Ich werde nie wieder dazugehören

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Ich erinnere mich an meinen ersten Tag an der Universität. Ich kannte niemanden, kam mir verloren vor. Alles wirkte so viel größer, wichtiger und bedrohlicher als die Schule. Sogar die anderen Studenten schienen mir überlegen zu sein, oder zumindest älter.

Ich schlich wie ein Mäuschen in den Hörsaal, setzte mich alleine in eine Reihe, hoffte, dass sich jemand zu mir setzen wollte. Das tat niemand. Ich kam mir isoliert vor, für ein Studium ungeeignet, kämpfte mit den Tränen und hoffte, dass das niemand bemerkte.

Am zweiten Tag war ich so nervös, ich zündete mir vor der Vorlesung eine Zigarette an. Gleich kam eine Mitstudentin und bat mich um eine Zigarette. Wir begannen zu plaudern und blieben bis zum Ende des Studiums befreundet. Nach und nach lernten wir die anderen Raucher kennen. Oft hörten wir uns eine Vorlesung nicht zu Ende an, sondern gingen ins Kaffeehaus. Eine ganze Gruppe. Ich gehörte dazu. Und fand es toll, zu studieren. Die Freiheit, die Ungezwungenheit, die Welt, die sich zu eröffnen schien.

Als ich mein Studium beendete, erschien mir die Welt bedrohlich. Dort wollte ich noch nicht hin. Also machte ich eine Doktorarbeit und nachdem ich diese beendet hatte, war ich bereit. Draußen „in der richtigen Welt“ schien es so vieles zu geben, was die geschützte Universitätsumgebung nicht bieten konnte. Ich habe es nie bereut, zu gehen.

Jetzt denke ich manchmal darüber nach, wie interessant es wäre, noch einmal ein Studium zu beginnen. Kunstgeschichte. Philosophie. Soziologie. Oder vielleicht sogar Physik, damit ich endlich verstehe, was eine Welle ist. Nur so würde ich das Studium machen. Für meine eigene Weiterbildung. Aber in Vorarlberg gibt es keine Universität.

Neulich haben wir mit den Kindern einen Ausflug nach Augsburg gemacht. Wir fuhren mit der Straßenbahn an der Universität vorbei. Davor war ein moderner heller Platz mit Cafés. Junge Menschen gingen und saßen dort herum, mit Büchern in den Armen, diskutierend. Mir gegenüber saßen meine Kinder.

Mit einem Schlag wurde mir bewusst, wie sehr sich mein Leben verändert hatte, seit ich zu studieren begann. Was ich alles erlebt hatte. Was ich jetzt alles wusste, was ich damals noch nicht einmal erahnte. Was ich jetzt gar nicht mehr nachvollziehen konnte, das mir als junger Mensch selbstverständlich gewesen ist. Wie viel unflexibler ich geworden bin. Wie viel desillusionierter. Wie schön es war, damals, noch Illusionen zu haben. Naiv zu sein. Nicht ständig die Zukunft von mir selbst und meinen Kindern planen zu müssen. Oder mir darüber Sorgen zu machen. Wie ich gar nicht sagen konnte, was schöner war, weil beides gut war, aber eben anders. Wie dumm es ist, junge Leute für dümmer zu halten, nur weil sie jünger sind. Wie wahr es ist, dass man manche Dinge erst wissen kann, wenn man sie erlebt hat. Ich zumindest. Weil die Spekulation sehr selten der Wirklichkeit entspricht.

Die größte Erkenntnis beim Vorbeifahren an der Universität aber war: Selbst wenn ich noch einmal ein Studium beginnen sollte, würde ich nie wieder richtig zu denen dazugehören, die nach der Schule zu studieren beginnen. Zu viel ist anders. Und ich weiß gar nicht, ob das schlecht ist.

Vielleicht fange ich tatsächlich noch einmal ein Studium an. Trotzdem. In einigen Jahren.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Ich werde nie wieder dazugehören

  1. Flo schreibt:

    Hallo Karin, Wow! nettes Foto in diesem Beitrag. Du siehst auch mit weniger Piercings richtig gut aus. Vor allem mit dem kurzen Haarschnitt.
    Hattest Du nicht auch eine Zeit im Studium, wo Du Dich in der Uni mittendrin im Leben gefühlt hast und vielleicht die Vorstellung an Kinder Familie, Kindergarten und Elternabend etwas besorgniserregendes hatte? Mir ging es jedenfalls so und jetzt ist alles gut wie es ist. Aber nochmal studieren, warum nicht!

    • Karin Koller schreibt:

      Ja. Besorgniserregend erschienen mir Kinder nicht, aber irgendwann zum Establishment zu gehören, das war meine Angst. Ist aber dann nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt.

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