Ungenutzte Chancen

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Meine Oma war Kärntner Slowenin. Selbstverständlich beherrschte sie auch die deutsche Sprache. Wenn ich die Sommerferien bei meiner Oma in Kärnten verbrachte, sprach sie immer Slowenisch mit ihren Freundinnen und mit mir auch. Ich verstand, was sie sagte, antwortete aber immer auf Deutsch. Den Gesprächen im Dorf konnte ich folgen. Das waren hauptsächlich Smalltalks, keine philosophischen Abhandlungen. Und der Wortschatz war dementsprechend klein. Aber immerhin. Sprechen konnte ich nicht.

Ich verstand auch kein Wort, wenn jemand die Hochsprache sprach (wie der Pfarrer in der Kirche) oder wenn jemand aus einer anderen Region, dem Jauntal zum Beispiel, zu Besuch kam.

Die Sprache, die in unserer Region gesprochen wird, ist ein Dialekt. Er unterscheidet sich vielleicht etwas weniger von der Amtssprache als Vorarlbergisch von Hochdeutsch.

Dass ich Slowenisch nur in gesprochener Form und nur mit sehr einfachem Wortschatz gelernt habe, bereue ich jetzt sehr. Damals war die Sprache so sehr Teil unseres Lebens, dass wir gar nicht darüber nachgedacht haben, ich könnte sie auch in der Schule lernen. Auch wäre es schwierig gewesen, in Salzburg, wo wir wohnten, Slowenisch zu lernen.

Erst viel später merkte ich überhaupt, was mir verloren ging. Nicht nur ein Stück unserer Kultur, einer Kultur, die ich ohnehin nicht hätte aufrechterhalten können, hier mit den Kindern in Vorarlberg. Sondern einfach auch eine Fertigkeit. Vielleicht hätte ich sie nie gebraucht. Vielleicht aber doch. Zumindest hätte ich Literatur lesen können, die mir jetzt im Original verschlossen bleibt, oder in Slowenien oder Kroatien Urlaub machen und die Sprache dort verstehen.

Vorarlberger Kinder, die nicht regelmäßig fernsehen und in ihrem Umfeld ausschließlich Dialekt hören, haben anfangs oft Schwierigkeiten beim Deutschunterricht. Nach kurzer Zeit gibt sich das wieder und sie beherrschen Hochdeutsch genauso gut, wie Kinder, die immer schon Hochdeutsch konnten. Eben durch den Unterricht. Das erscheint als selbstverständlich.

Viele Kinder mit Migrationshintergrund lernen ihre Muttersprache auch nur über das gesprochene Wort, im Dialekt der Alltagssprache.

Es gibt Studien, die belegen, dass eine Fremdsprache (in diesem Fall Deutsch) viel leichter erlernt wird, wenn Kinder die Muttersprache richtig beherrschen.

Es geht aber nicht nur darum, wie leicht eine Sprache erlernt werden kann. Kinder, die nur den regionalen Dialekt sprechen und keine schulische Weiterbildung bekommen, werden ihre Sprache später nicht beruflich nutzen können, weil sie Texte in der Hochsprache schlecht lesen oder verfassen können. Bei Sprachen wie Griechisch, Serbisch, Russisch, Arabisch, etc., bei denen zusätzlich noch die Schrift eine andere ist, verstärkt sich das Problem.

Mit jeder Generation, die in Österreich lebt, geht üblicherweise ein Stück der ursprünglichen Muttersprache verloren. Wie beim Slowenisch in unserer Familie (durch unsere innerösterreichische Migration). Wie bei dem Bekannten, dessen Urgroßmutter aus dem Trentino nach Vorarlberg gezogen ist. Seine Großmutter beherrschte Italienisch noch in Wort und Schrift. Sein Vater hat Mühe, italienische Briefe zu verfassen. Er selbst kann Gespräche auf Italienisch führen, könnte die Sprache beruflich nicht mehr nutzen.

Sprache und Kultur gehen mit der Zeit verloren, das kann man oft nicht aufhalten. Man muss den Verlust aber auch nicht aktiv fördern. Mich stört es ungemein, dass eine zusätzliche Fertigkeit – das Beherrschen einer Sprache – in Österreich als Handicap angesehen wird und nicht als Bereicherung. Außer es handelt sich um eine offiziell in den Schulen unterrichtete Sprache – Englisch, Französisch, Spanisch, Latein, üblicherweise. Das war auch in Kärnten so. Mir sagte vor einigen Jahren eine junge Frau: „Natürlich ist es gut, eine weitere Sprache zu können. Aber nicht Slowenisch. Slowenisch ist schlecht.“ Ihr kam das nicht komisch vor. Viele dachten damals so in unserer Region.

In manchen Schulen wird Italienisch, Russisch, Japanisch oder Chinesisch als Freifach angeboten. Slowenisch und Kroatisch, offizielle Amtssprachen Österreichs, werden außerhalb Kärntens oder des Burgenlands nicht angeboten. Türkisch, Bosnisch, Arabisch, Serbisch auch nicht.

Das wäre zu teuer, wird argumentiert. Aber der Staat stellt selbstverständlich Religionslehrerinnen an staatlichen Schulen zu Verfügung. Sprachlehrerinnen wären auch nicht teurer.

Wenn man Kindern mit Migrationshintergrund die Chance nimmt, ihre Muttersprachen in Wort und Schrift zu erlernen, vergeudet man wertvolle Ressourcen. So wie ich damals, als ich mich nicht um die Sprache meiner Oma gekümmert habe.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Ungenutzte Chancen

  1. mabogsi schreibt:

    Hat dies auf mabogsi rebloggt und kommentierte:
    Wirklich guter persönlicher Beitrag zum Wert und Thema Nichtdeutsche Muttersprache.

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