Reise mit dem Landbus

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In Vorarlberg funktioniert der öffentliche Verkehr recht gut, zumindest dort, wo ich wohne. In angemessener Zeit kann man ca. viermal in der Stunde in die nächstgelegenen Städte fahren, zu den Stoßzeiten mit etwas Glück sogar schneller als mit dem Auto.

Bei meiner Mutter in Kärnten ist das anders. Nach Villach fahren an Wochentagen nur wenige Busse (in den Schulferien noch weniger). Die tingeln durch die Dörfer, bis man die Nerven zu verlieren glaubt.

Ich fahre dort nur ungern mit dem Bus. Früher erschien uns Villach als Ausflugsziel beinahe unerreichbar. Wir benutzen den Bus nur, um vom Bahnhof zu meiner Oma und nach den Ferien wieder von dort zum Bahnhof zu gelangen.

Der Bus war ein riesiges, stinkendes Dieselungetüm. In der Früh und zu Mittag gerammelt voll mit Schülern, zu den anderen Tageszeiten so gut wie leer. Als Kind konnte ich den Geruch nicht ausstehen, auch nicht das brummende Schwanken. Spätestens nach fünf Kilometern Fahrt erbrach ich mich. Meine Mutter hatte immer ein Sackerl parat, dass sie bei der nächsten Station dezent bei der Türe hinauswarf (damals machte man das noch so, oder gab es schon Müllkübel?).

Später war mir wenigstens nicht mehr so schlecht, also ein bisschen schon noch, vielleicht auch aufgrund der vielen Speiberinnerungen.

In meiner Studienzeit fuhr ich nur noch in den Ferien nach Kärnten (nach Abschiedsfeiern mit Freunden). Im Zug versuchte ich dann übernächtig und verkatert zu schlafen. Ganz gelang die Regeneration nie, was bei der anschließenden Busfahrt die Übelkeit verstärkte und der Umgebung ein surreales Flair verlieh.

Ich war mir auch nicht ganz sicher, wie ich mich fühlen sollte. Als Stadtmensch, für den das Land zu provinziell war? Als jemand, der nach Hause kommt zu den Sommererinnerungen mit der Oma (aufgewachsen bin ich in Salzburg)? Diese Mischung aus weltgewandter Überheblichkeit und kindlicher Freude fühlte sich merkwürdig an.

Bei einer solchen Fahrt saßen einige Schülerinnen hinter mir. Sie unterhielten sich über die Buben, in die sie verliebt waren, oder die sie blöd fanden und dann über ihre Zukunftspläne: „Gehst du Friserin? I wer nix Friserin gehen, wer i liaba Vakeiferin gehen.“ Damit war der Lehrberuf entschieden.

An eine Fahrt erinnere ich auch noch gut. Als wir meine Oma begraben mussten. Am Vorabend hatte ich noch mit ihr telefoniert. In der Nacht starb sie. Wir wussten, dass sie Angina pectoris hatte, aber diese Plötzlichkeit traf uns doch unvorbereitet. Im Zug ging es noch halbwegs, aber kaum stieg ich in den Bus, begann ich hemmungslos zu weinen. Vielleicht weil der Bus schon Teil von Omas Zuhausewar, weil sich in den 20 Jahren, die ich damals auf der Welt war, so gut wie nichts an dem Bus und der Busstrecke geändert hatte, meine Oma aber jetzt nicht mehr da sein würde.

In diesem Sommer fuhr ich noch einmal mit dem Bus, weil mein Auto in der Werkstatt war. Ich freute mich auf die Fahrt, vielleicht würde ich noch einmal hören können, was junge oder ältere Kärntner so plauderten.

Der Bus war so gut wie leer. Außer mir benutzten ihn nur drei andere Leute. Jeder für sich. Jeder in einer Ecke dieses riesigen Landbusses.

Kärnten ist kein Busland, schon an der Infrastruktur (keine Geschäfte in kleinen Orten, riesige, fußgängerfeindliche Gewerbezentren) sieht man das. Das war früher auch nicht viel anders. Busse sind für die Schüler und für die paar traurigen Gestalten, die im Augenblick kein Auto haben. Und Erlebnisse sind nicht beliebig reproduzierbar.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Reise mit dem Landbus

  1. stefanhechl schreibt:

    Es ist so schön, wie du immer über Alltägliches bloggst und man trotzdem etwas ganz Besonderes liest.

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