Mainau

In den Herbstferien durfte Katharina zum ersten Mal bei Agnes übernachten. Um halb Elf am Vormittag sollte ich sie hinbringen erst am nächsten Abend wieder abholen. Sie und ich waren aufgeregt. Sie hatte schon drei Tage vorher ihr Köfferchen gepackt (wie meine Oma früher auch).

Kurz bevor ich sie zu Agnes brachte, rief Constanze, deren Mutter, an und sagte, sie würde mit den Kindern einen Ausflug auf die Insel Mainau machen. Ich brachte Katharina zur Agnes. So gerne wäre ich mitgefahren, wenn ich das gewusst hätte.

„Komm doch einfach mit“, sagte Constanze.

Ich bin eigentlich kein spontaner Typ. Ich habe meinen Plan für den Tag, wird der umgeworfen, bin ich verunsichert. Aber der Tag war so schön. Ich ging zur Post, zur Bank und einkaufen, dann nach Hause, schmierte Brote, achtete darauf, dass sich die Kinder fertigmachten (die waren wider Erwarten begeistert), packte die notwendigen Jacken, Süßigkeiten, Geld, Sackerl, Brote, Obststücke, Getränke ein. Alles in nur einer halben Stunde.

Dann fuhren wir los. Ich hinter Constanze her. Die hatte Katharina und ihre drei Töchter im Auto, ich meine beiden Großen. Als wir die Autobahn erreichten, fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht wusste, wo Mainau überhaupt lag. Zum Nachschauen war keine Zeit geblieben.

Wir fuhren an Lindau und an Friedrichshafen vorbei, dann den See entlang (immer wieder tat sich ein Blick auf den See auf) bis nach Meersburg. Dort folgten wir dem Schild Konstanz und standen auf einmal auf einer Fähre. Mit dem Auto.

Auf der Überfahrt stiegen wir aus und gingen auf das oberste Deck. Die Kinder (zwischen 3 und 11 Jahre alt) rannten nach vorne. Der Wind zauste ihre Haare. Die Sonne spiegelte sich im See und der sah dunkelblau aus. So wie im Sommer nie. Ob das am Lichteinfall lag?

  

Von Konstanz aus war es nur eine kurze Fahrt nach Mainau. Wir betraten die Insel über eine Brücke. Die Kinder sprangen sofort ins Laub und sammelten Blätter. Händevoll. Armevoll. Beim Spielplatz legten sie die wieder ab. Dort gab es einen Klangraum, der abgedunkelt war, einen roten Raum, einen Raum mit Klanghölzern, die man aneinanderschlug, ein Raum dicht verhängt mit Seilen, durch die man kaum durchsehen, sich aber durchwühlen konnte, einen Tümpel, den man mit einem Floß überquerte und sogar einen Wäschetrockner für die in den Tümpel gefallenen Kleider.

Die Kinder rannten am Spielplatz vorbei, weil sie Ponyreiten wollten. Im Hebst durften die Pferde auf der Weide sein. Um die Enttäuschung abzufedern, kauften wie Ziegenfutter bei einem Automaten und schickten die Kinder ins Ziegengehege. Die Kleinste war kaum größer als die kleineren Ziegen.

Wir wurden hungrig und gingen zu einem Teich mit Fischen und Bänken. Dort waren auch Bambusgestrüppe, in denen sich die Kinder mit ihren Broten versteckten. Eine Hütte, die aus dem Baumstumpf eines abgesägten Mammutbaums gebaut wurde. Spiegelfiguren nackter Menschen im Teich und im sumpfigen Gebiet darum herum. Eine von ihnen war umgefallen und sah aus wie eine Wasserleiche.

Durch einen Riesen- und einen Zwergengarten gelangten wir zu einem Feld von Dahlien. In allen Farben. 12.000 Stück (stand auf einer Tafel). Die wurden gerade einzeln ausgegraben, um ihre Wurzel überwintern zu können. Die Kinder spielten verstecken zwischen den Büschen und Bänken. Immer wieder mussten wir nachzählen, ob noch alle da waren.

Hinter dem Dahlienfeld hing ein Bett in einem Baum. In diesem Baum hingen auch hunderte weiße und rosa Schleifen. Auf jeder stand ein Wunsch, in den verschiedensten Sprachen. Jemand wünschte sich „Arsch hoch“ für seine mobile Zirkusschule.

Der Rosengarten beim Schloss hatte nur noch wenige Blüten, aber viele schöne Namen zu bieten. Die Kleinste wollte im Springbrunnen baden, wir gingen schnell zum Schmetterlingshaus. Dort schlüpfte gerade ein Riesenfalter aus seinem Kokon. Der frisst nur als Raupe, als Schmetterling legt er nur noch Eier, stand auf der Tafel. Auch irgendwie schade, dachte ich mir.

Im Shop kaufte ich ein Buch mit heimischen Tier- und Pflanzenarten, damit ich durch Wälder ohne Baumplaketten nicht mehr ganz so ahnungslos gehen musste. Die Kinder bekamen ein Eis. Dann gingen wir zum Spielplatz, wo die Kinder doch ein bisschen spielen wollten. Am Weg zum Parkplatz sammelten die Kinder wieder einen Berg von Blättern.

Als wir nach Hause fuhren, wurde es langsam dunkel. Ein Stern leuchtete über dem Horizont. Ich musste an Tom Waits‘ Grapefruit Moon denken: „One star shining, can’t turn back the tide.“

  

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Mainau

  1. dasmanuel schreibt:

    Ein sehr schöner, stellenweise romantisch-sinnlicher Ausflugsbericht. Habe Lust darauf bekommen, Mainau zu besuchen.

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