Der Ausflug auf der Reise

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Früher versuchten wir lange Reisen mit den Kindern möglichst schnell hinter uns zu bringen. Fuhren wir zu meiner Mutter nach Kärnten, ertrugen wir den Unmut der Kinder und waren froh, am frühen Nachmittag anzukommen. Zermürbt. Ein Reisetag war ein verlorener Tag. Das war nicht zu ändern.

Vor drei Jahren fuhr ich alleine mit den Kindern nach Kärnten. Ich traute mir nicht zu, die ganze Strecke durchzufahren, nur unterbrochen von einer eher stressigen Mittagspause in einer Autobahnraststätte mit schlechtem Essen und unzufriedenen Kindern.

Deshalb beschloss ich, eine Jause einzupacken und mit den Kindern in Salzburg in den Zoo zu gehen. Bei Salzburg hat man von uns aus etwa zwei Drittel der Strecke geschafft. Die Kinder freuten sich auf den Zoo und waren recht brav. Zweieinhalb Stunden verbrachten wir im Zoo. Es war ein schöner Nachmittag. Bei der Weiterfahrt schliefen die Kinder gleich ein und ich hatte eine ruhige Fahrt. Der Tag war ein Ausflugstag und kein Reisetag. Alle waren froh.

Bei der Rückreise ging ich mit den Kindern in die Kristallwelten und im Jahr darauf in das Silberbergwerk in Schwaz.

Dieses Jahr, bei der Kärntenreise vor Weihnachten überzeugte ich meinen Mann, es diesmal doch auch mit einem Ausflug zu versuchen. Wir entschieden uns für das Schloss Ambras in Innsbruck.

Der erste Raum war voll mit Ritterrüstungen. Für Kinder und für Riesen. Eine dieser Rüstungen hatte direkt im Schritt eine Halbkugel von nicht unbeträchtlicher Größe eingeschweißt. Katharina bemerkte das als Erste. Sie begann zu kichern. Dann wunderten sich die Kinder darüber, ob der Ritter seinen Penis in die Halbkugeln gelegt hat, oder ob ihm diese als Reservoir diente, wenn er pinkeln musste.

Im zweiten Raum waren wieder hauptsächlich Rüstungen ausgestellt. Enttäuschend, dachte ich, doch dann entdeckte ich einen großen Spiegel in der Mitte des Raumes. Ein opulentes Deckengemälde mit Monstern und Fabelwesen, Menschen und Tieren spiegelte sich darin. Es stellte die Sternbilder dar.

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Wir gingen weiter in die Wunderkammer. Hier waren Vitrinen mit Wunderdingen, die Erzherzog Ferdinand im 16. Jahrhundert gesammelt hatte, ausgestellt. Ich versuchte gerade bei einem Schachspiel mit großen silbernen und goldenen Figuren herauszufinden, welche Figuren die Läufer sind, da hörte ich meine Kinder vor Entzücken rufen.

Sie standen vor einem Bild und einem Modell eines Menschen, der einen Pfahl im Kopf stecken hatte, der im Hinterkopf ein- und durch das Auge austrat. Daneben hing ein Bild eines im gesamten Gesicht behaarten Mannes. Das Panoptikum menschlichen Leids kommt offenbar immer noch gut an bei kindlichen Gemütern.

Mein Mann stand vor zwölf kleineren Bildern. Sie stellten die zwölf Cäsaren dar, wie sie Sueton beschrieben hat. 5 davon tragen Lorbeerkränze.

Mein Blick fiel auf zwei Paar Schuhe. Hohe Schuhe mit ca 30 cm hohen Plateausohlen und zarte Sandalen mit10 cm langen Spitzen. Ich wäre mit beiden Schuhen umgefallen.

Der Stuhl in der Ecke sah aus wie ein Folterstuhl. Tatsächlich konnte man einen Gast mit einem Mechanismus daran fesseln und erst wieder freigeben, nachdem er ausreichend viel getrunken hatte.

Spiele, Gebrauchsgegenstände, Luxusgüter, Truhen, Kästchen, Schaukästen (einer davon mit einem Skelett, das nach dem Apfel der Erkenntnis greift – ein Tödlein-Schrein), Pokale aus Nashornhörnern.

Mein Favorit war das Korallenkabinett, eine aus versilbertem Perlmutt aufgebaute Meeresgrotte mit korallenen Seeungeheuern und barbusigen Nymphen. Über dem Meeresgetümmel erhob sich ein an einen Korallenast gekreuzigter Korallenjesus. Wenn der nicht den Besuch wert war, dann weiß ich auch nicht.

Beim Ausgang der Wunderkammer studierte mein Mann einen Wandteppich, auf dem Leben und Schlachten von Kaiser Maximilian dargestellt waren.

Im Schloss sahen wir noch das Dampfbad der Philippine Welser, ein Schwitzraum aus dem 16. Jahrhundert. Die üppigen Bemalungen auf den Wänden des Innenhofs. Den spanischen Saal mit seinen Darstellungen der Tiroler Landesfürsten, die an Scheußlichkeit kaum zu überbieten, und gerade deshalb interessant waren.

Jeder fand etwas Lustiges oder Interessantes im Schloss. Das ist recht selten bei uns.

Es war ein toller Ausflug. Der Reisetag trat in den Hintergrund.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Der Ausflug auf der Reise

  1. lisimoosmann schreibt:

    Du hast sehr recht. Das Museum ist voller skuriller, interessanter Dinge, die eine stundenlang schön unterhalten.

  2. meinesichtderwelt schreibt:

    Ein toller Tipp, vielen Dank dafür. Und ich kichere immer noch über die „Schamkugel“ an der Ritterrüstung, darauf haben die Herren sicher großen Wert gelegt 😉

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