Pensées: Haare

  1. Haare werden gepflegt, geföhnt, gegelt, geformt, geflochten, gelockt, gelegt, frisiert, gefärbt.
  2. Manche Frauen tragen ihre Haare wie ein Statussymbol. Manche Männer auch.
  3. Perfekt haben Haare schon seit den Achtzigerjahren selbst bei Regen, Wind und Trockenheit zu halten.
  4. Mit Haaren wird gespielt, sie werden als erotisch empfunden, liebkost.
  5. Außer es fällt eines aus. In dem Moment, in dem das Haar den Kopf verlässt, einzeln irgendwo drauffällt und herumliegt, wird es innerhalb von Zehntelsekunden von etwas Begehrenswertem zu etwas Ekelhaften.
  6. Körperhaare gelten allgemein als verabscheuenswert. Alle.
  7. Wie viel Zeit man als Frau verbringt, sich zu rasieren, zu depilieren, zu wachsen, zu zupfen, zu trimmen.
  8. Wie schmerzhaft das ist. Wie viele Ausschläge, Rötungen, Juckreize und Agonien man dabei im Lauf des Lebens in Kauf nimmt.
  9. Wie sehr man sich immer noch darüber Sorgen macht, ob man vielleicht doch nicht haarlos genug ist.
  10. In den Achtzigerjahren, machte man in amerikanischen Filmen Scherze darüber, dass Französinnen noch Achselhaare haben. Bei uns war das damals noch optional mit Tendenz zur Rasur.
  11. Als ich ein Kind war, sah man aus den Bikinihöschen noch ungetrimmtes Schamhaar quellen. Heute meinen sehr viele Frauen, sie müssten sich dem Diktat der Pornoindustrie beugen, die wegen besserer Sichtbarkeit bei Nahaufnahmen hauptsächlich gewachste Intimbereiche zeigt.
  12. Dabei sollten alle Menschen ihre Haare an allen Körperstellen so tragen, wie ihnen das gefällt oder wie es ihnen angenehm ist. Ohne dass andere sie abschätzig mustern.
  13. Eine Bekannte von mir ging sogar so weit zu sagen: „Ich finde es gibt nichts Ekelhafteres als Haare auf den Beinen.“
  14. Zugegeben, sie hat noch nicht viel wirklich Ekelhaftes gesehen. Aber trotzdem. Mich hat das schon ein bisschen schockiert.
  15. Auch Augenbrauen werden mitunter zu dünnen Strichen gezupft, bis das Gesicht seine Persönlichkeit verliert.
  16. Weil: Haare verleihen Persönlichkeit.
  17. Haare wären nicht so wichtig, dachte ich, als Katharina krank wurde. Wer wird denn schon so oberflächlich sein und an Haare denken, wenn das Kind an Leukämie erkrankt ist. Dachte ich. Und nahm mir vor, den Haarausfall emotional zu ignorieren.
  18. Es dauerte relativ lange, bis ihr die Haare ausfielen. Kurz hoffte ich, sie würde die Haare behalten. Das kommt bei ganz wenigen Krebspatienten vor.
  19. Doch dann fielen sie doch aus. Büschelweise. Die Hälfte bei einem einzigen Mal Haarewaschen. Ich fuhr ihr über den Kopf und hatte Haare in der Hand. Als hätte ich sie weggeschabt. Die restlichen Haare fielen innerhalb von ein paar Tagen aus.
  20. Eigentlich war das praktisch, weil sie aufgrund ihres Herzkatheters nicht duschen oder baden durfte und Haarewaschen deshalb sehr anstrengend war.
  21. Aber ich begriff auch, warum sich alle so vor den Haarausfall fürchteten.
  22. Katharina sah nicht mehr aus wie sie selbst. Sie sah aus wie ein Onkokind. Wie alle Onkokinder. Weil ohne Haare sich die Kinder irgendwie gleichen.
  23. Der Haarausfall war die sichtbare Manifestation der Krankheit bei gleichzeitiger Aufgabe der Individualität.
  24. Es war zu viel. Emotional. Ich habe trotzdem versucht, nicht so viel daraus zu machen.
  25. Anna und Lukas haben auch nichts zu Katharina gesagt. Sie haben verstanden.
  26. Nachdem Katharina gesund wurde, haben wir immer wieder über die Krankheit geredet. Damit sie diese nicht irgendwo schubladisiert später zur Bedrohung für sie wird. Das ging eigentlich ganz gut. Bis vor Kurzem. Da sagte Katharina plötzlich: „Bitte hör auf darüber zu reden.“ Und begann zu weinen.
  27. Auf meine Frage, was los sei, sagte sie: „Da war ich glatzig wie Caillou. Wenn ich das jetzt wäre, würden mich alle auslachen.“
  28. Was soll man darauf sagen?
  29. Mir wäre es lieber, wenn Haare keine so große Rolle spielten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Pensées: Haare

  1. latenightlibrarian schreibt:

    Ich nummeriere jetzt auch 🙂
    1. Ich musste ja beim Lesen über den Ekel vor ausgefallenen Haaren fast sofort an den Trauerschmuck aus Haaren denken, bzw. das Aufheben von Locken von Geliebten und Kindern (und in der Erweiterung Kinderzähne … auch ein wenig gruselig).
    2. Beim Stricken soll es angeblich Glück bringen, wenn ein Haar der Trägerin in das Stück eingestrickt wird, was sich manchmal nicht verhindern lässt. Mich stört das eher und ich siehe sie aus dem Strickstück, was irgendwie auch lustig ist.
    3. Meine eigenen Haare erkenne ich immer sofort, weil sie so gelockt sind.
    4. Haare sind schon ziemlich mächtig. So mächtig, dass sie dringend unter Kontrolle gebracht werden müssen. Besonders bei Frauen. Besonders wenn sie nicht „westlichen“ Standards entsprachen. Besonders wenn die Menschen nicht Weiß sind.
    5. In den USA werden Schwarze Kinder, vor allem Mädchen, von der Schule ausgeschlossen, weil ihre Haare angeblich „ablenken“.
    6. Das Bedecken der Haare bei den Frauen hat in vielen Kulturkreisen schon lange Tradition, auch in unserem, besonders für verheiratete Frauen. Drum sind sie „unter die Haube“ gekommen, während die unverheirateten Frauen die Haare noch offen tragen durften/mussten.
    7. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Kulturgeschichte der Haare, die nie so geradlinig ist, wie wir annehmen.
    8. Ich habe auch über die Absenz von Haaren nachgedacht.
    9. Wird der Kopf freiwillig geschoren oder ist aufgrund von Haarausfall haarlos, ist das etwas anderes als wenn es aufgezwungen wird oder gewaltvoll geschieht.
    10. Die gewaltsam geschorene Glatze ist im 20. Jahrhundert mit so vielem verbunden.
    11. Ich habe mich aber auch an die buddhistischen Mönche und Nonnen erinnert, die sich die Haare abscheren.
    12. In meiner Schule in der Schweiz schor sich eine junge Frau die Haare ab, sie sah wunderbar aus.
    13. Eine meiner Freundinnen sagte zu einer anderen Freundin, die sich einen Kurzhaarschnitt hatte schneiden lassen, nach langen Jahren mit Haaren bis zu den Oberschenkeln: „Du siehst aus wie eine Kampflesbe.“ Heute trägt die Freundin mit den kurzen Haaren wieder einen Bob, weil sie mit den kurzen Haaren so oft zur Friseur*in musste.
    14, Kurze Haare bei Frauen lösen Irritationen aus.
    15. Meinem Vater fielen die Haare zweimal aus. Zwei Chemotherapien.
    16. Einmal wurde er bei einem Restaurantbesuch, bei dem ich ihn begleitete von einem Bekannten gefragt, ob seine Haare denn überall ausgefallen wären.
    17. Anscheinend sind ihm seine Schamhaare nicht ausgefallen.
    18. Mich nervt ja schon das Rasieren der Beine, darum lasse ich es die meiste Zeit, aber irgendwann habe ich mir einmal so Schmirgelpads besorgt, mit denen auch die Armhaare entfernt wurden, weil ich aus unerfindlichen Gründen dachte, das sei notwendig. Dabei schmirgelte ich mir auch Haut ab, die feiner weißer Staub war.
    19. Die nachwachsenden Haare an den Armen haben mich so irritiert – viel hässlicher als meine normalen Armhaare, die gar nicht hässlich sind.
    20. Ich überlege seit einiger Zeit, meine Haare am Kopf nicht mehr zu färben. Ich will wissen, wie ich aussehe mit meinen weißen Haaren und das Färben ist mühsam. Noch mühsamer ist, wenn die Haare nachwachsen, meine wachsen so schnell. Also will ich sie dann kurz abschneiden lassen. Mal sehen. Eigentlich wollte ich erst mit 40 … aber noch 6 Jahre Haare färben?

    • latenightlibrarian schreibt:

      „ziehe“ … ich „ziehe“ sie aus dem Strickstück.

      • Karin Koller schreibt:

        Haare müssen unter Kontrolle gebracht werden: Ich kenne einige Frauen, die langes oder halblanges Haar haben, und niemals ohne Haarreif, Spange oder Zöpfen herumlaufen würden. Sie finden es unpassend, auch wenn andere die Haare offen tragen. Über die Frisur des Sohnes von Bill de Blasio gab es auch Diskussionen. Ich finde es sehr schade, wenn immer noch die Konvention den persönlichen Geschmack einschränkt.
        Geschorene Haare: Selbst wenn eine Frau das möchte, eckt sie an. Ich erinnere mich noch gut um das Theater um Sinéad O’Connor damals. Auch bei Miley Cyrus fühlen sich „Frauenzeitschriften“ bemüßigt, die Haare zu kommentieren.
        Körperhaarrasur: Ich finde, Caitlin Moran hat in How to be a Woman da einige gute Sachen geschrieben. Dass man überall die Haare so tragen dürfen sollte, wie es einem angenehm ist. Das wird aber so bald nicht allgemein akzeptiert werden.
        Haare Färben: Mit 18 sagte ich voller Inbrunst: Ich werde mir nie die Haare färben, weil mir das zu unnatürlich ist. Jetzt möchte ich nicht mehr ohne meine roten Haare sein und freue mich immer nach dem Färben, wenn sie besonders kräftig leuchten. Also auch meine Kulturgeschichte der Haare nicht so geradlinig.

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