Frisörbesuch

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Ich mag Frisörbesuche nicht. Ich mag das Ergebnis, ja. Meistens. Aber dort zu sein, kann ich nicht ausstehen. Früher mochte ich nicht einmal, wie ich danach aussah. Ich traute mich nicht, zu sagen, was ich wollte. Ich ging auch zu Frisörinnen, die sich als Künstlerinnen sahen und die den Eindruck erweckten, es wäre unter ihrer Würde, ein Schulmädchen wie mich zu frisieren. Sie zupften an meinen Haaren herum, sagten Dinge wie: „Die Farbe ist dir nicht zu langweilig?“ oder „Mit diesen Haaren kann man halt nicht viel machen.“

Klein fühlte ich mich dabei und hässlich. Und ich sah am Schluss viel zu aufgeplustert aus (das war in den Achtzigerjahren).

Heute weiß ich, was ich möchte, und gehe zu einer Frisörin, die das auch versteht und mich so weit respektiert, dass sie weder an meinem Aussehen noch an der Beschaffenheit meiner Haare herummäkelt.

Trotzdem gehe ich nicht gerne hin. Alles dauert so lange. Und die meiste Zeit schaue ich hässlich aus. Zuerst werden mir die Haare platt gestrichen. Oft mit Mittelscheitel. Warum das sein muss, weiß ich nicht, vielleicht kommt die Frisörin nur so zu ihren Inspirationen. So muss ich dann warten, bis die Bleichfarbe angerührt wird (und erste graue Härchen zeigen sich).

Mühsam wird Strähne für Strähne auf Alufolienstücke gelegt, mit hellgrauer Pampe bestrichen und eingepackt. Bis ich einen Kopf habe wie ein silbergraues Schuppentier. Oder als hätte ich eine unvorteilhafte Mütze auf. Halb Fell, halb 2001 Space Odyssey.

Ich schaue mich um. Die anderen Frauen sehen ähnlich aus. Eine trägt die Alufolienstücke auf dem Kopf wie Drachenschuppen. Eine andere sitzt da, die Haare mit brauner Pampe zu einem Turm hochmodelliert wie mit Knetmasse. Eine dritte liegt auf ihrem Stuhl mit schwarzverschmierten Pads unter den Augen.

Auf dem Tischchen liegen Zeitschriften, extra für mich hatte sie die Frisörin gebracht. Gala. Frau im Spiegel. Neue Revue. Sehe ich wirklich so aus, als würde ich das lesen wollen? Ich nehme mein Buch aus der Tasche.

Nach zehn Minuten wird der graue Aufhellergatsch ausgewaschen. Wo er die Haut berührt, brennt es. Dann scheidet die Frisörin mir die Haare. Und dünnt sie aus. Ein Fellteppich liegt zu meinen Füßen, als sie fertig ist. Dabei ist mein letzter Frisörbesuch erst zwei Monate her.

Dann wieder färben. Diesmal alle Haare mit bräunlichem Gatsch. Red hot Chili heißt die Farbe. Das zumindest ist vielversprechend. Nun bin ich die bedauernswerte Kreatur mit den knetmassenmodellierten Haaren. Aber mit einem Watterand und Plastikhäubchen.

Vierzig Minuten muss ich ausharren. Unter der Trockenhaube. Sehr altmodisch. Wenigstens kann ich dabei lesen.

Langsam werde ich nervös, immerhin bin ich seit zwei Stunden beim Frisör, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen. Ich rechne mir aus, wie lange das Spülen und Föhnen noch dauern wird. Keine ermutigende Rechnung für meine Vormittagsplanung.

Aber irgendwann sind die vierzig Minuten vorüber. Das Spülen dauert länger als berechnet, ich werde noch nervöser. Ein roter Rand bleibt auf meiner Stirn zurück. Die Friseurin reibt ihn mit einem nach Alkohol riechendem Wattestück solange weg, bis die Haut gleich rot ist wie der Farbrand davor.

Das Föhnen geht wenigstens schnell. „Darf ich Gel hineingeben?“

Ich nicke. Sie verreibt einen Batzen Gel in ihrer Hand, wischt ihn in mein Haar, immer hin und her, bis alle Haare aufstehen. Ich sehe aus wie das Sams (die Farbe ist aber schön geworden, auch die Strähnen).

Kläglich presse ich hervor: „Aber ich will keine Stehfrisur.“

Sie beruhigt mich und streicht die Haare glatt. Erschöpft fahre ich nach Hause. Die Frisur sieht gut aus.

Die Haare stellen sich jedoch jedes Mal, wenn ich mit der Hand durchfahre wieder auf. Als mein Mann nach Hause kommt, sagt er: „Schöne Farbe, Mecki.“

Ich hasse Frisörbesuche.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Frisörbesuch

  1. Andrea schreibt:

    geht mir auch so, gut beschrieben!

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