Läuse

Zwei Wochen nach Beginn der Sommerferien ging ich mit meiner Mutter und den Kindern wandern. Die Sonne schien, die Kinder trotteten fröhlich vor sich hin. Sie unterhielten sich miteinander und blieben ein bisschen zurück. Wir hatten es schön.

Plötzlich hörte ich einen Schrei: „Da krabbelt etwas. Katharina hat Viecher im Haar. Sind das Läuse?“

Anna wird leicht hysterisch, wenn sie Insekten sieht. Ich dachte mir nicht viel dabei, weil wir halbjährlichen Warnungen in Schule und Kindergarten zum Trotz noch nie Läuse hatten. Ich schaute aber nach, damit ich die Kinder beruhigen konnte, ihnen versichern, es handle sich nur um eine Almfliege oder ein anderes harmloses Krabbeltier.

Es war aber eine Laus. Braun und riesig, wie mir schien. Anna und Lukas rannten sofort schreiend davon und sagten, wie grauslich sie ihre kleine Schwester fanden. Die stand da und weinte. Bis ich die Kinder wieder beruhigt hatte, war die halbe Wanderung vorbei.

Am Heimweg blieb ich bei einer Apotheke stehen und besorgte mir Lausshampoo. Genau hatte ich der Apothekerin erklärt, dass ich das Shampoo für drei Kinder brauchte. Sie gab mir eine Flasche mit. Laut Beipacktext reichte eine Flasche bestenfalls für zwei Köpfe. Vielleicht stimmte das nicht. Vielleicht hatten Kärntner Kinder keine Läuse, und die Apothekerin kannte sich deshalb nicht aus.

Unter Weinen, Wehklagen und Hysterieanfällen schmierte ich geringe Mengen von Lausentfernungsöl in die Haare der Kinder, kämmte unter Tränen (die der Kinder und meine eigenen) Strähne für Strähne und wusch die Haare aus. Ich zog alle Betten ab, steckte die Stofftiere in die Gefriertruhe, bezog die Betten neu und kochte die Bürsten aus. Dann wusch ich die Haare der Mädchen noch einmal, weil sie diese noch für stinkend und fettig hielten. Dann sank ich erschöpft auf einen Stuhl und war froh, dass alles vorbei war.

Eine Woche später waren die Läuse wieder da. Ich hatte wohl doch zu wenig Shampoo verwendet. Mit der richtigen Menge wiederholte ich die Prozedur (auch an mir), kontrollierte jeden Tag die Haare, hatte selbst ständig Kopfjucken und glaubte es kaum, als nach zwei Wochen immer noch keine Laus auftauchte.

Als ich die Laus-Kolumne von Doris Knecht im Kurier las, schmunzelte ich wissend. Als ich etwas später die Laus-Kolumne von Ernst Molden im Kurier las, schmunzelte ich wieder, in der wohligen Gewissheit, Lausbefall für die nächsten Jahre gebannt zu haben.

Dann begann die Schule wieder und ich meldete die Kinder für einen Friseurbesuch an. Ich wollte ihnen eine Freude machen. Sie sollten sich schön fühlen. Die Kinder hatten sich schon ausgedacht, welche Frisuren sie haben wollten.

Katharina wollte die Haare gekreppt haben. Sie saß auf dem Friseurstuhl. Sie schaute in den Spiegel, als würde eine heilige Handlung an ihr vollzogen, strahlend vor Vorfreude. Die Friseurin plauderte mit ihr, bürstete die Haare durch und dann, als sie eigentlich zu schneiden beginnen sollte, wurde sie seltsam ruhig und schaute sie sich die Haare Strähne für Strähne durch. Mir schwante nichts Gutes. In den Haaren klebten vereinzelt kleine weiße (nicht die braunen von Ferienbeginn) Kügelchen, die sich nur schwer entfernen ließen. Läuse. Eine andere Sorte offenbar. Krabbeltiere waren keine zu finden.

Wir mussten den Friseur verlassen (uns wurde dabei so oft versichert: „Da braucht man sich wirklich für nichts zu schämen“, bis wir uns tatsächlich schämten), die Mädchen weinten, ich fühlte mich schrecklich, als könnte ich etwas dafür, dass sie gedemütigt nach Hause schlichen, anstatt sich über ihr Aussehen zu freuen.

Dann machten wie die ganze Scheißprozedur noch einmal – inklusive Schreien, Weinen und Hysterieanfällen (von den Kindern und mir). Im Gegensatz zu den Sommerferien fanden wir kein einziges Krabbeltier, weder tot noch lebendig. Vielleicht war es nur Fehlalarm gewesen. Aber der Schaden war angerichtet.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Läuse

  1. latenightlibrarian schreibt:

    Uff, was für eine Tortur 😦 Hoffentlich jetzt auf länger gebannt.

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