Die Lavalampe, oder der Palomar-Moment

Zum Schulanfang wollen wir die Kinderzimmer erneuern. Ich übermale die zu kindisch gewordenen Tapeten, wir suchen einen neuen Teppich aus. Wir gehen ins Möbelhaus und die Kinder dürfen sich für ihre Zimmer etwas aussuchen. Die Mädchen entscheiden sich für eine Lavalampe. Rot. Natürlich.

Sie steht in einem Regal des Möbelhauses, eingeschaltet, die roten Tropfen schweben nach oben und sinken langsam wieder herab. Sehr gleichmäßig und in ihrer Trägheit irgendwie beruhigend.

Zuhause schrauben wir die Lampe zusammen. „Aber da ist kein Pulver drin“, sagt Katharina und hält einen kleinen Karton hoch. Es ist der Karton der Glühbirne, die schon vormontiert ist. Sie glaubt aber, als sie die unspektakuläre und unbewegte orange Masse in dem Glas sieht, dass es ein Zauberpulver geben muss, das den Mechanismus in Gang setzt.

Gibt es aber nicht. Wir schalten die Lampe ein und warten gespannt.

Es passiert nichts.

Natürlich weiß ich, die Lampe muss sich erst erwärmen, bevor sie funktionieren kann, und erkläre das den Kindern auch.

Nach zehn Minuten tut sich immer noch nichts. Die Kinder verlieren das Interesse. Allein sitze ich vor der Lavalampe und erinnere mich an Herrn Palomar. In einer der Geschichten beobachtet er, wie der Nachmittagsmond langsam zum Abendmond wird. Stundenlang. Ich habe mir eigentlich vorgenommen, das auch einmal zu tun. Aber immer kommt etwas dazwischen.

Ich wähle die Lavalampe als Mondersatz. Um endlich einmal einen Vorgang von Anfang bis zum Schluss zu beobachten. Was weiß man denn von der Welt, wenn man das noch nie gemacht hat? Und wenn es nur eine Lavalampe ist, Symbol der Spießigkeit der Siebzigerjahre.

Minutenlang starre ich auf die Lampe. Die orange Masse scheint fest wie Schmalz zu sein. Sie ist nicht einfarbig, sondern liegt in fein nuancierten Streifen von Dunkel- bis Hellorange am Boden des Gefäßes. Als ich sie anstarre, scheint sie zu flimmern. Ich denke schon, jetzt tut sich was. Es ist aber nur eine optische Täuschung. Ganz sicher bin ich mir nicht mehr, ob diese Beobachtung tatsächlich eine gute Idee ist. Oder nur Zeitverschwendung.

Plötzlich löst sich eine Luftblase. Eine winzige. Mir erscheint es wie ein Großereignis. Es tut sich aber minutenlang wieder nichts. Das leuchtende Orange sieht aus wie jene farbigen Fotos vom Inneren einer Gebärmutter. Das fühlt sich irgendwie heimelig an. Ganz unten beginnt das Schmalz zu schmelzen und wird dunkelrot und durchsichtig. Ich wundere mich, warum die Embryonenfotos immer orange sind mit weißem Hintergrund. Wahrscheinlich wird ein Scheinwerfer vaginal eingeführt.

Plötzlich klappt ein kleines Stück der Schmalzoberfläche auf und heraus schießt ein oranger Wurm. Oder eine Nabelschnur. Wie aus dem nichts.

Ich rufe ganz aufgeregt die Kinder. Sie rennen herbei, sind fasziniert. Dann passiert wieder lange nichts. Die Kinder gehen enttäuscht von dannen. Ich bleibe. Ich werde Palomar sein. Nur mit Lavalampe.

Nach langer Zeit stürzt der halbfeste Wurm in sich zusammen und schmilzt in das dunkelrote Öl. Ich rufe die Kinder wieder. Jetzt überstürzen sich die Ereignisse. Das rote Öl beginnt zu wallen. Wölbt sich zu einer großen Blase. Die Kinder halten den Atem an, machen große Augen. Nach dem zweiten oder dritten Versuch steigt die Blase endlich in die Höhe, die Verbindung zum Reservoir wird dünner, beinahe durchsichtig, und dann löst sich endlich, endlich die erste richtige Blase. Die Kinder geben kleine Schreie des Glücks von sich. Nach und nach steigt das gesamte Öl als Blasen an die Oberfläche, verweilt dort, sinkt herab. Langsam pendelt sich der Aufwärts- und Abwärtsfluss ein. Die Blasen behindern sich beim Steigen und Sinken, scheinen miteinander zu interagieren. Wir sitzen davor und versuchen uns Geschichten über die Blasenmonster auszudenken.

Endlich verstehe ich, warum es schön ist, einen Prozess von Anfang bis zum Ende zu beobachten, auch wenn er noch so unbedeutend scheint. Wie die Inbetriebnahme einer Lavalampe eben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Die Lavalampe, oder der Palomar-Moment

  1. dasmanuel schreibt:

    Und wie ich es immer noch nicht geschafft habe, das Buch zu lesen … geschweige denn zu organisieren. Jedoch: Weihnachten naht!

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