Auf dem Strich gehen und über Pflastersteine hopsen

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Wenn ich als Kind mit meiner Mutter in die Stadt gehen durfte, faszinierten mich immer die Pflastersteine. Ich versuchte, nur ja nicht auf eine der Linien zwischen den Steinen zu treten. Oder nur auf den Linien zu gehen. Oder, wenn die Steine verschiedene Farben hatten, dann nur auf die dunklen zu treten. Oder nur auf die hellen. Ich stellte mir vor, an einem Abgrund zu balancieren, über einem Graben mit grauenvollen Monstern. Und wenn ich hinunterfiel, fraßen mich die auf. Bei uns zu Hause, am Stadtrand auf den geteerten Wegen, ging das ja mangels Pflastersteinen nicht.

Ich erinnere mich genau, wie sich meine gesamte Konzentration auf die Spalten und Steine der Straße richtete, weil das gewissermaßen eine Überlebensfrage war. Ein Nervenkitzel zumindest. Wenn ich danebentrat, glaubte ich einen Augenblick lang, meine Phantasien würden wahr. Dann schloss ich die Augen, hielt den Atem an und wartete schaudernd auf mein Verderben.

Ich weiß das noch, weil meine Kinder das Spiel genau gleich spielen. Gehen wir durch eine Stadt, hüpfen sie von Stein zu Stein oder balancieren an Zwischenräumen entlang, nehmen Anlauf, um über Pfützen oder rissige Stellen um Straßenbelag zu kommen, oder trippeln ganz vorsichtig auf Zehenspitzen. Dabei quietschen sie vor Vergnügen, warnen einander, vor den riesigen Gefahren, die sie zu erwarten haben, wenn sie einen Fehler machen.

Dann rufen: „Mama, mach doch mit.“

Und ich lasse mich überreden, fange an, es ihnen gleichzutun, und nach kürzester Zeit bin ich genauso vertieft in das Spiel wie sie. Mindestens.

Als wäre mein einziges Problem im Leben, fehlerfrei und vor allem lebend (die Monster!) durch die Stadt zu kommen. Für einen Moment ist alles andere ausgeblendet. Nichts ist mehr wichtig. Nach wenigen Minuten schreien wir um die Wette. Ich muss mich einbremsen und versuchen, mich altersgemäß zu verhalten. Wenn die Kinder die Lust verlieren, bin ich fast ein bisschen enttäuscht.

Gehe ich vormittags, wenn die Kinder in der Schule sind, alleine in die Stadt, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich alleine das Spiel spiele und mir giftige Säureseen vorstelle, die bei jedem Fehltritt meine Füße aufzulösen drohen. Dann schäme ich mich ein bisschen. Aber nur ganz wenig. Es ist ja eine harmlose, kindische Freude.

Ich habe auch schon andere Menschen – Kinder und Erwachsene – dabei beobachtet, wie sie das Spiel spielen, heimlich oder ganz offen. Es scheint etwas zu sein, das sehr viele gerne machen (wenn sie es sich erlauben). Bei Kindern beinahe ein Grundbedürfnis. Lernen sie etwas dabei? Vielleicht sogar etwas Wichtiges? Schärfen sie ihre Konzentration?

Mein Sohn gab mir Auskunft auf die Frage, warum er gerne das Spiel spielt: „Weil man sonst tot ist. Die Krokodile. Weißt du doch, Mama.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Auf dem Strich gehen und über Pflastersteine hopsen

  1. dasmanuel schreibt:

    So viel Weisheit in diesem letzten Absatz …

  2. Vilinthril schreibt:

    Kenn ich von mir selbst noch von damals. Sollte ich wieder machen.

    Und: Du solltest ein Buch schreiben.

  3. Hofnarr schreibt:

    Dieses fantasiereiche Kinderspiel gibt’s auf der Ganzen Welt, überall wo Kinder sind, die lernen wollen und optische Linien, Grenzen, Abtrennungen, Uebergänge in anderes, farbliche Unterscheidungen etc im normalen Alltag vorkommen. Es ist ein wirklich lehrreiches Spiel. Dies gibt’s übrigens auch im spielerischen Verhalten in der Tierwelt.

    Da ich selber als Schweizerin an der unmittelbaren Grenze zu Deutschland aufwuchs, war da ein weisser Strich auf der Rheinbrücke, der die Landesgrenze markierte, noch heute, und wir übten da „Grenzüberschreitung“ im weitesten Sinne mit all seinen Möglichkeiten und gedanklichen Wahrscheinlichkeiten. Meine Kinder taten das Gleiche und freuten sich, weil ich das Spiel schon kannte und mitspielte und noch lukrativ erweitern konnte, wenn sie bei den Grosseltern zu Besuch waren. Das Grenzüberschreitungsspiel muss man jedenfalls beherrschen können, will man Grenzen in der heutigen Zeit allerorten angemessen anerkennen…

    Mein Bruder indes lernte im Kindergarten mit Hilfe eines Polizisten gemeinsam mit seinen Mitschülern die ersten Verkehrsregeln und auch die Bedeutung von Fussgängerstreifen und Sicherheitslinien auf der vielbefahrendsten Strasse unseres Wohnortes. Am Nachmittag des gleichen Tages klaubten ihn Passanten von eben dieser Strasse, wo er als kleiner Kindergarten-Winzling mitten im Verkehr ganz genau auf der Sicherheitslinie stand, sich vor nichts fürchtend, als sie ihn da wegholten, obwohl die mit ihm schimpften, aber er argumentierte unerschrocken, nein, ihm könne doch nichts passieren, er stehe ja auf der Sicherheitslinie und sei deshalb in Sicherheit!!! Keiner der Autos dürfe darüber fahren… also auch nicht den Winzling überfahren, der dort unerschrocken steht!!!

    Nun ja, die Umkehr alles real Möglichen in seinem Extremismus, ausgelöst durch ein paar Linien in unserer Umwelt!!! Fantasie in grossem Stil lehrt und beflügelt jedenfalls, der Anfang für grosse visionär denkende Persönlichkeiten, die was leisten können, ganz so wie jener heute eben geehrte Nelson Mandela und sein Lebenswerk! Darum ist es so wichtig, dass wir als Erwachsene nie vergessen, wie wir als Kinder dachten und fühlten und auch allenthalben noch mitspielen, auch im hohen Alter! Nur so können wir nachvollziehen, was da in Kindern vorgeht! Ja, unsere Kinder freut’s jedenfalls, wenn wir Erwachsenen mitmachen…

  4. Tom Seh schreibt:

    … irgendwo tief in mir,
    bin ich ein Kind geblieben,
    erst dann,
    wenn ich es nicht mehr spüren kann,
    weiss ich es ist für mich zu spät…

    Toller Blogbeitrag

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