Ich verschicke mein Manuskript

Ich habe ein Buch geschrieben. Über die Zeit, in der meine Tochter krank war. Also, ein Buch soll es werden, jetzt ist es ein Manuskript und ich versuche, einen Verlag dafür zu finden.

Einige Verlage, die mir gefallen und zu denen meine Geschichte passen könnte, habe ich mir herausgesucht. Auf den Websites steht meistens so etwas Ähnliches wie:

Wenn Sie unbedingt ohne ausdrückliche Einladung Ihren mediokren Kram bei uns abladen müssen, dann wundern Sie sich nicht, wenn Sie nie wieder von uns hören. Jedem können wir auch nicht antworten.

Gut, mediokrer Kram steht nur sinngemäß dort. Ermutigend ist es aber nicht.

Ich versuchte es trotzdem. Schrieb ein Exposé und suchte drei Kapitel heraus, die meine Geschichte repräsentieren sollten. Noch ein kurzer Brief dazu, der nicht aufdringlich sein sollte, und alles in ein Kuvert verpackt.

Große Illusionen machte ich mir nicht. Es ist ja auch nicht so, dass eine Absage zwingend besagen musste, dass das Buch nicht gut genug war. Nick Hornby bekam Absagen. Nicht dass ich mich mit ihm vergleichen wollte, oder auch nur einschätzen könnte, ob mein Text gut genug ist.

Ich schrieb die Adressen der drei Verlage auf die drei Kuverts und klebte sie zu. Ich war aufgeregt. Das Abschicken bedeutete ja nicht nur, dass ich eine Chance nutzte, die sich mir bot. Sondern auch, dass diese Chance unwiderruflich vertan sein könnte, sobald das Kuvert auf der Post lag. Das machte mir Angst.

Trotzdem ging ich mit meinen drei Umschlägen zur Post.

Eines der Manuskripte sollte nach München geschickt werden.

„Mit Prioritätspost?“ fragte der Mann am Schalter.

Weil ich ohnehin nicht wusste, welcher Zeitpunkt der günstigste für das Einlangen meines Manuskripts war, sagte ich: „Normale Post. Auf ein oder zwei Tage kommt es mir nicht an.“

„Das ist die LANGSAME Post“, sagte der Mann sehr eindrücklich, „Da müssen Sie mit 10 Tagen rechnen.“

Zehn Tage. Ich stellte mir einen Postwagen im 18. Jahrhundert vor. Der erschien mir zu schnell. Vielleicht einen Ochsenkarren im Mittelalter.

„Da wär ich ja zu Fuß schneller“, dachte ich und sprach es versehentlich laut aus.

Der Postbeamte musterte mich skeptisch: „Das ist aber schon weit weg.“

„Na ja, 150, maximal 200 km“, 15 bis 20 Kilometer am Tag, das wären 4 Stunden ungefähr, bergig ist es auch nicht, wenn man sonst nichts zu tun hat, wäre das sicher kein Problem, mit etwas mehr Sportlichkeit könnte man das in fünf Tagen bewältigen, „das könnte man schon schaffen.“

Er musterte mich noch skeptischer. „Sie nicht“, sagte er und schüttelte mitleidig den Kopf, wobei er noch die Augen kurz schloss, wie in väterlicher Nachsicht.

Ich war drauf und dran, ihm den Brief aus der Hand zu nehmen und loszugehen, nur um ihm zu beweisen, dass ich in zehn Tagen in München sein konnte. Er hielt den Brief fest und schaute mich argwöhnisch an. Gerade noch rechtzeitig, bevor ich mich über den Tresen stürzte, fiel mir wieder ein, warum ich hier war und beruhigte mich wieder.

Süffisant fragte er: „Wollen Sie den Brief jetzt mit Prioritätspost aufgeben?“

Ich atmete tief durch und sagte so ruhig es mir möglich war: „Nein, mit der normalen.“

„Das dauert aber zehn Tage. Aber wie Sie wollen.“ Er klebte die Marke auf das Kuvert, als hätte ich ihn persönlich beleidigt.

Ob das jetzt ein gutes Omen für mein Buch war und ob das Manuskript je angekommen ist, weiß ich noch nicht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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9 Antworten zu Ich verschicke mein Manuskript

  1. dasmanuel schreibt:

    Allein die Vorstellung, mit einem Postbeamten über die Möglichkeit eines Fußmarschs von 200km zu diskutieren, erheitert mir den Tag. Surreale Situationen, die meist erst beim Erzählen ihre volle Lustigkeit entfalten …

    Viel Glück für das Manuskript / Buch!

  2. meinesichtderwelt schreibt:

    Viel Erfolg für das Buch – und vielen Dank für die Postgeschichte, bringt mich gerade sehr zum Lachen, liebe Grüße von Doris

  3. C. Rosenblatt schreibt:

    Daumen sind gedrückt!

  4. Hofnarr schreibt:

    Oha! Was tut ein Brief während 10 Tagen auf einem Weg, für den ein anderer 1 Tag hat? Reist er wohl noch ein bisschen nach Mainau, um sich die ausgegrabenen Blumen anzusehen, die Du ja heute beschriebst? Oder darf er ein bisschen in der Welt herumschippern? Oder trinkt er noch bei der Oma einen Kaffee?

    Wenn man sich vorstellt, dass solche zurückgehaltenen Briefe doch grossen Aufwand bedeuten, zurückgehalten zu werden von der Post, frage ich mich zuweilen, ob’s nicht billiger wäre, nur eine Sendungsvariante anzubieten, nämlich die Normalpost, die zusammen mit der anderen reist! Auch wir in der Schweiz sind derart mittelblöd mit A- und B- Post, vor allem dann, wenn sie gleichzeitig ankommt… aber vermutlich geht es darum, sich selber und sein Geschriebenes furchtbar wichtig zu nehmen und deshalb dafür freiwillig deutlich mehr zu zahlen… So quasi VIP-Post!

    …ungefähr wie bei den VIP-Stühlen im Konzert, die immer frei sind und jeder sie meidet, weil er denkt, die seien reserviert. Erstaunlicherweise kann man sie belegen ohne gehindert zu werden, aber ich überlegte beim mich dort absichtlich Hinsetzen immer, was ich sagen würde, wenn mich einer fragt, ob ich eine VIP-Person sei, für die die Stühle reserviert wären? Ich würde wohl sagen: „Aber natürlich bin ich eine „Very Important Person“, immer. Sie etwa nicht?! Kommen Sie her und setzen Sie sich, dann werden Sie auch wichtig… und können sich nächstes Mal selber in die VIP-Zone setzen. Sogar ohne Aufpreis!“

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