Sternenhimmel

Als Kind hatte ich mir immer ein Himmelbett gewünscht. Aus schwerem dunkelblauen oder bordeauxrotem Samt. Vielleicht sogar mit Vorhängen auf allen Seiten, die man zuziehen und sich dahinter verstecken konnte. Wahrscheinlich wäre mir das, sobald ich es tatsächlich gehabt hätte, zu einengend vorgekommen oder zu schwülstig. Trotzdem schaute ich mit gewisser Wehmut in Büchern oder Filmen alte Himmelbetten an.

Meine kleinste Tochter wünschte sich auch ein Himmelbett. Sie schläft mit ihrer großen Schwester in einem Stockbett und deshalb kann ich ihr das gar nicht bieten. Aber dann hatte ich eine Idee. Ich wollte ihr einen Sternenhimmel basteln, weil sie ja im unteren Bett schläft.

Ich fuhr in die Stadt und ging ins Stoffgeschäft. Dort kaufte ich nachtblauen Samt, goldenen Glanzstoff, Stoffkleber und ein Netz aus Gold. Zu Hause schnitt ich den Himmelsstoff zurecht und säumte die Enden. Auf einer Ausmalbilderseite suchte ich mir Sterne heraus und druckte sie aus. Die Papiersterne steckte ich mit Nadeln an den Stoff und schnitt Sterne aus. Das war nicht ganz so leicht, wie ich mir das vorgestellt hatte, manche Sterne wurden schief, anderen fehlte ein Eckchen von der einen oder anderen Zacke. Aber Perfektion strebte ich ja nicht an.

Die Sterne klebte ich mit dem Textilkleber auf den Samt. Der Kleber stank so sehr, dass innerhalb kürzester Zeit die ganze Küche, in der ich arbeitete, vernebelt war und ich einen sonderbaren – aber nicht unangenehmen – Schwindel, ja sogar eine Leichtigkeit im Kopf verspürte, die eine gewisse Zufriedenheit erzeugte. Eifrig klebte ich weiter und verstand nun, warum in Schulen so viel mit Klebstoff gebastelt wird.

Nachdem der Kleber getrocknet war, versuchte ich den Himmel aufzuhängen. Ich stopfte die Ränder in die Ritzen des oberen Lattenrosts, kletterte auf das Stockbett, zog an den Himmelszipfeln, kletterte herunter, stopfte und quetschte die Ränder in alle verfügbaren Spalten, kletterte wieder hinauf, zog und zerrte, schwitzte und fluchte. Aber nach einer halben Stunde hielt der Himmel und hing nur an wenigen Stellen ein bisschen durch.

Als die Kleine von der Schule nach Hause kam, zeigte ich ihr den Himmel. Sie schaute sich ihr Bett an, mit großen Augen, als hätte ich ihr tatsächlich die Sterne ins Zimmer gebracht. Ganz vorsichtig streckte sie den Arm aus und berührte jeden Stern.

Abends schaltete sie das Licht ein, das ich am Bettrand befestigt hatte. Gemeinsam legten wir uns in ihr Bett und schauten den Sternenhimmel an. Der Samt schimmerte im Licht, die goldenen Sterne glänzten. Wir hielten den Atem an.

Seitdem legen wir uns jeden Abend vor dem Schlafengehen gemeinsam in ihr Bett und zählen die Sterne. Weil der Himmel immer ein bisschen verrutscht und weil wir uns leicht verzählen, sind es immer verschieden viele. 42 war die größte Anzahl an Sternen, die wir je gezählt haben. Wir führen die unterschiedlichen Ergebnisse auf die Himmelsbewegungen zurück.

Im Lauf der Wochen löste sich der eine oder andere Zacken. Zuerst bestand die Kleine darauf, dass ich sie anklebte (was ich immer wieder vergaß). Dann sagten wir einfach, das sind vergehende Sterne, die bald zu Sternschnuppen werden. Wenn eine davon herunterfällt, darf man sich etwas wünschen. Erwartungsvoll schaut die Kleine jeden Abend zu ihrem Sternenhimmel hinauf und hofft, dass sich endlich eine Sternschnuppe löst. Wenn ich nach dem Gutenachtkuss das Zimmer verlasse, zupft sie manchmal heimlich an den losen Zacken.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Sternenhimmel

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Das ist eine sooo schöne Idee, und dass ihr beim Zählen immer wieder zu neuen Ergebnissen kommt ist dich klar: der Sternenhimmel ist immer in Bewegung. Egal, wo auf der Welt – viel Spaß weiterhin beim in die Sterne schauen, liebe Grüße von Doris
    PS: Klebererlebnisse sind gar nicht so ohne. Vor Jahren gingen eine Freundin und ich als vollkommen unkenntliche Raben in wunderbar schwarzem Federkleid auf einen Faschingsball, die roten Schnäbel klebten wir unmittelbar, bevor es losging, noch schnell zusammen. Was soll ich sagen, der Abend war sehr vernebelt, wir hatten sicher viel Spaß? Aber ich kann es nicht wirklich empfehlen, bekomme lieber mit, wenn ich Spaß hab 😉

  2. Karin Koller schreibt:

    Kann ich mir vorstellen. Aber bei der Sternenkleberei bin ich schon noch zurechnungsfähig geblieben, es hat mich nur weniger gestört, dass ich selbst an den Sternen kleben geblieben bin und dass sie nicht so perfekt schön auf dem Himmel geklebt sind.
    Und – Danke schön!

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