Schokolade

Manchmal noch halte ich Mittagsschlaf. Nicht oft. Am Wochenende, in den Ferien. Früher, als die Kinder klein waren und selbst auch noch mittags schliefen. Oder als Katharina krank und so schwach war, dass sie sich hinlegen musste und ich so erschöpft von der Angst und der Schlaflosigkeit.

Immer wenn ich einen Mittagsschlaf halten kann, hole ich mir ein Stück Schokolade. Nur ein Stück von einer Rippe breche ich aus der Schokolade heraus. Ich nehme es mit zu meinem Bett, lege es auf mein Nachtkästchen, hole mein Buch, lege mich ins Bett und mache es mir gemütlich. Dann nehme ich das Stückchen Schokolade und esse es ganz langsam, während ich lese (so manches Buch bekam davon schon einen Schokoladestreifen zwischen den Seiten).

Selbst in den Zeiten, in denen ich Tag und Nacht bei Katharina sein musste, sein wollte, waren diese fünf Minuten ein Symbol dafür, dass es auch noch Zeit für mich gibt. Katharina verstand. In diesen fünf Minuten verzichtete sie auf Handhalten. Sobald sie merkte, dass ich die Schokolade aufgegessen hatte, streckte sie mir wieder ihre Hand entgegen.

Damals hatte ich das Gefühl, ich bräuchte die Schokolade, vielleicht wegen des Zuckerschubs oder zur Nervenstärkung. Heute esse ich sie gerne auch ohne Notwendigkeit.

Dabei war ich nicht immer dein Fan von Schokolade.

Als Kind liebte ich Gummibärchen. Und noch mehr andere Gummifiguren. Ich besuchte das Halbinternat und musste mit dem Bus zur Schule fahren. An der Haltestelle befand sich eine Bäckerei. Beinahe jeden Abend, um Sechs, wenn ich aus dem Bus stieg, ging ich in diese Bäckerei. Ich kaufte ein oder zwei Süßigkeiten, je nachdem, was mein Taschengeld erlaubte. Manchmal ein Stollwerk, oft Gummikirschen, mitunter eine Gummischlange oder einen prickelnden Himbeerwürfel. Ab und zu auch Marshmallows, aber bevor die bei uns so genannt wurden. Damals hieß das Speck. Gab es in einer der durchsichtigen Plastikgefäßen eine neue Süßigkeit, wurde ich ganz aufgeregt. Sollte ich sie probieren? Meist war ich wagemutig, sogar einmal bei Lakritz.

Schokolade aß ich damals so gut wie nie. Nur manchmal, wenn die Arbeitgeberin meiner Mutter eine Flugreise unternahm und an mich dachte, brachte sie mir aus dem Duty-free Shop diese hauchzarten Schokoladenplättchen von Lindt mit, oder Katzenzungen. Im Sommer gab mir meine Oma manchmal Geld, dann wagte ich mich mit meinen Freunden ins Wirtshaus im Dorf und kaufte eine von den kleinen Bensdorp Schokoladen. Die Schokolade schmeckte herrlich. Wegen des Abenteuers und weil es so eine seltene Ausnahme war, dass ich sie haben durfte. Ich teilte die Schokolade mit meinen Freunden.

Heute esse ich am liebsten dunkle Schokolade. 70% von Lindt. Oder noch besser von Cluizel. Als ich vor Jahren in Paris war, sah ich einen mit einem Bastband zusammengehaltenen Turm aus Schokolandentafeln (von Cluizel) jede in verschiedenfarbigen Papier verpackt, jede aus  eine anderen Region der Erde. Schokolade aus Madagaskar oder Papua, Neu Guinea, Sao Tomé, Venezuela, Ghana, Trinidad, Vanuatu, bei denen ich mir unbekannte Teile der Welt vorstellte. Und wider Erwarten schmeckten sie auch unterschiedlich. Fruchtiger, bitterer, süßer, milder. Auch von der Konsistenz waren sie verschieden, wie sie sich beim Abbeißen anfühlten oder wie sie im Mund schmolzen. Jeden Mittag freute ich mich auf die Schokolade. Immer nur ein Stück.

Manche meiner Bekannten sagen, sie dürften keine Schokolade essen, weil sie sonst die ganze Tafel hinunterschlingen würden, manche tun das auch. Das wäre mir zu viel.

Für mich ist das kleine Stückchen genau richtig, gerade ausreichend für meine Freude und gerade wenig genug, um mich auf die nächste Portion beim nächsten Mittagsschläfchen freuen zu können.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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