Die Weisheit aus Paniniheften und Fifa 14

Sein erstes Paniniheft bekam Lukas für die WM 2010. Damals ging er noch in den Kindergarten. Mein Mann hatte als Kind selbst die Hefte gesammelt und hielt es für an der Zeit, dass sein Sohn auch damit begann. Für ihn war das wie eine Reise in seine Kindheit und gleichzeitig etwas, das er gemeinsam mit seinem Sohn machen konnte.

Lukas interessierte sich damals noch nicht besonders für Fußball, die Regeln kannte er noch nicht und für ein ganzes Spiel reichte seine Aufmerksamkeitsspanne nicht aus. Er liebte aber Sticker und ihm gefiel es, dass sein Vater sich jeden Abend das Heft mit ihm ansah, ihm Sticker brachte und sich über die Fortschritte der Sammlung erkundigte.

Einige Kinder in Lukas‘ Kindergarten hatten auch Paninihefte. Ich traf einen wenig fußballbegeisterten Vater, der nicht glücklich war über die Sammelleidenschaft seines Sohnes: „Das ist nur teuer für nichts.“ Und dann rechnete er mir vor, dass es mindestens 400€ kostete, so ein Heft zu vervollständigen. Das war schon viel für ein Kindergartenkind, fand ich.

Ich begann Lukas mit seinem Heft zu beobachten. Er schaute sich die Bilder an. Er versuchte, die Namen zu entziffern (ein bisschen lesen konnte er schon). Er merkte sich hunderte Namen von Fußballern. Er verglich die Zahlen auf den Stickern mit jenen im Heft und am Ende konnte er bis 600 zählen. Und begriff diesen Zahlenraum auch ungefähr (zumindest mehr als man für ein Kindergartenkind erwarten würde). Wenn wir durch den Nachbarort fuhren, in dem der Straße entlang die Fahnen der WM-Teilnehmer aufgehängt waren, sagte er zu jeder Fahne das richtige Land.

Grundkenntnisse in Mathematik und Geographie, das war keine schlechte Ausbeute, fand ich. Und das noch spielerisch begeistert und nicht mit Zwang eingetrichtert.

Mittlerweile – er ist jetzt 9 und in der 4. Klasse – spielt er Fifa 14 und wurde zum echten Fußballfan. Jeden Samstag schaut er sich mit seinem Papa die Sportschau an und am Sonntag Match of the Day (das nehmen sie auf). Wenn ein wichtiges Spiel am Wochenende ist, schauen wir es uns zusammen an. Viermal war er schon im Stadion. Er kennt sich mit Taktik aus und weiß nach einem Spiel besser über die Aufstellung und die Stärken und Schwächen der einzelnen Spieler Bescheid als ich. Besser als die meisten österreichischen „Analysten“, die während und nach den Spielen im Fernsehen auftreten.

Als ihm einmal langweilig war, stellte er sich eine Mappe mit Fußballvereinen zusammen. Zuerst jene, deren Mannschaftsaufstellung er auswendig wusste, dann die restlichen Champions League Mannschaften. Dann Mannschaften aus den verschiedensten Ländern: Argentinien, Island, Afghanistan, Jamaika, China oder Algerien. Er suchte sich im Internet Mannschaften heraus, schrieb sich deren Spieler auf, malte die Fahne und das Trikot ab.

Er erfand sogar eine eigene Mannschaft mit Logo, Trikot und Motto.

Jetzt würden manche, die sich um die intellektuelle Entwicklung von Kindern sorgen, vielleicht sagen, ein gescheites Kind wie er könnte sich sinnvoller beschäftigen als stundenlang mit Fifa 14, Fernsehen und saisonal mit Paniniheften. Ich sehe aber, was Lukas sich merkt, welches Wissen er für sich aus seinen Fußballschauaktivitäten herausholt, welchen Sinn für Strategie er entwickelt, wie kreativ er ganz ohne äußeren Anstoß er wird und wie viel Spaß er dabei hat.

Wissen kann man sich auf vielerlei Arten aneignen. Manchmal bringt ein Computerspiel mehr als zehn Kinderfortbildungskurse. Man muss es nur sehen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Die Weisheit aus Paniniheften und Fifa 14

  1. dasmanuel schreibt:

    Das ist korrekt.

    Unser Sohn (2,5 Jahre) darf – nach einigen Gesprächen bezugnehmend dieses Themas – alle 2 Tage 5 Minuten mit dem Papa ein kindgerechtes Spiel an einem Telefon oder Tablet mitspielen.

    Ich kann sehr sicher sagen, dass der Kleine schon mehrere Dinge dadurch gelernt – und begriffen – hat.

    Negative Auswirkungen? Bestimmt. Löst man sich allerdings von gesellschaftlichen Denkschemata (‚das macht man doch mit so einem kleinen Kind nicht‘) glaube ich, dass bei dieser ‚modernen interaktiven Lernmethode‘ die positiven Aspekte überwiegen.

    Ergo: Wissen kann man sich auf vielerlei Arten aneignen. Manchmal bringt ein Spiel mehr als zehn Kinderfortbildungskurse. Man muss es nur sehen. 😉

  2. Alexander Mothes schreibt:

    Das was man – ob Kind oder Erwachsener spielerisch lernt, das „sitzt“ und steht zur Verfügung.
    Auch Tiere lernen spielerisch – ich halte das nicht für verkehrt, wenn Lernen nicht nur auf der Basis läuft.

  3. Isa schreibt:

    Sehr interessante Themen!
    Ich habe meinem Sohn (nun 12) das Computerspielen noch niemals verboten oder zeitlich eingeschränkt, da ich überzeugt bin, dass gerade DAS zu dem magischen Reiz (des verbotenen?) führt, dem vor allem Jungs unterliegen.
    Es gab Phasen, in denen der Computer bzw. die Konsole geradezu exzessiv genutzt wurde – alleine und mit Freunden -, in anderen Phasen wiederum verstauben die Geräte und finden keine Beachtung. Mittlerweile hat Sohn ganz andere Hobbies, bei denen das Miteinander mit anderen Kids eindeutig im Vordergrund steht.
    Ich weiß, ich stehe mit dieser Einstellung als 40-jährige ziemlich einsam da, ich sehe es aber nicht ein, weswegen PC und Co. heutzutage (vermutlich weil es sie in unserer Kindheit so noch nicht gab) als so etwas Besonderes, Verruchtes oder gar Gefährliches dargestellt werden.
    Ist es vielleicht das, was zur Computer-/Internet/-Gaming-Sucht führen kann (ich weiß es nicht, denke hin und wieder drüber nach und beobachte …)

    • Karin Koller schreibt:

      Das halte ich für eine Supermethode, muss aber zugeben, dass ich dann doch immer wieder das Vertrauen (und die Nerven) verliere und reglementiere. Wahrscheinlich ist das Schlechteste für die Kinder, wenn man ihnen zu wenig Eigenverantwortung zutraut. Aber der Grat ist schmal, finde ich.

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