Jetzt können Winzer, die Zweigelt kultivieren und Wein daraus machen nichts dafür, dass der Züchter dieser Rebsorte ein Nazi war. Dennoch ist – wie beim Müsle-Lied – das Wissen darum nicht mehr auslöschbar. Bei jedem Glas Zweigelt werde ich daran denken. Zweigelt ist tainted. 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Tainted

  1. Ja, manchmal ist’s schwierig mit der Vergangenheit. In Wirklichkeit sind wir natürlich nur (mit Grund!) etwas empfindlicher bei Nazi-Schweinereien und weniger bei anderen. Generell ist die Geschichte ein einziges Horrorkabinett aus Ausbeutung, Verfolgung, Ungerechtigkeit und dem Triumph von Mittelmäßigkeit und Borniertheit. Aber das hilft auch nichts, das deprimiert nur 🙂

    Ignornace is bliss. Maybe.

    Wenn man sich’s genau ansieht, dann ist alles tainted. Manchmal liegen die Ursachen weit in der Vergangenheit (denk mal an die Entdeckung Amerikas, ihre Folgen und all das, was bis heute auf der Ausrottung von Völkern basiert), manchmal sind sie nur bequem weit entfernt (Abholzung im Regenwald, wieder Ausrottung von Völkern, Überfischung, Vernichtung von Spezies, …).

    Ehrlich: kann man guten Gewissens Thunfisch essen, wenn man „The ocean is broken“ (http://www.theherald.com.au/story/1848433/the-ocean-is-broken/) gelesen hat?

    Na ja, und dann kann man’s natürlich auch mit Camus halten und sagen: Trotzdem. Das Richtige muss getan werden, auch wenn man weiss, dass man wohl scheitern wird. Aber, das haben sich die schlimmsten Nazis halt auch gedacht, sie hatten nur eine andere Vorstellung von richtig 😀

    Ich denke, die traurige Wahrheit ist, dass alles an unserem Urteil hängt. Man muss Entscheidungen treffen, im Hier und im Jetzt, und die können richtig oder falsch sein.

    Thunfisch ja, aber nur wenn mit der Angel gefangen? Vielleicht. Zumindest, wenn man sich so viel Gewissen finanziell leisten kann.

    Zweigelt? Ja, aber man sollte ihn vielleicht konsequent Rotburger nennen und im Geschäft auch solchen verlangen. Blöd halt, dass in Geschäften ohnehin keiner mehr da ist, von dem man was verlangen könnte 🙂

    Mäuselieder? Ich weiss nicht. Ich find’s lieb aber ich verstehe, dass es einem vergehen kann. Ausserdem: seine Werke sind ja wirklich das Einzige, was von ihm übrig ist. Jede Aufführung (wenn auch im Kleinsten) preist den Künstler. Vielleicht also wirklich weg damit.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich gebe Ihnen völlig recht und selbstverständlich gibt es tausend schlimmere Dinge (zB auch Produkte, die mit Sklaverei erzeugt wurden). Was ich aber mit dem Müsle-Lied sagen wollte: Selbst wenn ich für mich entschieden habe, dass dieses Lied sich nicht ändert durch die Vergangenheit des Urhebers, und ich es ohne Bedenken weitersingen wollte, wird es dennoch durch das Wissen tainted.

  2. Hofnarr schreibt:

    Nun, nun, das vorarlbergische Gutenacht-Liedchen vom „Müsle“ ist wirklich wunderschön… Ich bin der Meinung, der Text selbst hat nichts von einem Nazi, so oder so… selbst dann wenn er möglicherweise auch andere Texte kreierte… Und wissen wir denn von jedem Lied und Gedicht, wer’s geschrieben hat und was jener für eine Lebens-Geschichte mitbringt?! Warum also das Liedchen nicht mehr singen, nur weil man zwischenzeitlich erfahren hat, dass jener, der’s kreierte, ein fürchterlicher Nazi war?! Wir vermitteln ja als Eltern unseren kleinen Kindern das Kinder-Liedchen selbst und die Gutenacht-Zeremonie, die jedenfalls so oder so voll von Liebe ist, wenn wir selber es singen, jedenfalls aber nicht den Mann als solches, der es schrieb und allenfalls auch erst viel später als fürchterlichster Nazi handelte… Tatsächlich wäre es schade um das Liedchen, wenn’s zwischenzeitlich verloren gegangen wäre, nur weil sein Dichter auch ein Schwer-Krimineller in seinem Leben war! Zumindest hat er dadurch den Kindern in frühester Kindheit ein paar glückliche Momente beschert, wer auch immer das Gutenacht-Liedchen mit den jeweiligen Kindern sang, die’s gerne täglich hören und mitsingen wollten.

  3. Mark S. schreibt:

    Interessant. Ich hatte vor ein paar Wochen ein ziemlich ähnliches Erlebnis beim Vorsingen des Liedes „Ein Mann, der sich Columbus nennt“. Weil ich kurz zuvor mal eine kleine Abhandlung über die Schweinereien gelesen hatte, die der begangen hat. Ok, ist eine Indirektion weniger, aber das Prinzip ist dasselbe.

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