Blutwurst

Das mit der Blutwurst hätte ich wissen können, sicher.

Eigentlich hatte mir vor Blutwurst immer ein bisschen gegraust. Meine Mutter erzählte, wie sie Blutwurst gemacht hat. Zuerst die Därme ausschaben und waschen. Dann die Füllung, die ihre Tante aus Rollgerste gekocht hatte, in das frische Blut mengen, das ihre Mutter rühren musste, damit es nicht stockte. Diese Füllung in die Därme stopfen und die Würste, die mit Holzstäbchen verschlossen wurden, in einem Bottich mit kochendem Wasser ziehen lassen. Dabei wurde die eine oder andere Wurst aufgeschnitten, um die Kochbrühe gehaltvoller zu machen. Diese Brühe wurde vor dem Haus in der Winterkälte tiefgefroren. Immer wieder hackte man ein Stückchen heraus für das Mittagessen.

An die Blutwürste meiner Oma kann ich mich nicht erinnern. Es muss sie aber auch noch gegeben haben, als ich schon erwachsen war. Vielleicht wurde sie nie in meinem Beisein gegessen, weil ich meine Abneigung immer lautstark geäußert hatte.

Vor einigen Jahren war ich in London. Ich bestellte ein English Breakfast. Mit Black Pudding. Und diese Blutwurst schmeckte mir gut. Sogar zum Frühstück.

In Vorarlberg ist es üblich, im Herbst Blut- und Leberwürste mit Sauerkraut zu essen. Sogar im Krankenhaus konnte man dieses Gericht wählen, und weil ich mich abenteuerlich fühlte, tat ich das auch. Die Wurst war nicht schlecht, aber anstatt fest und braun zu sein wie der Black Pudding, den ich kannte, war sie rot und cremig. Und sehr fett, vielleicht in ein oder zwei Bissen ein Genuss, als halbe dicke Wurst am Teller aber viel zu viel.

Als ich das letzte Mal in Wien war, ritt mich der Teufel wieder. Im Café Museum bestellte ich panierte Blutwurst. Zum Mittagessen. Ich hätte mir ja auch etwas denken können bei den Worten PANIERTE und BLUTWURST und deren einander in allen Nuancen verstärkender Wirkung. Tat ich aber nicht. Die Abenteuerlust siegte wieder einmal.

Das Gericht sah sehr appetitlich aus. Drei panierte Rädchen auf einem Krautsalatbett. Vorsichtig zerschnitt ich eines von ihnen. Insgeheim hoffte ich auf Black Pudding. In den Rädchen befand sich aber eine blutrote Masse. Mit kleinen weißen Fettstückchen. Mein Mann sah mich mit triumphierendem Blick an: Natürlich hatte er es vorher gewusst und etwas anderes bestellt.

Schlecht schmeckte die Wurst nicht. Das nicht, aber bekömmlich war sie auch nicht. Das spürte ich den ganzen Nachmittag. Im Museum, in der Buchhandlung und im Kleidergeschäft.

Zurück im Hotel wollten wir die Kinder anrufen und dann, vor dem Abendessen, ein Schläfchen halten. Mein Mann erzählte den Kindern gleich brühwarm von der Blutwurst und welche Beschwerden ich hatte. Die Kinder stellten sich sicher vor, ich würde halb Wien mit meinem Rülpsern zum Einsturz bringen. Alle amüsierten sich köstlich. Alle außer mir.

Ich legte mich hin, konnte aber nicht einschlafen. Die Sorge, die Blutwurst könnte mir beim Abendessen, das ich vor Wochen vorbestellt und auf das ich mich ebensolange gefreut hatte, den Appetit verderben, hielt mich wach.

Nach einer Stunde verkrampften Daliegens stand ich auf und machte mich für das Abendessen schön. Erst da fiel mir auf, dass beim Aperitif das Blutwurstessen schon acht Stunden her sein würde. Acht Stunden. Nichts außer einer Lebensmittelvergiftung beeinträchtigt den Appetit nach ACHT Stunden. Langsam klang meine Panik ab.

Das macht Blutwurst aus Menschen.

Ich bin allerdings sicher, dass mein Mann, der mich so sehr verspottet hatte, mich heimlich für meinen Heldenmut, eine Blutwurst tatsächlich zu essen, bewunderte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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