Sich wehren

Von Katharinas Leukämieerkrankung erfuhren wir, als wir bei meiner Mutter in Kärnten auf Urlaub waren. Katharina hatte eine Woche lang leichtes Fieber gehabt und plötzlich war ihr Bauch mit kleinen lila Pünktchen übersät. Ich tippte auf Sonnenausschlag oder Kinderkrankheit und ging mit ihr zum Arzt. Der meinte, es sei eine Gerinnungsstörung und legte uns nahe, das im Krankenhaus anschauen zu lassen. Er mahnte nicht unbedingt zu Eile.

Am nächsten Tag – es war Annas Geburtstag – gingen wir mit Katharina ins Krankenhaus. Wir rechneten damit, mit einem Medikament nach Hause zu gehen und am Nachmittag Geburtstag zu feiern.

Es kam anders.

Die Diagnose Leukämie ließ uns erst einmal im Schock zurück. Mechanisch hörte ich, was der Arzt vorschlug, ohne wirklich zu verstehen. Mein Kopf schien wie mit Wolle gefüllt. Der Arzt sagte, er würde ein Kärntner Kind nach Graz schicken. Das wäre für uns aber nicht sinnvoll, deshalb schlage er Innsbruck vor. Dort müssten wir sofort hin.

Mein Mann wollte selbst fahren, der Arzt riet ihm aber dringend ab, das in dieser Situation und mitten im Sommerreiseverkehr (es war Samstag) zu tun.

Innerhalb von einer Stunde saßen Katharina und ich in einem Krankenwagen. Dorthin geschwemmt wie zwei Stückchen Holz, ohne ganz genau sagen zu können, wie das tatsächlich geschehen ist.

Der Krankenwagen fuhr mit Blaulicht und Signalhorn bis Innsbruck. Ich konnte nicht beurteilen, ob Katharinas Situation so bedrohlich war, dass dieser Aufwand gerechtfertigt war. Alles wirkte bedrohlich auf mich. Ich wusste nichts und hatte Angst.

Ich brauchte lange, um mich mit dem Gedanken abzufinden, dass mein Kind Krebs hat. Die Angst blieb. Ich musste mich auch ständig auf neue Ängste, Maßnahmen, Ungewissheiten einstellen.

Das gesamte Leben war damit ausgefüllt, zu versuchen, das Kind gesund zu machen und nicht selbst dabei zu verzweifeln.

Nach einigen Wochen kam ein Brief von der Vorarlberger Gebietskrankenkasse. Die Erstversorgung hätte in Klagenfurt stattfinden sollen, stand da drin, deshalb werde man die Transportkosten nach Innsbruck nicht übernehmen. Etwa 1000€ seien zu zahlen.

Ich verstand nicht. Wir hatten genau die Anweisungen des Arztes befolgt. Klagenfurt wurde überhaupt nie erwähnt. Und jetzt tat die Krankenkasse so, als hätten wir Sonderwünsche gehabt.

Ich hatte damals ganz andere Dinge im Kopf. Vielleicht hätte ich sogar gezahlt, nur um eine Sorge weniger zu haben. Nicht weil ich das gerecht fand.

Aber mein Mann ist Anwalt. Er wehrte sich. Schrieb einen Brief, auf den er eine unfreundliche Antwort bekam. Nach einigem Hin und Her wurde klar, dass wir in dieser Angelegenheit um ein Gerichtsverfahren nicht umhin kämen, wenn wir Recht behalten und die 1000€ nicht zahlen wollten.

Das Verfahren bestand aus mehreren Verhandlungen. Gutachter wurden bemüht. In erster Instanz bekamen wir Recht. Die Gebietskrankenkasse legte Berufung ein. Wir mussten in die zweite Instanz.

Der Klagenfurter Primar sagte, Klagenfurt wäre das richtige Krankenhaus gewesen. Alle anderen –Primarärzte aus Dornbirn, Innsbruck, Villach und dem St. Anna Kinderspital – sagten, schon alleine wegen der Onkologie-Studie, an der Katharina teilnahm, müsse das Erstaufnahmezentrum eine Universitätsklinik sein. Das ging sogar so weit, dass einer der Primarärzte per Telefon den Richter beschimpfte. Obwohl der ja nichts dafürkonnte.

Am Ende bekamen wir Recht. Die VGKK bezahlte die Transportkosten. Und musste die Gerichtskosten und Anwaltshonorare übernehmen. Die VGKK, das Gericht und die beteiligten Ärzte hatten einen enormen Aufwand: wegen nichts.

Und wir auch. Obwohl wir eigentlich andere Sorgen hatten.

Wahrscheinlich rechnen Institutionen, die solche Forderungen stellen, damit, dass man sich nicht wehrt.

Deshalb ist es wichtig, sich zu wehren. Auch wenn es mühsam ist.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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