Meinungsbildung

Wie bildet man sich seine Meinung? Wie viele Informationen sind ausreichend, um eine einigermaßen fundierte Aussage treffen zu können? Wie kann man wissen, ob etwas richtig ist?

Als junger Mensch war ich ständig unsicher. Ich wusste nicht, wie ich mir eine Meinung bilden sollte. Die einen sagten dies, die anderen das Gegenteil. Wie konnte ich mir anmaßen, für die einen zu urteilen und gegen die anderen, oder umgekehrt? Was wusste ich denn schon? Einerseits bewunderte ich Leute, die selbstbewusst ihre Meinung äußerten, andererseits merkte ich damals schon, dass in vielen Fällen nichts als heiße Luft verblasen wurde. Trotzdem diskutierte ich gerne und viel, aber eher um zu hinterfragen.

In einem Buch, da ich vor Jahren gelesen habe, stellte jemand die Frage: „Wie kann ich wissen, ob etwas Kunst ist?“

Die Antwort war: „Schau dir 1000 Kunstwerke an und dann wirst du es wissen.“

Dieser Satz gilt nicht nur für die Kunst, sondern auch für alle anderen Bereiche.

Die ersten Weine, die man trinkt, schmecken alle irgendwie ähnlich. Probiert man aber im Lauf der Zeit verschiedenste Weine, wird man den Geschmack eines guten Weines zu schätzen und dessen Qualität einzuschätzen wissen.

Der allererste Kinobesuch ist meistens ein unvergessliches Erlebnis, unabhängig von der Qualität des Films. Hat man viele Filme gesehen, lernt man zwischen den guten und den schlechten Filmen zu unterscheiden.

Hört man eine Expertenanalyse im Fernsehen zum ersten Mal, wird man vielleicht der Expertise des Vortragenden vertrauen. Nachdem man vom selben Experten weitere Analysen gehört hat, wird man entscheiden können, ob es sich um fundiertes Wissen oder um hohles Geschwätz handelt.

Die Erfahrung lehrt, zwischen Kunst und Krempel zu unterscheiden, genauso wie zwischen durchaus Plausiblem und gänzlich Unwahrscheinlichem.

Im Leben wird jeder Mensch unwillkürlich oder willentlich unzähligen Informationen ausgesetzt. Durch den Vergleich von Informationen eines Fachgebiets entsteht Wissen über dieses Gebiet. Durch das Zusammenspiel aller Informationen entsteht ein Weltbild. Auf der Basis dieses Bildes werden neue Informationen beurteilt.

Derzeit wird häufig diskutiert, wie verwirrend „das Internet“ ist, wie viel schwieriger die Meinungsbildung geworden ist, als zu den Zeiten vor dem Internet. Dabei wird vergessen, dass das Internet das Medium und nicht die Botschaft ist.

Im Internet sind unterschiedlichste Meinungen und eine unglaubliche Fülle von Informationen für jeden frei zugänglich. Jeder kann sich die Dinge heraussuchen, die das eigene Weltbild unterstützen. Auch das halten „Kritiker“ für gefährlich.

Das ist aber nicht ein Phänomen des Internets sondern ein ganz allgemeines. Jemand, der sich viele Pornofilme angeschaut hat, wird ein anderes Bild von Sex haben, als jemand, der viele Rosamunde Pilcher Filme gesehen hat. Sein Frauenbild wird anders sein, als jenes einer Leserin von feministischer Literatur.

Ein Krone-Leser kauft seine Zeitung, weil deren Inhalte am besten mit seinem vertrauten Weltbild übereinstimmen und würde nicht zum Standard oder zur Taz wechseln. Würde er ein breiteres Informationsspektrum im Internet suchen, sprächen ihn vermutlich verstärkt die Sites an, die dieses Weltbild verbreiten. Deshalb ist das Internet noch nicht bedenklicher als andere Medien, sondern nur vielfältiger.

Sich vielfältig (auch bei Menschen mit anderen Ansichten)zu informieren, hilft gegen Einseitigkeit der Meinungsbildung. Das Schöne am Internet ist, dass man das dort kann. Die Vielfalt ist allen frei zugänglich. Nutzen muss man sie halt. Wenn man den Satz mit der Kunst auf das Internet umlegt, wird man nach intensiven Konsum selbst beurteilen, welche Sites seriöse Informationen bieten und welche Propaganda sind, welche ansprechen und welche man nicht mehr besuchen wird. Das ist immerhin besser, als ein Propagandablatt als einzige Informationsquelle zur Verfügung zu haben.

Sich eine Meinung bilden, muss jeder selbst.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Meinungsbildung

  1. Axel schreibt:

    Hallo Karin,
    dieses Problem hatte ich genauso früher auch. Du hast die Möglichkeiten des „Wachsens“ und eine Person /Persönlichkeit zu werden gut beschrieben.
    Dieser Beitrag gefällt mir sehr gut.
    Lieben Gruß
    Axel

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