Spenden und soziale Wärme

Spenden. Das gilt als etwas Gutes, eine Pflicht, die besserverdienende Menschen gegenüber jenen haben, denen es nicht so gut geht. Spenden sind von der Steuer absetzbar. Es gibt unzählige Charities. Manche unterstützen wichtige Projekte, andere nur die Eitelkeiten der Veranstalter. Bei einigen Charities kommen weniger als die Hälfte der Spenden tatsächlich bei bedürftigen Menschen an, bei manchen sogar weniger als 10%. Der Rest wird für organisatorische Aufgaben verwendet. Und für Galadiners. Weil „Awareness“ auch wichtig ist.

Es gibt etliche Akteure von Charity-Veranstaltungen, die sich für ihren Einsatz zum Wohle der Menschheit feiern lassen, aber nur ihre eigenen Interessen vertreten. Sie wollen Bekanntheit erlangen, ihre Bücher, Songs oder Perfomances einem breiten Publikum verkaufen, ihre Karriere ankurbeln. Man fragt sich wie wohl Karrieren von weltweit bekannten Charity-Posterfiguren wie Bono, Bob Geldorf oder Al Gore ohne ihr „Engagement“ verlaufen wären.

Es ist gut, notwendige Projekte zu unterstützen, sehr viele engagierte Menschen leisten da große Hilfe für viele, die sie brauchen.

Es ist aber auch eine Schande, dass Aufgaben der Armutsbekämpfung bei uns nicht der Staat übernimmt. Schließlich ist Österreich ein Sozialstaat, der dafür zu sorgen hat, dass alle Menschen, die in diesem Land leben, auch ein menschenwürdiges Leben haben.

Spendenkultur führt dazu, dass Almosen verteilt werden. Dass Menschen zu Bittstellern werden, die eigentlich Ansprüche haben sollten. Dass man diese Ansprüche nicht schafft und stattdessen Ungerechtigkeiten perpetuiert. Dass sich jene, die einige Euro hergeben, edel und gut fühlen.

Was für Österreich gilt, trifft auch auf andere Gebiete der Erde zu, die auf Spendenprojekte und Entwicklungshilfe angewiesen sind. Strukturimmanente Ungerechtigkeiten werden verstärkt, während punktuelle Projekte Leid und Armut von wenigen lindern.

Wird in der öffentlichen Wahrnehmung genug Leid durch Hilfsprojekte abgefedert wird, braucht sich niemand mehr Gedanken über die Ursachen dieses Leid zu machen: Kolonialismus, der politische Strukturen nachhaltig zerstört hat. Ehemalige Kolonialherren, die immer noch Rohstoffe für sich beanspruchen. Agrarförderungen, die Bauern außerhalb von Europa und den USA jede Chance auf einen fairen Wettbewerb nehmen. Um nur einige Beispiele zu nennen. Mache von den größten „Wohltätern“ sind genau jene, die möglichst steuerschonend operieren und so dem eigenen Land Millionen kosten. Oder solche, deren Gewinne auf der Ausbeutung anderer basieren.

Den angerichteten Schaden wieder gutzumachen, wäre ein komplexer und langwieriger Prozess. Almosen zu schicken ist viel einfacher. Es zementiert den Status quo. Immer wieder tauchen Fotos auf, die eine prominente Person mit einem geretteten Kind zeigen und die westliche Welt deutlich daran zu sehen glaubt, sie habe genug getan.

Solange Missstände nicht behoben sind – in Europa und außerhalb – sind Hilfsorganisationen für Millionen von Menschen die einzige Überlebenschance. Das ist eine Schande.

Und bei uns fühlen sich Halbprominente toll, wenn sie an ihren Champagnergläsern nippen, sich im Glanz protziger Luster sonnen und in Seitenblickekameras lächeln. Dann spenden sie fünf Euro mehr als Speisen und Getränke, die sie konsumierten gekostet haben, und gehen selbstzufrieden wieder nach Hause.

Auf Firmen springen auf den durchaus werbewirksamen Zug der sozialen Wärme auf. Billa mit der Aktion „Aufrunden, bitte!“

Bei jedem Einkauf wird der Rechnungsbetrag auf die nächsten 10 Cent aufgerundet und das Geld kommt der Caritas zugute. „Wer ein paar Cents spendet, bringt Kinder zum Lachen“ ist der Slogan von Billa für diese Aktion. Und: „Aufrunder bewirken Wunder.“ Dabei wird so getan, als wären soziale Probleme in Österreich ganz einfach zu lösen, indem man ab und zu ein Pappenstielalmosen hergibt.

Oder die Ö3-Wundertütenaktion, bei der das alte Handy, das man nicht mehr braucht und nicht mehr will zum „Wunder“ für die Armen wird. Jetzt kann man also schon Hilfe leisten, wenn man seinen Müll an „Schwellen- und Entwicklungsländer“  auslagert.

Die Ö3 Radiowerbung suggeriert sogar, dass ein einzelnes altes Telefon einer Familie mit einem Kind mit Behinderung helfen kann, die Therapie, behindertengerechte Einrichtungen in der Wohnung, etc. braucht.

Natürlich weiß jeder, der die Werbungen von Billa und Ö3 hört, dass das unmöglich ist. Aber gerade in der Vorweihnachtszeit redet man sich gerne ein, dass alles gut ist. Besonders wenn es so billig ist. Und weil doch dauernd von „Wundern“ die Rede ist. Damit genau spielen Billa und Ö3. Das schafft ein positives Image für sie selbst, das mit herkömmlichen Werbeeinschaltungen nicht erreicht werden könnte.

Wenn ich mich über eine solche im Grunde zynische PR-Aktion aufrege, die den Teilnehmenden suggeriert, 6 Cent am Tag oder in der Woche reichen für eine gerechtere Welt, sagt man mir gerne: „Da tut man wenigstens etwas.“ Oder „Aber es geht doch um die Kinder.“

Ja, es geht um die Kinder und um die anderen sozial Benachteiligten. Aber ich halte es für unappetitlich, wenn Menschen zur Imageaufbesserung von Prominenten und Konzernen instrumentalisiert werden, anstatt ihnen endlich die Rechte gesetzlich zuzugestehen, auf die sie eigentlich Anspruch haben sollten. Und dass man dann noch sagt, wie dankbar „die Kinder“ für all das sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Spenden und soziale Wärme

  1. dasmanuel schreibt:

    Harter Tobak … und wahre Worte! Was mich am allermeisten ärgert ist, dass ich selbst nicht mehr tue in dieser Hinsicht. Und mir selbst gegenüber finde ich auch immer nur die allerbilligsten Ausreden, Alltagslethargie par excellence …

  2. Chris schreibt:

    Gut erkannt – wenn man mit allerlei Winkelzügen versucht, seiner gesellschaftlichen Verpflichtung zu entkommen, dann bleiben natürlich mehr Mittel übrig, mit denen man sich dann öffentlich als Wohltäter stilisieren kann. Würde unsere Oberschicht einen gerechten Anteil in Form von Steuern beitragen, dann gäbe es viele dieser Mißstände nicht.

    Der geniale Kabarettist Georg Schramm hat dafür die passenden Worte gefunden:

    Erstmalig hat er diese Rede vor einigen Jahren tatsächlich auf einem Wohltätigkeitsball gehalten, zu dem er als Begleitunterhaltung engagiert war. Die Rezeption war wohl recht frostig…

  3. Mark S. schreibt:

    > Es ist aber auch eine Schande, dass Aufgaben der Armutsbekämpfung bei uns
    > nicht der Staat übernimmt. Schließlich ist Österreich ein Sozialstaat, der dafür zu
    > sorgen hat, dass alle Menschen, die in diesem Land leben, auch ein
    > menschenwürdiges Leben haben.

    Die Definitionen, was für menschenwürdig gehalten wird, gehen nun einmal auseinander. Der Staat, der nur einen per Wahl so halb legitimierten gesellschaftlichen Konsens darstellt, definiert es eben anders einzelne Menschen.

    > Spendenkultur führt dazu, dass Almosen verteilt werden.

    Spendenkultur führt dazu, daß andere Menschen per Spende (und nicht nur per Mundwerk) äußern können, daß Sie eine andere Meinung dazu haben, wieviel und was notwendig ist, um ein menschenwürdiges Leben zu führen.

    Sie bleiben leider die Alternative zu Spenden schuldig. Sicher, aus ihrem Beitrag kann man herauslesen, daß die Alternative ist, daß der Staat „genug“ Unterstützung bieten soll. Aber um die eigentliche Frage, wieviel denn „genug“ ist, drücken Sie sich dadurch leider herum. Wer soll denn bestimmen, was „genug“ ist? Der Staat macht es ja offenbar nicht richtig. Wer dann?

    • Karin Koller schreibt:

      Wie gesagt, ein Sozialstaat schafft Ansprüche, Spendenkultur verteilt Almosen. Diese wird aber gefördert, nicht die Rechtsansprüche.Das halte ich für falsch. Auch weil ich Spenden nicht als Protestmaßnahme sehe, und diese offensichtlich auch nicht als solche empfunden wird. Aber es ist in der Tat richtig, dass – solange keine Ansprüche bestehen – viele Menschen auf Spenden angewiesen sind.

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