An das Christkind glauben

Natürlich haben wir den Kindern vom Christkind erzählt. Nicht weil es christliche Tradition ist, sondern weil es unsere Tradition ist.

Ich erinnere mich noch genau, wie aufregend das für mich war, damals, als ich ein Kind war Stundenlang schlich ich um das verschlossene Weihnachtszimmer, versuchte, einen Blick auf das Christkind zu erhaschen. Einen Schatten, ein Licht zu sehen. Wenigstens ein Rascheln zu hören.

Das kribbelige Gefühl, nach dem Essen auf die Glocke zu warten. Wie schnell ich zum Zimmer gerannt bin, nur für den Fall, dass das Christkind ein bisschen langsamer war als sonst und ich vielleicht noch einen Zipfel seines Gewandes sehen konnte, bevor es endgültig verschwand (durch das Fenster? durch die Wand?). Wie schön der Baum aussah mit seinen Lichtern, so schön, dass es unvorstellbar war, ein normaler Mensch hätte ihn geschmückt.

Dieses Gefühl wollten wir einmal im Jahr für unsere Kinder auch. Es ist so schön, wie sie den ganzen Tag hibbelig hin und herschleichen. Wie sie versuchen, besonders brav zu sein. Wie ihnen das vor Aufregung doch nicht immer so ganz gelingt.

Aber jetzt sind sie schon beinahe zu groß für das Christkind. Nur Katharina glaubt noch daran. Lukas ist sich nicht ganz sicher. Anna scheint zu wissen, dass wir das Christkind sind. Aber wir sprechen nicht darüber.

Immer wieder versuchen die Großen, mir Fangfragen zu stellen: „Warum weißt du, Mama, für wen das Geschenk ist?“ Oder: „Wie kannst du wissen, was für Sachen in dem Paket sind, wenn du es dir noch gar nicht angeschaut hast?“

Ich winde mich dann elegant und finde halbbefriedigende Erklärungen, bei denen sich die Kinder aussuchen, ob sie in ihrer Vermutung bestätigt wurden oder ob sie vielleicht doch noch an das Christkind glauben wollen. Dieses eine Jahr wenigstens noch.

Dieses kleine Geheimnis, diese Unsicherheit, halb zwischen Kindheitszauber und Abgeklärtwerden, gefällt mir. Und den Kindern auch.

Es ist keine Lüge. Eher ein Märchen. Eine Illusion. Ich habe schon gehört, wie schlimm es für Kinder sein soll, wenn sie merken, dass die Eltern nicht die Wahrheit gesagt haben. Weil sie desillusioniert werden.

Meine Kinder finden die Christkindgeschichte toll. Anna gefällt es auch, dass sie schon groß genug ist, das Märchen zu durchschauen und ihre Geschwister noch nicht. Auch wenn die Kleine mitunter für ihre Naivität verspottet wird, lassen sie die Großen mit dem Christkind in Ruhe. Sie ermuntern sie sogar in ihrem Glauben und werfen einander dabei vielsagende – wenn auch leicht zweifelnde – Blicke zu. Aber sie verraten nichts. Sie verunsichern sie auch nicht. Sie lassen ihr den Zauber und erlauben sich, auch von diesem Zauber eingewickelt zu werden. Sie haben verstanden.

Das ist die Illusion, die langsam verblasst, nicht mit einem lauten Knall als Lüge überführt wird, sondern schöne Kindheitserinnerungen erweckt. Auch viel später noch, wenn man selbst das Christkind ist und alle das wissen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu An das Christkind glauben

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Ich finds noch heute einfach zauberhaft. Schön, dass ihr euren Kindern das noch eine Zeit erhaltet. Liebe Grüße von Doris

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