Sasaka

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Es gibt Dinge, die schmecken nur an einem bestimmten Ort.

Sasaka zum Beispiel. Und Hauswürste. Sasaka ist ein Brotaufstrich in Kärnten, ähnlich wie Verhackertes andernorts. Meine Oma hat Sasaka damals selbst gemacht. Als sie jedes Jahr ein Schwein aufzog und im Herbst schlachtete. Würste machte sie auch selbst und Speck. Der Speck musste möglichst weiß sein. Für mit Fleisch durchzogenem Speck hätte sie sich geschämt, eine „Armeleutesache“ wäre das, sagte meine Oma damals, obwohl sie selbst nicht mehr als eine Mindestrente bezog. Aber vielleicht ist es gerade dann besonders wichtig, nicht arm zu sein, oder als arm zu gelten.

Für Sasaka wird Speck gewürzt und durch einen Fleischwolf gedreht, bis eine Paste entsteht. Je fleischloser der Speck war, desto weißer wurde die Sasaka. Früher, als meine Mutter ein Kind war, verwendete man hauptsächlich Sasaka als Fett, sehr selten Butter oder Öl. Man briet Eier und Käse darin. Man schmolz die Sasaka und goss sie über die Polenta. Benutzte sie als Brotaufstrich, manchmal auch mit Zucker, zur Abwechslung.

Als ich ein Kind war, gab es Sasaka immer zur Brettljause, zusammen mit Hauswurst und Speck. Ich liebte das. Ein Sasakabrot mit Wursträdchen. Ein Speckbrot mit Knoblauchscheiben. Ich mochte diese Jausen so sehr, dass ich mir einmal nach den Ferien bei der Oma ein Töpfchen Sasaka mit nach Salzburg nahm.

In meinem Zimmer roch es komisch. Aufdringlich rauchig. Nach Selchküche. Derselbe Geruch, der in Kärnten eine herrliche Jause ankündigte, war in Salzburg völlig fehl am Platz. Mir schmeckte die Sasaka nicht. Auch das Salzburger Brot passte nicht dazu.

Die Sasaka hatte ich mitgenommen, um zu Hause ein Stückchen Kärnten zu haben. Eine kulinarische Erinnerung an die Ferien und meine Oma. Es war ein Desaster. Ich stellte meinen Geschmack in Frage. Mir kam die Sasaka zu rustikal vor.

Damals war ich ein Teenager. Ich schämte mich für fast alles. Und jetzt eben auch für Sasaka.

Ich aß auch in den Ferien bei meiner Oma keine mehr.

Erst viel später, meine Oma war schon gestorben, kam der Nachbar vorbei, als ich mit meinem Mann bei meiner Mutter in Kärnten war. Er brachte ein Töpfchen mit Sasaka vorbei und sagte: „Man kann doch nicht nach Kärnten kommen und dann keine Sasaka essen.“

Der Nachbar hatte die Sasaka auch selbst gemacht. Sogar das Schwein aufgezogen und den Speck im Schuppen geräuchert. Meine Mutter strich die Brote. Mein Mann war neugierig.

Ich kostete eher widerwillig. Das ist halt zu rustikal, nicht mehr zeitgemäß für mich, dachte ich.

Aber die Sasaka schmeckte wirklich gut. Aus dummer, adoleszenter Verunsicherung habe ich sie jahrelang nicht gegessen. Jetzt hat meine Mutter immer, wenn wir nach Kärnten kommen, ein Töpfchen Sasaka für uns (leider nicht mehr selbstgemacht). Weil es dazugehört. Aber eben nur in Kärnten. Weil manche Dinge nur im richtigen Zusammenhang zu genießen sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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